Humanoide Roboter in der Pflege: Hallo, ich bin's, Pepper
Humanoide Roboter kommen in der Pflege immer mehr zum Einsatz. Sie können positive Emotionen wecken, aber keine menschlichen Interaktionen ersetzen.
D er Roboter rollt lautlos auf eine Gruppe älterer Damen zu. Dort angekommen, bremst er, hebt und senkt den Kopf mit den übergroßen Augen, die er öffnet und schließt. Dann kommt eine Reihe einfacher Sätze. Die Damen, die in ihren Siebzigern oder Achtzigern sind, wenden sich ihm zu. Zwei reden sofort auf ihn ein, sie fordern „ein Lied“.
Szenen wie diese spielen sich zunehmend in Pflegeeinrichtungen der industrialisierten Welt ab. Pepper, so heißt der humanoide Roboter, ist darauf programmiert, auf die Mimik und Gestik von Menschen zu reagieren. Er ist bei den Bewohner:innen ein willkommener Gast, ruft aber gleichzeitig widersprüchliche Gefühle hervor, insbesondere in der Betreuung Demenzkranker. Denn das Nachdenken über die erzielbare oder gewünschte Interaktion von Menschen mit Maschinen wirft grundsätzlichere Fragen auf: Wie wollen und sollen wir mit demenziell Erkrankten umgehen? Was für ein Menschenbild steht hinter dem Einsatz von Pepper?
Laut Erfahrung und Studienlage entstehen im Kontakt mit den humanoiden Robotern emotionale Beziehungen. Ihr Einsatz kann die Lebenszufriedenheit zumindest leicht demenzkranker Menschen steigern. Der Kern ihres Erfolgs – und die eigentliche Innovation – ist die emotionale Ansprache und die hierin angelegte Befähigung zur sozialen Bindung. Ein Roboter, der mit uns spricht, löst Freude, zumindest Überraschung aus. Ausgestattet mit Spiegelneuronen und einer Neigung zum Anthropomorphismus sind wir gerne bereit, uns auf diese Art Kontakt einzulassen. Das lässt uns glauben, dass tatsächlich wir gemeint sind.
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Der Fachbegriff „einseitige emotionale Resonanz“ bringt es auf den Punkt. So ergeht es den meisten Menschen und wohl auch den Bewohner:innen der Pflegeheime. Die humanoiden Roboter bieten Kontakt, Zeitvertreib, vielleicht sogar kognitive Stimulation. Denn zu Peppers Repertoire gehören Übungen zum Gedächtnistraining oder das Abspielen von Musik. Wenn sich jüngere Menschen in eine generative KI verlieben, warum sollte die Generation der Alten das nicht ebenso können?
Wenn der Einsatz des humanoiden Roboters zunächst einige Versorgungsprobleme erfolgreich zu adressieren scheint, zeichnen sich allerdings bei näherer Betrachtung der Mensch-Roboter- Interaktion Limitierungen ab. Ist die Kommunikation mit dem Roboter wirkungsvoll, wenn Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug Symptome einer demenziellen Veränderung sind? Die Maschine begrenzt sich auf verbale Ansprache, sie nutzt allenfalls geringe Gesten. Ihre angebotenen „Aufgaben“ sprechen den Menschen weder als handelndes noch als kreatives Wesen an. Vielmehr bedient der Roboter ein Reiz-Reaktions-Schema, das den Nutzer:innen eine passiv-konsumierende Rolle zuweist.
Keinerlei körperliche Interaktionen
Die maschinelle Ansprache schafft keinerlei körperliche Interaktion. Das rein sprachgebundenes Repertoire orientiert auf Dialog, zielt allenfalls auf eine Fingerbewegung auf der Bedienoberfläche ab. Körperliche Bedürfnisse werden nicht berücksichtigt, auch körperliche Erfahrungen weder einbezogen noch generiert. Zweifelsohne knüpft die Technik an unser emotionales Erleben an, schließlich erzeugen die Roboter „echte Gefühle“. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mensch-Maschine-Beziehung körperlos bleiben muss. Ausgerechnet in fortgeschrittenen Demenzstadien, wenn sprachliche Fähigkeiten nachlassen, gewinnt die körperliche Verbindung zur Welt an Bedeutung. An dieser Stelle ist die Stärkung einer nonverbalen Kommunikation gefragt.
Prinzipiell bieten emotionale Ansprache und Resonanz diese an. Hier entsteht in der Interaktion mit Demenzkranken jedoch eine Schräglage: Wenn die Urteils- und Kritikfähigkeit der Betroffenen verändert ist, können sie nicht nachvollziehen, dass ihre Gefühle durch eine Maschine ausgelöst werden. Dass sie sich einem Wesen anvertrauen, dessen „Gefühlswelt“ intransparent bleiben wird. Dass es sich um einseitige emotionale Resonanz handelt.
Und noch etwas ist wichtig: Ein datenschutzkonformer Einsatz der Roboter wird die Fragen der Datensammlung, -speicherung und Wiedergabe regeln. Dies allein ist schwierig genug, wenn Menschen nicht mehr einwilligungsfähig sind. Eine grundsätzlichere Frage wird hier jedoch noch nicht beleuchtet: Dürfen wir eine Gruppe von Menschen einer Interaktion ausliefern, die sie nicht überblicken, nicht ermessen können? Ein Kontrollverlust gehört zum Erkrankungsbild der Demenz, trotzdem navigieren Demenzkranke oft mehr oder weniger sicher durch eine vertraute Umgebung. Anders als im Kontakt mit Menschen oder auch mit Tieren dürfte die Mehrzahl jedoch über keinerlei Erfahrung mit Robotern verfügen. Ihnen fehlt hier ein (im Zweifel in den Körper eingeschriebenes) Verhaltensmuster, auf das sie zurückgreifen können.
Es wird Menschen geben, die diese Art der Grenzverschiebung zu Maschinen gutheißen. Es wird aber auch jene geben, die diese Grenze gewahrt wissen wollen. Diese Personen wünschen weder eine emotionale Beziehung zu einem Roboter, noch möchten sie ihre Daten mit den Herstellern und Softwareentwicklern von Pepper teilen. Die Wünsche der Betroffenen müssen ermittelt und respektiert werden.
Es sieht so aus, dass das Versprechen, das der Einsatz humanoider Roboter in der Pflege liefert, derzeit nicht eingelöst wird. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die Fähigkeiten humanoider Roboter überbewertet werden. Sie schaffen zwar emotionale Resonanz und ermöglichen die Illusion einer Bindung. Aber für eine Beziehung, die die bedürftigen Menschen in ihrer körperlichen Existenz erst nimmt, eignen sie sich nicht. Die Existenz der humanoiden Roboter und ihr derzeitiger Aktionsradius verdeutlichen, dass unsere zwischenmenschlichen Beziehungen an Exklusivität einbüßen. Wir könnten sie zum Anlass nehmen, die Qualität unserer eigenen Kommunikation zu überprüfen.
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