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Zwischen Moabit und MadonnaWie Fake-Brillanten

Schiffe zählen statt versenken, schwarzweiße Kakteenstacheln und Madonna-Merch auf der Tanzfläche im SO36. Es glitzert und blendet.

Fotografien aus Mexiko: Graciela Iturbide fotografierte Menschen wie Wüsten und Wüsten wie Menschen Foto: Graciela Iturbide/imago

E s riecht nach fremden Räucherstäbchen, als ich am Freitagabend mit müdem Kopf meine Wohnung aufschließe. Etage fünf, zweimal Schlüssel umdrehen, dann springt die Tür auf. Aus dem Hausflur kriecht der hölzern-süßliche Geruch in die nachtschattige Wohnung und mit ihm das trübe Treppenhauslicht, das allen Farben die Sättigung entzieht. Auf meinen AirPods läuft „Blue Monday“ von New Order, eine Spur zu laut, zu entschlossen, und ich bin froh, dass dieser Freitag nichts mehr von mir will.

Am Samstagmorgen mit noch halb geschlossenen Augen sehe ich Staubkörner in der Luft tanzen. Draußen schält sich der Frühling aus den Knospen der Bäume vor dem Fenster. Bei der türkischen Bäckerei nebenan hole ich Kaffee im Pappbecher und Orangensaft, der mehr Zucker ist als Orange. Caprisonne. Kurz denke ich an flirrende Morgenstunden in Süditalien, in denen die Hitze noch hinter den Dächern lauert. Hier, am Spreeufer in Alt-Moabit, ist die Vormittagsluft kühl und unverbraucht.

Auf dem Kanal pflügen Ausflugsboote durch das brackige Wasser, das heute glitzert und blendet. Wie Fake-Brillanten, denke ich und beginne, die Schiffe zu zählen: „The Bliss“, „Phantasia“ und „Spreekrone“ ziehen an mir vorbei. Ich unterdrücke den Impuls, den grauhaarigen Käppi-Trägern auf dem Deck zuzuwinken.

Später am Tag verschlucken mich die dämmrigen Ausstellungsräume im C/O Berlin. Draußen am S-Bahnhof Zoo irrlichtern die Unermüdlichen im Frühlingshell, hier drinnen herrscht schummrige Ruhe. Die Augen müssen sich erst an das Halbdunkel gewöhnen. Fast so, als würde man eine Kirche betreten, denke ich, als ich zusammen mit F. vor einem Schwarz-Weiß-Abzug der mexikanischen Fotografin Graciela Iturbide stehe: Über den felsigen Rücken eines dunkelhaarigen Mannes erstreckt sich eine Madonna-Tätowierung. In feinen Linien unter die Haut gestochen strahlt sie aus dem Körper, aus dem Bild heraus, als könnte man ihre Umrisse nachfahren.

Schön und verstörend zugleich

„La Frontera“, „Die Grenze“, heißt das Foto, 1989 aufgenommen in der mexikanischen Wüste. Graciela Iturbide fotografierte Menschen wie Wüsten und Wüsten wie Menschen. Mit harten Kontrasten ragen die stachligen Kakteen unbeugsam in den Himmel, aus dem der Schwarz-Weiß-Film die Farbe saugt. Wir beugen uns über eine Bildserie, das Jackett von F. riecht nach ausgeatmetem Kneipenrauch seiner vergangenen Nacht. Er zeigt auf die kleinen Negative, der Schatten seiner Hand huscht über bizarre Bilder einer Totenzeremonie: „Irgendwie schön und verstörend zugleich“, sagt er.

Es ist spät geworden. Im SO36 blickt Madonna, die immerwährende Popikone, von Postern auf die tanzenden Körpermassen hinab. Ich blicke zu ihr hinauf: der Provokateurin, die nicht zu altern scheint. Zigarette zwischen den makellosen Lippen, blonde Locken unter der Lederkappe. Kurz flackert im Kopf die Madonna-Tätowierung aus der Ausstellung auf, während sich im Club schwitzende Rücken in knappen Tanktops mit Madonna-Prints an mir vorbeidrängen. „Madonnamania“ heißt die Partyreihe aus dem kürzlich geschlossenen SchwuZ, die an diesem Abend zum ersten Mal in der pink ausgeleuchteten Halle im SO36 stattfindet.

Die Füße kleben am Boden, mein Lipgloss am Glas, die Gespräche zerfasern: „Iconic, oder?“, brüllt M. in unsere Gruppe hinein. Die Antwort wird vom nächsten Song verschluckt: „Time goes by, so slowly“, pocht Madonna über die Tanzfläche und plötzlich ist es halb vier. Umtanzt von glitzernden Gesichtern, umschwirrt von Leopardenfächern und Kusshänden. Die altbekannten Dragqueens aus dem SchwuZ holen sich ihre Bühne zurück.

Verhangener Sonntag, ich ziehe die Vorhänge spät auf. Der Himmel schweigt grau. Durchs Fenster sehe ich heute nur vereinzelt Schiffe auf der Spree. Ich zähle sie trotzdem und merke mir ihre Namen: „Bon Ami“ und „Brasil“. In einem Anflug von Fernweh hänge ich die Postkarte aus dem C/O an die Wand: Kakteen wachsen darauf ehrfürchtig in den schwarz strahlenden Himmel. Madonna würde singen: Like a Prayer.

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Ella Rendtorff
Geboren 2000 in München, hat Literatur und Politik in Berlin (BA) und zuletzt Kulturjournalismus (MA) in München studiert. Schreibt vorzugsweise über Theater, Fotografie, Lyrik und Subkultur. Blättert an Wochenenden gerne durch Magazinstrecken.
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