Zimmerpflanzen und neue Musik: Schön panaschierte Hörsynapsen
Eine Berliner Frühjahrsrunde führt durch fremde Wohnungen, Kellerpflanzenreiche und eine Industriehalle voller Klaviere. Unterwegs mischen sich Kaufreue, Sammellust und Staunen.
V or zwei Jahren spuckte mir der geschätzte Herr Böhmermann in die Suppe, als sich sein Magazin Royale Zimmerpflanzen widmete. Kurz zusammengefasst: ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, Umweltsauereien, das ganze Programm. Der häufig auf dem Topf zu findende Pflanzen-Passport der EU sagt rein gar nix aus.
Was kaum überrascht. Warum sollte das Strukturelle weniger abgründig sein als in anderen Bereichen der Landwirtschaft – nur weil der Feelgood-Faktor höher ist, wenn man eine hübsch panaschierte Pflanze nach Hause trägt anstatt Eier aus der Legebatterie?
Ich fühlte mich jedenfalls ertappt. Auch ich habe einen solchen Sammelfimmel. Über diesen Aspekt hatte ich mir bis dato kaum Gedanken gemacht – auch wenn auffällig ist, wie viele der hübschen Tropen-Importe eine kurze Halbwertszeit haben.
Leider ist es schwieriger als bei anderen Agrarprodukten, Alternativen zu finden. Das Dilemma habe ich erstmal so gelöst, dass ich, wenn möglich, von Privatleuten kaufe. Oder Ableger ziehe.
Weil mit meinem Wohnzimmerdschungel einiges schief lief, als ich unlängst verreist war, gilt es, ein paar Leerstellen zu füllen. Schließlich ist das Frühjahr dafür die ideale Zeit – was sich als komplizierter erweist als letztes Jahr.
Einige der semi-professionellen Anbieter, die mir schräge Exkursionen in fremde Stadtteile beschert haben, scheinen von der Bildfläche verschwunden. Ärger mit dem Finanzamt oder Betreibern der einschlägigen Plattformen?
Manche jedoch tarnen ihre kommerziellen Absichten nur diskreter. Erstaunlich etwa die Plantage in einer Souterrainwohnung, in die kaum natürliches Licht fällt. Wie schon öfter ist es eine Frau mit südostasiatischen Hintergrund, die hier ihren grünen Daumen auslebt. Dazu ein Ehemann mit Topchecker-Habitus, bei dem gleich klar ist, dass er keine Ahnung von Botanik hat. Sobald das Geschäftliche geregelt ist, verschwindet er.
Es ist jedenfalls immer wieder schön zu sehen, dass es da draußen weitaus besessenere Pflanzenfreunde gibt als mich. Etwa die jungen Punks an einer unwirtlichen Ausfallstraße: In ihrer Wohnung ist jede Nische zugewachsen. Zudem sie an den Wänden noch mehr Fahrräder aufgehängt haben als ich, was mich irgendwie beruhigte. Wie soll’s bei denen aussehen, wenn die so alt sind wie ich? Schade, dass man nicht öfter in fremde Wohnungen gucken kann.
Kein März ohne MaerzMusik
Freitag ging dann Maerzmusik los. Die Beschreibung der Auftaktveranstaltung „11 000 Saiten“ klingt nach Überwältigungsprogramm. Vor Ort scheint sich der Eindruck zu bestätigen. 50 Klaviere stehen in der Industriehalle „MaHalla“ in Schöneweide in einem riesigen Kreis, dazu im Innenring die Musiker:innen des Klangforum Wien – und in der Mitte ein Publikum, das bei dem Gewimmel nicht weiß, wohin gucken.
Da sind wir Zuspätkommende fast erleichtert, dass wir nicht mehr in den Kreis vorgelassen werden, sondern außen vor bleiben. So kann man ohne FOMO-Gefühle die Augen schließen und zuhören – ein Ritt zwischen filigranem Flirren und wuchtiger Vehemenz. Nach einer gefühlten halben Stunde sind anderthalb Stunden rum.
Auch die Synapsen fürs Hören brauchen einen Frühjahrsputz – und das liefert das Festival für zeitgenössische Musik. Oft geht es weniger zerebral zu, als der Kontext von Neuer Musik vermuten lässt. Es wird sogar gelacht. Etwa als das Ensemble Dedalus am Sonntag im Silent Green einige Teile von „Instrument und Rauschen“ des im letzten Jahr verstorbenen Komponisten Peter Ablinger aufführt.
Danach klingt tatsächlich die Welt da draußen wie Musik. Dass auch der Auftritt von Meredith Monk eine vergnügte Angelegenheit war, war ja schon gestern auf diesen Seiten zu lesen. Mich jedenfalls schickte sie beseelt nach Hause.
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