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SozialstaatsreformBürgerfreundlich heißt nicht automatisch gerechter

Anna Lehmann

Kommentar von

Anna Lehmann

Auf den ersten Blick kann man sich über die parteiübergreifende Einigkeit bei der Reform freuen. Doch der Druck auf Sozialstaat wächst weiter.

Scheint zufrieden mit der Einigung: Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) Foto: Omer Messinger/getty images

J etzt bitte mal nicht meckern! Dass sich Vertreter:innen von Union und SPD sowie aus Bund, Ländern und Kommunen in einer Kommission in wenigen Monaten auf eine „Sozialstaatsreform“ einigen konnten und alle außer der AfD das Ergebnis gut finden, ist in diesen Zeiten der Polarisierung viel wert. Die Union spricht von einer guten Grundlage. Die SPD lobt: „Wir drehen das große Rad.“ Grüne und Linke finden die Richtung richtig, ebenso Wohlfahrtsverbände.

Und in der Tat: Wenn die vorgeschlagenen 26 Maßnahmen der Sozialstaatskommission umgesetzt werden, wird für viele Menschen vieles einfacher. Das Kindergeld etwa soll automatisch ab Geburt ausgezahlt werden. Bislang bekam das Baby lediglich die Steuernummer ungefragt zugeschickt. Wer zusätzlich zum – schmalen – Gehalt noch Leistungen wie Wohngeld oder Kinderzuschlag bezieht, soll nur noch eine Behörde anschreiben müssen, und zwar digital von zu Hause aus.

Perspektivisch soll es ein zentrales Sozialportal geben, einen One-Stop-Shop, das Kaufhaus für den Sozialstaat. Die Grünen planten in der letzten Legislatur mal Ähnliches mit der Kindergrundsicherung, nun vollendet womöglich die schwarz-rote Koalition, was der Ampel nicht gelang. Geht doch.

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Aber dass fast niemand meckert, liegt natürlich auch daran, dass es, anders als der Name „Sozialstaatsreform“ suggeriert, nicht um eine grundlegende Reform des Sozialstaats geht. Der Name ist ein kleiner Etikettenschwindel, denn im Kern handelt es sich um eine Verwaltungsreform. Sie ist wichtig und nötig, schließlich geben Bund, Länder und Kommunen jährlich mehr als 260 Milliarden Euro für Systeme der sozialen Teilhabe und Förderung aus. Bei so viel Geld darf man erwarten, dass es effizient verteilt wird und ankommt, was derzeit nicht der Fall ist. Stattdessen verzichten viele Menschen darauf, zu beantragen, was ihnen eigentlich zusteht, weil es zu kompliziert und zeitraubend ist.

Doch wenn der Staat bürger:innenfreundlicher wird, ist damit noch kein Kind besser vor Armut, niemand wirksamer vor Obdachlosigkeit geschützt.

Der Name Sozialstaatsreform ist ein Etikettenschwindel, denn im Kern handelt es sich um eine Verwaltungsreform

Die grundsätzlichen Fragen der Gerechtigkeit und Verteilung bleiben unberührt. Während der Druck auf Arbeitnehmer:innen derzeit steigt, können sich Unternehmen auf Entlastungen freuen. Im Kern geht es dabei um den systemimmanenten Konflikt zwischen Arbeit und Kapital.

Die Union ventiliert vor ihrem Bundesparteitag und im Landtagswahlkampf munter Vorschläge, um Beschäftigtenrechte zu schleifen, etwa die Abschaffung des Rechts auf „Lifestyle“-Teilzeit oder die Streichung von bezahlten Krankentagen. Die Ideen aus dem Mittelstandsflügel der Union haben für Kopfschütteln gesorgt und werden wohl in der Versenkung verschwinden, aber sie folgen der grundsätzlichen Stoßrichtung, wie sie auch Friedrich Merz als CDU-Vorsitzender vorgibt.

Der Kanzler findet, dass Beschäftigte zu wenig arbeiten und zu oft krankfeiern und möchte das Arbeitszeitgesetz am liebsten abschaffen. Und tatsächlich haben sich Union und SPD im Koalitionsvertrag bereits auf die Abschaffung des Achtstundentags geeinigt. Für Unternehmen, die natürlich finden, dass das bei Weitem nicht ausreicht, senkt die Koalition Steuern und Preise. Der Verband der „Familienunternehmer“, der auch für schwerreiche Unternehmerdynastien spricht und dafür laut Lobbyregister des Bundestags mehr als 9 Millionen Euro im Jahr ausgibt, fordert die Regierung zu weiteren „deutlichen“ Kostensenkungen auf.

Wo bleibt die SPD?

Und wer hält dagegen? Die SPD jedenfalls nicht. Als sie im vergangenen Jahr für den SPD-Parteivorsitz kandidierte, nannte Bärbel Bas das zutreffend „Klassenkampf von oben“. Als sie ein paar Monate später die Arbeitgeber angriff, erntete sie einen wahren Shitstorm und hält sich seitdem zurück.

Es war die Linkspartei, die vergangene Woche eine Aktuelle Stunde im Bundestag beantragte zum Thema „Aushöhlung von Beschäftigtenrechten verhindern“ und zudem Zahlen aus dem von Bas geleiteten Arbeits- und Sozialministerium anfragte. Demnach arbeitet inklusive Überstunden rund die Hälfte der Beschäftigten bereits heute mehr als 40 Stunden pro Woche. Das Bild von der „faulen“ Arbeitnehmer:in ist als Kulturkampf verbrämter Klassenkampf.

Wenn sich die Sozialdemokraten wirklich als Anwälte der „Fleißigen“ in diesem Land begriffen, wie es Co-Chef Lars Klingbeil immer wieder betont, dann würden sie dieser neoliberalen Erzählung erstens deutlich widersprechen und zweitens ihr Konzept für eine Reform der Erbschaftsteuer energischer bewerben. Beides tun sie nicht. Die Quittung dürften sie bei den Landtagswahlen bekommen. Aber dann bitte nicht meckern.

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Anna Lehmann
Leiterin Parlamentsbüro
Schwerpunkte SPD und Kanzleramt sowie Innenpolitik und Bildung. Leitete bis Februar 2022 gemeinschaftlich das Inlandsressort der taz und kümmerte sich um die Linkspartei. "Zur Elite bitte hier entlang: Kaderschmieden und Eliteschulen von heute" erschien 2016.
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9 Kommentare

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  • Das untere und durchschnittliche Gehaltsgefüge reicht nicht mehr annähernd aus, um die tatsächlichen Lebenshaltungskosten und existenziellen Bedürfnisse zu decken.



    Dies betrifft Menschen jeden Alters, vom Kindesalter bis ins hohe Alter und Pflege.



    Die Menschen sind nicht verantwortlich für dieses systemische Versagen.



    Es braucht Lösungen und Antworten, die die neoliberalen Kräfte aller Parteien zu verhindern wissen, denn allen Beteiligten ist insgeheim längst klar, dass eigener Wohlstand nur noch auf Kosten anderer zu realisieren ist.

  • Grundproblem bleibt die Vermögensungleichheit, wie oft dokumentiert. Selbst sehr gute Tarifsteigerungen können die Ungleichheit nicht mehr aufheben : Erben und Vermögende können locker hohe Mieten, ZahnImplantate und Studiengebühren abfedern, Arbeitnehmer nicht. Selbst Doppelverdiener scheitern. Das Ganze geht eher Richtung Feudalismus, Aufstiege aus der Klasse unterbleiben. Wenn die AFD dieses Jahr aufsteigt, strukturell macht dauerhaft erhält werden die bürgerlichen Parteien reagieren müssen. Das wird schwierig.

  • Die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten könnten dieses Land locker (weiterhin) prägen, wenn sie denn sozialdemokratisch agieren würden.

    Auch im Osten übrigens, wo die sozialen Gegensätze nur noch härter zu sehen sind.

  • taz: *Und tatsächlich haben sich Union und SPD im Koalitionsvertrag bereits auf die Abschaffung des Achtstundentags geeinigt.*

    CDU, CSU und SPD reiten jetzt 'Seit an Seit' und wollen dem Sozialstaat endgültig den Garaus machen. Nun ja, die SPD ist ohnehin in ein paar Jahren Geschichte und die Union wird wohl ein Anhängsel der AfD werden.

  • Es wird Zeit das wir diesen Staat modernisieren und an die Herausforderungen der Zukunft anpassen.



    Grundlage muss sein, das jeder in Deutschland für sich selbst verantwortlich ist. Nur wenn es gar nicht anders geht kann und soll der Staat helfen.

  • Die Frage ist generell, was man unter "Gerechtigkeit" (in Verteilungsfragen) versteht. Da gehen die Meinungen und Empfindungen bekanntlich ziemlich weit auseinander.

    Nach meiner Überzeugung ist es schon sinnvoll, Bürokratie zu vereinfachen. Allerdings, da gebe ich der Autorin Recht, ist das Ding hier offensichtlich kein großer Wurf.



    Um wirklich Bürokratie abzubauen und alle (bedürftigen) Menschen zu erreichen, müsste das Existenzminium abgekoppelt werden von sowohl Bedürftigkeitsprüfungen als auch Verhaltensauflagen.



    Das will "die Politik" (noch) nicht, wir werden ihr da noch ein bisschen Beine machen müssen.

  • 𝄞 Wer soll das bezahlen...♫



    Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, die Anzahl Menschen die fürsorgebedürftig sind nehmen zu, Wirtschaft und Industrie sind seit Jahren in einer Rezession, die Exporte werden immer schwächer, die Schulden explodieren.



    Wie soll denn dieser Sozialstaat noch mehr leisten können, wenn das Geld so knapp wird. Klar die Linken sagen einfach "von oben nach unten verteilen" und "tax the rich", doch das sind feuchte Träume - gab es noch nie, wird es nie geben. So wählt der Wähler nicht. Dieser Sozialstaat hat seinen Zenit erreicht, ab jetzt geht es abwärts.

  • Bärbel Bas hat sich offenbar aufs Arbeiten verlegt - im Gegensatz zu Anderen, die vor Allem heiße Luft produzieren.



    Diese Reform vereinfacht den Zugang für Unterstützungsbedürftige. Das kann gar nicht hoch genug gelobt werden . JedeR, der/die mal in einer sozialen Notlage war, weiß, dass der Weg zur Depression näher liegt, als zum aktiven Handeln.



    Daher ist die Reform insbesondere Eines: sozial!



    Der Vorschlag der SPD zur Änderung des Erbschaftsrechts hat ebenfalls Potenzial.



    Doch die Presse tritt lieber populistische Forderungen einer Gruppe innerhalb der Union breit.



    Dem Fazit des Artikels, dass die SPD an allem Schuld sein soll,



    fehlen die Belege.



    Im Gegenteil sollten sich Journalist*Innen fragen, ob sie tatsächlich über jedes Unionsstöcken springen wollen, oder sich längerfristig mit substanziellen Vorschlägen, wie zum Beispiel der Erbschaftsteuer, beschäftigten wollen.

  • Eine Verwaltungsreform ist doch schon mal ein sehr guter Ansatz; ich hoffe sehr, er möge gelingen. Danach kann man dann auch über eine Sozialstaatsreform reden; man wird es sogar müssen wenn man ihn nachhaltig erhalten will. Wobei über Frage was denn gerecht ist die Meinungen sicherlich sehr weit auseinandergehen werden; vom bedingungslosen Grundeinkommen bis hin zur Arbeitspflicht für alle Leistungsbezieher.