krimi: Tiefe Wasser sind kalt
Der „Polizeiruf“ aus Rostock taucht ins Prostitutionsmilieu ein – schlüssig und spannend
Foto: Boris Laewen/ndr
Sie wissen nichts. Sie können mich nicht retten. Und sie werden mich nicht beschützen.“ Das sagt Natasha (Anastasiia Mazhara) den Kommissarinnen, die ihr eben kein Angebot machen können, das sie nicht ablehnen könnte.
Der neue „Polizeiruf“ aus Rostock spielt im Prostitutionsmilieu, das auch nur eine Unterabteilung der organisierten Kriminalität ist, deren Grenzen zur juristisch einwandfreien Realwirtschaft wiederum fließend sind. In diesem Film steckt viel drin, manchmal auch zu viel an Plot und Nebenhandlungen. Jedenfalls für den gelegentlichen Zuschauer, der die über mehrere Folgen sich erstreckende Zeichnung der Hauptcharaktere nicht immer gleich nachvollziehen kann. Aber Überforderung ist ja gut, man bekommt Lust, alte Folgen nachzuschauen. Die Personen bekommen Tiefe, manchmal auch ein wenig viel deutsche Schwere. Aber vielleicht sind wir ja einfach so; und es wäre ein Irrtum, auf einem globalisierten Fernsehmarkt nicht das Eigene herauszustellen. „Sie haben Namen“ ist ein deutscher Krimi, auch wenn ihn Menschen aus Osteuropa, insbesondere die großartige Anastasiia Mazhara, prägen.
Die Wasser sind tief und kalt in diesem Land, die Leiche, die aus einem See geangelt wird, ist gut erhalten, eine minderjährige Prostituierte stellt sich heraus, totgefoltert, mit Zuhälterstempel in Tattooform.
Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Melly Böwe (Lina Beckmann) machen sich an die Arbeit. Sie wollen ein individuelles Schicksal und individuelle Verantwortung klären. Aber sie stoßen auf Strukturen in Form des diabolischen Oberstaatsanwalts Jan Jürgens. Thorsten Merten ist vielleicht das darstellerische Hauptereignis in diesem „Polizeiruf“. Da stimmt bis zur sehr stimmigen Garderobe (Kostüm: Katja E. Waffenschmied) alles.
Und das Thema Prostitution, um das sich im Kern alles dreht? „Der erste und wichtigste Schritt wäre, Prostitution zu verbieten. Wir brauchen das nordische Modell“, sagt Julia Wege, Fachberaterin für den Dreh im Gespräch mit dem NDR.
Dem ist nichts hinzuzufügen; und es wird so kommen, früher oder später, je nachdem wie lange wir eben legale sexuelle Gewalt noch dulden wollen. Die Frau als Ware in der Prostitution, das alltägliche Gemetzel sexueller Gewalt, das hingenommen und gefördert wird, ist die Voraussetzung für Fälle wie Pelicot. Ambros Waibel
„Polizeiruf 110: Sie haben Namen“,Sonntag, 1. November im Ersten und in der Mediathek
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