Zum Tod von Reinhard Strecker: Der unbequeme Aufdecker
Als Student jagte Reinhard Strecker ehemaligen NS-Richtern hinterher – und stieß damit auf heftigen Widerstand. Nun ist er mit 95 Jahren gestorben.
In den vergangenen Jahren wurde es stiller um Reinhard Strecker. Dabei verfolgte er bis ins hohe Alter mit Sorge den Aufschwung neuer rechter Bewegungen. Als „Pionier der NS-Aufarbeitung“ kämpfte er jahrzehntelang gegen die alten Nazis in westdeutschen Institutionen.
Als Jugendlicher verließ Strecker Deutschland mit dem festen Vorsatz, nie in das Nachkriegsdeutschland der Adenauer-Ära zurückzukehren, das die NS-Verbrechen totschwieg. Auf Drängen seiner Eltern kehrte er in den 1950er-Jahren doch in die BRD zurück. Bald erkannte er, dass er selbst handeln musste. „Wenn ich in Deutschland bleiben sollte, musste sich das Land ändern. Dass man mit den alten Verbrechern die Demokratie aufbauen konnte, hielt ich für idiotisch“, sagt Strecker im Gespräch mit der Deutschen Welle im Jahr 2019.
An der Freien Universität Berlin, wo er Sprachwissenschaften studierte, fand Strecker Gleichgesinnte. Gemeinsam untersuchten sie die personellen Kontinuitäten ehemaliger Nazijuristen in der westdeutschen Justiz. Ihre Recherchen mündeten in die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“, die Anfang der 1960er-Jahre für großes Aufsehen und heftige Anfeindungen sorgte. Strecker und seine Mitstreiter wurden als Handlanger Ostberlins diffamiert, weil sie auch Dokumente aus DDR-Archiven nutzten.
Die SPD, deren Mitglied Strecker war, distanzierte sich von der Ausstellung. In München verbot die Polizei die öffentliche Werbung dafür. In Westberlin versuchte der Senat vergeblich, die Galerie Springer am Kurfürstendamm unter Druck zu setzen, die Ausstellung abzusagen. Diese Repressionen trugen dazu bei, dass die Ausstellung und ihr Inhalt auch international bekannt wurden.
Die FU Berlin änderte ihre Sichtweise später
Strecker und seine Mitstreiter*innen erreichten ihr Ziel: Die ungesühnten NS-Verbrechen wurden öffentlich diskutiert. Mit Unterstützung des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) erstatteten sie mit Verweis auf die von ihnen gesammelten Dokumente Anzeigen gegen NS-Täter und ermutigten Opfer, ebenfalls juristisch gegen ihre Peiniger vorzugehen.
Erst später erhielt Strecker in Deutschland Anerkennung für seine Arbeit. So erhielt er 2015 das Bundesverdienstkreuz. Zu seinem 85. Geburtstag organisierten die Landeszentrale für politische Bildung Berlin, der Verein Forum Justizgeschichte und das Zentrum der TU Berlin eine gemeinsame Veranstaltung. Der Historiker Michael Kohlstruck schrieb im Begleittext, Strecker habe mit der Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ erstmals die personellen Kontinuitäten zwischen NS-Regime und Bundesrepublik offengelegt und damit einen wichtigen Beitrag zum historischen Lernen geleistet. Vor wenigen Wochen verlieh ihm die Freie Universität Berlin die goldene Ehrennadel und korrigierte damit ihre Entscheidung von 1960, der Ausstellung keine Räume zur Verfügung zu stellen.
Am 2. August starb Reinhard Strecker im Alter von 95 Jahren in Berlin.
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