Zeitumstellung am Wochenende: Hallo! Aufwachen!
Mit einer Stunde weniger Schlaf kommt man morgens erst recht nicht aus dem Bett. Unsere Autor*innen haben so ihre Tricks, wie es trotzdem klappt.
Der Duft der Götter
Meine Nase erwacht zuerst. Durch sie schleicht sich „der Duft der Götter“, wie wir ihn nennen, in meine Träume und holt mich wieder in die Wirklichkeit zurück.
Als Nächstes erreicht meine Ohren das von uns „magisches Geräusch“ genannte Blubbern des Espressokochers. Spätestens dann weiß ich: Gleich wird meine Freundin im Türrahmen des Schlafzimmers erscheinen, mit zwei Tassen Kaffee in der Hand – die mit den roten Blumen vom Flohmarkt. Ich werde mich noch schlafend stellen, damit sie mich ganz sanft an der Schulter schüttelt und fragt: „Cafecito?“ –„Oh, das ist das Paradies!“, rufe ich, während ich mich strecke. Sie wird rot und küsst mich.
Es ist ein Moment des Glücks, deshalb stört mich die Stunde, die wir wegen der Zeitumstellung weniger schlafen, überhaupt nicht. Bald werden wir unter die Dusche springen und uns beeilen müssen, aber solange wir unter den Decken plaudernd den Kaffee trinken, haben wir noch alle Zeit der Welt. Luciana Ferrando
Die Vierfaltigkeit des Weckens
Erst vibriert das Handgelenk. Die Armbanduhr rüttelt sanft an mir, weil sie meint, ein günstiges Zeitfenster zwischen den REM-Schlafphasen erkannt zu haben. Dadurch soll ich nicht allzu verwirrt aus der Traumwelt zurückkehren. Danach wispert das Smartphone auf dem Nachttisch sein Gutenmorgenlied. Ich wische blind darauf herum, bis es für weitere zehn Snooze-Minuten Ruhe gibt.
Kurz darauf wird es hell im Raum und die Vögel beginnen zu zwitschern. Ganz gleich, ob die Vorhänge geschlossen und alle Lerchen von der Katz geholt wurden: Mein Lichtwecker mit Naturklängen bemüht sich liebevoll um ein privates Frühlingserwachen.
Doch erst das schrille Piepen aus der Ferne beendet den Kampf um noch ein paar Minuten mehr Frieden. Ein uralter Wecker am anderen Ende des Zimmers lässt mich blitzschnell aus den Federn hasten und den Alarm stoppen. Schließlich werde ich selbst nicht gern durch Wohnungswände hindurch von fremden Weckern geweckt, die EgomanInnen stoisch klingeln lassen. Außerdem weiß auch mein komatöses Unterbewusstsein: Dieser Wecker klingelt nur, wenn es wirklich ernst ist. Sagen wir, für einen Flug zur Unzeit um 6 Uhr, der mich am Vorabend so nervös gemacht hat, dass ich ohnehin kein Auge zubekommen habe. Philipp Brandstädter
Mit dem Feingefühl eines Drill-Sergeants
Aufstehen ist Sisyphosarbeit. Jeder hat seinen eigenen Stein, den er den Berg hinaufwälzt, und jeder hat seine eigenen Hilfsmittel dafür.
Mir helfen Tiere. Kater Big Mac legte sich immer zwischen meine Füße. Hund Jack leckte mir die Hand ab, wenn sie aus dem Bett hing, oder schaute mich tonlos an, bis ich aufgab und mit ihm rausging. Mein Favorit unter den tierischen Aufstehhilfen ist die von Hündin Wilma. Sie brachte mir jeden Morgen Socken, als hätte sie in der Nacht Beute gemacht.
All diese Methoden sind charmant, weil der Stein sanft ins Rollen gerät. Sie haben aber den Nachteil, dass sie nicht immer funktionieren. Das kann bei unserem Pflegehund Rico nicht passieren. Mit dem Feingefühl eines Drill-Sergeants springt er zwischen 6 und 8 Uhr ins Bett, okkupiert es wie ein rollender Panzer, leckt jedem kurz durchs Gesicht und furzt vor lauter Glück. Danach streckt er irgendwem die Pfote in den Rücken, in den Bauch oder in den Mund und presst uns mit seinem Rücken von der Bettkante. Und schon ist Liegenbleiben unangenehmer als Aufstehen.
Camus sagte, man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen. Clemens Sarholz
Die Lust am leeren weißen Blatt
Frühes Aufstehen ist bei mir wie Joggen. Jedes Mal, wenn ich es gemacht habe, denke ich unmittelbar danach: Wow, eigentlich super, das mache ich bald mal wieder!
Dauert dann bloß ein bisschen, ehe ich es wirklich wieder mache. Dabei ist frühes Aufstehen so voller Verheißungen. Anders als beim späten Zubettgehen geht nichts zu Ende, sondern etwas beginnt. Wie ein weißes Blatt liegt der Tag vor einem, bietet sich an, möchte gefüllt werden. Niemand hat schon irgendwo ein Handtuch hingelegt, erhebt Besitzansprüche auf irgendwas, hat die fantastischen Tomaten auf dem Wochenmarkt längst weggeschnappt. Die Luft ist noch frisch, das Licht noch milde, das Gras benetzt von Tautropfen.
Du bist der Erste, kannst Erkundungen einholen über das, was möglich ist, hast die Wahl, kannst den Tag zu deinem Tag machen, musst nicht hinterherhecheln beziehungsweise ruhst dich schon aus, während die anderen sich gerade erst auf den Weg machen. Komm, raus jetzt! Schlimm ist es nur einen kurzen Moment. Felix Zimmermann
Chip und Chap
Das Geräusch geht ungefähr so: ck-ck-ck, oder tschck-tschck-tschck, eine Art Schnalzen auf hoher Frequenz. Von draußen arbeitet es sich durchs offene Fenster in meinen Gehörgang vor und weiter ins Hirn. Ich schlage die Augen auf. Sobald Chip und Chap wach sind, bin ich es auch.
Chip und Chap leben im Hof unter meinem Schlafzimmerfenster, seit Jahren schon. Ich bin nicht ganz sicher, ob es noch die originalen Chip und Chap von vor ein paar Jahren sind oder mittlerweile eine Neubesetzung stattgefunden hat. Jedenfalls leben da diese Eichhörnchen in nächster Nähe, klettern von morgens bis abends die Außenwände hoch und runter, drücken ihre fluffigen Schwänze an meine Fensterscheibe und machen um etwa 5.20 Uhr in der Früh ihr ck-tschck-ck-Theater. Wären sie nicht so niedlich, hätte ich damit meine Probleme, so freue ich mich einfach, dass sie nach all den Jahren noch Spaß miteinander haben (oder was auch immer der Ruf bedeutet).
Eines Morgens dann stand Chip – oder Chap – neben meinem Bett. Ganz leise, ohne zu schnalzen. Ich habe mich zu Tode erschrocken. Und dem Tier mal gezeigt, welche hochfrequenten Geräusche Menschen machen können. Den Weg zurück ins Freie fand es zum Glück alleine. Leonie Gubela
Was du abends kannst besorgen
Mit dem Aufstehen ist das so ein Ding. Ich bin eine chronische Nachteule und das absolute Gegenteil von einem Frühaufsteher. Ohne Wecker geht schon mal gar nichts. Die Geborgenheit und Wärme meines Bettes verlasse ich ungern, nur um dann schlaftrunken und bibbernd vor meinem Kleiderschrank zu stehen und minutenlang darüber zu grübeln, was ich wohl anziehen soll.
Mir hilft es daher enorm, diesen Prozess der Entscheidungsfindung bereits am Vorabend bei ungetrübtem Verstand und ohne Zeitdruck abzuschließen: Auf welches Outfit habe ich Lust? Was sagt das Wetter morgen und welche Klamotten sind momentan nicht in der Wäsche?
Ich merke immer wieder, dass mir das Aufstehen leichter fällt, wenn ich mir am Vorabend die Garderobe für den nächsten Morgen bereit lege. Wenn dann auch schon die Tasche für das Büro oder die Uni gepackt ist, kann ich so richtig unbeschwert und schwungvoll in den Tag starten – und ganz nebenbei noch ein paar Minuten länger schlafen. Leonard Kirschhöfer
Kitzeln, wo sonst niemand hinkommt
Ha-haaaa-haaaaaa-haaaaaaaaa-tschiiiiiiii! Mein Oberkörper bäumt sich auf, wie von Geisterhand an unsichtbaren Strippen in die Höhe gezogen. Ich komme nicht klar. Wer bin ich? Wo bin ich? Habe ich nicht gerade noch geschlafen? Da kribbelt es auch schon wieder, als würde eine Armee von Amöben an den Innenwänden meiner Nasenflügel hochkrabbeln. Haaa-haaaaaa-haaaaaaa-tschiiiiiiii!
Raus mit euch! Ich bin mir meiner selbst nun schon etwas gewahrer. Die Erinnerung kommt zurück. Es ist März, ich habe Heuschnupfen, die Amöben müssen Pollen sein. Irgendwie finde ich es gut, was da gerade mit mir passiert. Ich mag es, gekitzelt zu werden, etwa an den Füßen. Und diese Pollen kitzeln mich da, wo sonst niemand hinkommt. Auch ein popelnder Finger kann ja nicht kitzeln.
Leider folgen auf das Hatschi eine verschleimte Nase und tränende Augen. Trotzdem muss ich jedes Mal lachen, wenn mich der Frühling aus dem Schlaf reißt. So schön kann Allergie sein. Nora Belghaus
Sprung ins Becken und in den Tag
Wenn um 6.45 Uhr das Handy auf dem Nachttisch mit seinem nervtötenden Klingelton den viel zu kurzen Schlaf unterbricht, ist mein erster Reflex ganz klar: Wecker aus und im Halbschlaf einen neuen stellen, mindestens eine Stunde später. Dieser Vorgang ist so routiniert, dass ich dafür gar nicht richtig aufwachen muss. Der Arm kennt den Weg, ich kann weiterschlafen.
Innerhalb von Sekunden befinde ich mich also auf dem Rückweg in den wohlverdienten Schlaf, als mein Gehirn sich doch noch regt. Wartet da nicht jemand auf dich? Ich versuche, den Gedanken auszublenden. Wer sollte um diese Uhrzeit auf mich warten? Doch dann kommt die Erkenntnis: Es wartet ja tatsächlich jemand auf mich.
Grummelnd stehe ich auf, die Badehose wartet schon neben dem Bett und ersetzt den Schlafanzug. Früh aufzustehen, fällt mir schwer, auch wenn das früher mal anders war. Heute helfen nur Verabredungen und die Aussicht auf ein Belohnungsfrühstück. Zu wissen, dass der Freund sonst ohne mich im Schwimmbad steht, wo wir uns vor der Arbeit treffen, treibt mich aus dem Bett. Und habe ich mich einmal überwunden, macht der Start in den Tag wirklich Spaß, auch um 7.30 Uhr im Schwimmbecken. Yannik Achternbosch
Hör mal, wer da hämmert
Ob wir handwerklich begabt seien, fragten die Nachbarn von unten irgendwann. Bei uns werde schließlich täglich gehämmert. Heimwerker, wir? Eher nicht. Wir erklärten, dass das Klopfen von unserer Mitbewohnerin stammt. Sie ruht zwar den Großteil des Tages auf einem Berg aus Decken und Kissen, legt sich aber gern strategisch geschickt so hin, dass sie mit dem Schwanz die Holzdielen erreicht.
Es ist ihre Art der Kommunikation, ein hündisches Morsezeichenalphabet. Klopf, klopf, klopf, sanft und lang, auf die Frage, ob es ihr gut geht. Klopf, klopf, klopf, klopf, schneller und fordernder, links und rechts, wenn sie auf dem Rücken liegt und findet, dass jetzt mal jemand zum Kraulen vorbeikommen könnte. Und vorausgesetzt, sie schnarcht nicht selbst noch, hämmert sie morgens fröhlich drauflos, sobald sie hört, dass im Schlafzimmer die Bettdecke raschelt. Ein „Psssst“ feuert sie erst recht an. Es hört nur auf, wenn einer von uns aufsteht.
Einen besseren Wecker gibt es nirgends – finden auch unsere Nachbarn. Neulich sagten sie, es sei so schön, das Klopfen zu hören. Dann wüssten sie, dass der Hund sich freut. Franziska Seyboldt
Leitungswasser will dosiert sein
Vor ein paar Jahren sah ich auf Instagram ein Meme, das seine Aufgabe vollumfänglich erfüllte. Es brachte mich zum Lachen, weil ich mich darin selbst wiedererkannte. „What motivates you to get up in the morning?“ – „Was motiviert dich, morgens aufzustehen?“, fragte das Bild. Die Antwort: „My bladder mostly“ – „Vor allem meine Blase.“
Es ist schon erschreckend, wie schlecht man eine volle Blase ignorieren kann. Ich habe es jahrelang versucht, ohne Erfolg. Egal wie tief und fest man schläft, das Organ mit der Fähigkeit, bis zu zwei volle Tassen Flüssigkeit zu halten, funktioniert besser als jeder Wecker. Sein Drücken, Ziehen und Stechen, welches bei fehlender Entleerung immer schlimmer wird, kann die:den Schlafende:n schon in der Nacht wecken, das ist mein persönlicher Horror. Ob mitten in der Nacht oder zwei Stunden bevor der Wecker klingelt. Jedes Mal frage ich mich, schlaftrunken durch die Wohnung watschelnd, ob das Ding nicht in der Lage sein sollte, sich auszudehnen und höflich zu warten, bis ich aufstehe.
Aber eigentlich ärgere ich mich nicht über mein nettes, hilfreiches Organ, sondern über mich selbst. Wieso musste ich denn auch so viel trinken?
Als begeisterte Leitungswassertrinkerin habe ich daher jetzt den Hack für meine fellow Vielsäufer:innen: morgens viel trinken und dann über den Tag ausschleichen. Abends immer als letzten Schritt in der Abendroutine auf Toilette gehen – und schon kann man schön durchschlafen. Raweel Nasir
Der frühe Vogel genießt die Ruhe
Am Geburtstagsmorgen liegt man wach im Bett, starrt in die Dunkelheit und wackelt ungeduldig mit den Zehen. Dabei lauscht man, ob schon jemand in der Küche rumort, ob die anderen endlich die Zimmertür öffnen und „Happy Birthday“ singen. Ich behaupte, dass es kein Kind gibt, dem es an seinem Geburtstag je schwerfiel, aufzustehen.
Das ist der eindeutige Beweis, was der beste Trick ist, um gut aus dem Bett zu kommen: etwas zu haben, worauf man sich freuen kann. Mein Handywecker klingelt sehr früh, vorne steht immer eine 5. Und was mich dazu bringt, aufzustehen, ist das, worauf ich mich am meisten freue: das große Nichts. Die wenigen Minuten des Tages, in denen außer mir niemand wach ist, in denen mich niemand braucht, niemand etwas fragt, niemand etwas will. Stattdessen genieße ich alles, was nur die bekommen, die zuerst aufstehen. Warmes Wasser zum Beispiel, wenn die Wärmepumpe im Notmodus läuft und man abends kalt duschen muss, aber ich mir morgens um 5.40 Uhr das heiße Wasser verschwenderisch lange über das Gesicht laufen lassen kann.
Ich bin mir sicher, dass der frühe Vogel keinen Wurm fängt. Warum sollte er das tun? Der frühe Vogel fliegt auf einen Ast und ist ganz still. Weil um ihn herum auch noch keiner zwitschert, krakeelt und tiriliert. Der frühe Vogel sitzt ein paar Minuten einfach da und lauscht in die Morgenruhe hinein. Luise Strothmann
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