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Zalando schließt Erfurter StandortKahlschlag mit der Kettensäge

Kommentar von

Gunnar Hinck

Die Schließung in Erfurt zeigt das wahre Gesicht des ehemaligen Start-ups Zalando: Das Schicksal der Beschäftigten ist dem Konzern völlig egal – typisch.

Das Raumschiff Zalando verlässt Erfurt wieder Foto: Marc Tirl/dpa

W ohlkingende Worte: „Die Mitbestimmung der Mit­ar­bei­te­r*in­nen ist das Fundament unserer Unternehmenskultur und ein Schlüssel unseres Erfolgs. Unsere mehr als 15.000 Mit­ar­bei­te­r*in­nen sind unser wertvollstes Gut.“ So beschreibt sich der Moderiese selbst auf seiner Homepage.

Spätestens seit der Nachricht, dass Zalando sein Logistikzentrum in Erfurt mit 2.700 Mitarbeitern Knall auf Fall schließt, ist klar: Das ist das übliche PR-Gerede, um sich bei Investoren beliebt zu machen und die Mitarbeiter einzulullen. Hauptsache, es wird gegendert – aber die „Mitarbeiter*innen“ sind für Zalando eine bloße Verfügungsmasse, die man jederzeit abstößt, wenn es passt.

Der DAX-Konzern, der 2024 einen Gewinn vor Steuern von 511 Millionen Euro erzielte, stammt aus der Start-up-Kultur, wo man sich gern progressiv gibt, aber auf der anderen Seite knallhart neoliberal agiert. Wenn Strukturen scheinbar „optimiert“ werden müssen, wie es dann immer heißt, wird die Kettensäge herausgeholt.

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Unternehmen wie Amazon oder Zalando landen mit ihren Logistikzentren wie Raumschiffe auf der grünen Wiese, greifen gern Subventionen ab (für Zalando in Erfurt knapp über 20 Millionen Euro), entwickeln aber keinerlei Bezug zur Region. Kompromisse und Alternativen, die sie mit Kommunen und Gewerkschaften aushandeln könnten, werden gar nicht erst versucht.

Gerade für Ostdeutschland sollte die Nachricht ein Warnsignal sein, bei vollmundigen Versprechungen von global agierenden Konzernen vorsichtiger zu sein. Hundert kleine Mittelständler zu fördern ist allemal besser, als die gleiche Summe vermeintlich großen Namen hinterherzuwerfen.

Übrigens: Zalando hat einen hohen Streubesitz ihrer Aktien von 60 Prozent. Es ist also nicht der eine böse Kapitalist, der hinter Zalando steht, sondern es sind sehr viele Kleinaktionäre, die auf Dividenden und Aktiengewinne hoffen. Sie sollten sich genau überlegen, ob sie wirklich ein Unternehmen unterstützen wollen, dem das Schicksal ihrer Mitarbeiter komplett egal ist.

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ist Redakteur im taz-Ressort Meinung.
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17 Kommentare

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  • Es gehört zur Taktik der Blendung, dass Konzerne und Politik sehr gerne die Schaffung von Arbeitsplätzen hochjazzen um sich selbst in bestem Licht erscheinen zu lassen. Doch das ist bei keiner einzigen Firma weltweit der Grund für die Errichtung einer Fabrik. Es geht ums Geldverdienen und wenn man das in einem Verhältnis macht, das alle Beteiligten einigemaßen fair berücksichtigt, dann ist das auch in Ordnung. Doch es ist überall zu sehen, dass "die Schaffung von Arbeitsplätzen" dazu dient der Öffentlichkeit, der Politik und möglichen Gegnern einer Maßnahme Sand in die Augen zu streuen, leider erfolgreich. Wenn es mit den Profiten nicht so blendend läuft wie erhofft, dann sind -natürlich- zuerst die Beschäftigten dran und verlieren ihren Job. Wir lassen uns leider immer wieder mit solch dämlichen Tricks täuschen....

  • "Gerade für Ostdeutschland sollte die Nachricht ein Warnsignal sein, bei vollmundigen Versprechungen von global agierenden Konzernen vorsichtiger zu sein." Wurde der "Besser-Wessi" immer noch nicht beerdigt????

  • "Wenn Strukturen scheinbar „optimiert“ werden müssen"



    ... bedeutet es diese "Betriebsmittel auf 2 Beinen" zu entlassen.

    p.s.



    warum erfährt man eigentlich nicht, wohin Zalandos Logistik zieht?



    Zynischer Satz dazu:



    "die Arbeit ist immer noch da, nur jetzt woanders"

  • "greifen gern Subventionen ab (für Zalando in Erfurt knapp über 20 Millionen Euro), entwickeln aber keinerlei Bezug zur Region."

    Sehr gut herausgearbeitet und auf den Punkt gebracht. Danke dafür!

  • Kunden, Denken ? Passt nicht Zusammen. Nur der Preis zählt bei vielen. Mieten,Lebensmittelkosten, Nebenkosten, Energiekosten Steigen, da wird halt am Rest gespart, weil es auch nicht anders geht , leider.

    • @Interesse_an_wie_es_weiter_geht:

      "weil es auch nicht anders geht"? doch - es geht anders. Allerdings nicht, wenn jemand dauernd ständig neue Sachen konsumieren will und immer trendy sein will. Vor allem "bequem" die Sachen geliefet bekommen.



      Besser gute Qualität und vielleicht sogar noch regional (geht wirklich!) und das dann über Jahre tragen. Klar - ist völlig out-of-date bei vielen )

  • Glaubt der Autor des Artikels wirklich das Start-ups Wohlfahrtsunternen wären?



    Nö, das ist genauso ein Unternehmen, das mit der Faulheit der Menschen Geld verdient.



    Amazon zeigt uns seit Jahren, wie faul die Kundschaft ist . Mit ein paar Mausklicks bestellt und ab dafür. Ich denke der größte Teil der taz-Leser gehören auch zu dieser bequeme Klientel, die sich einen Scheiss um die Menschen kümmern die da jetzt mal kurz " freigestellt" werden.

  • Zalando, Amazon, Hermes und wie sie alle heißen leben doch von wohlstandsverwahrlosten und rücksichtslosen Kunden, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben. Die lassen sich schwerste Pakete von Transportknechten dieser Firmen in den 5.Stock schleppen und fühlen sich noch gut dabei. Die Aktionäre sind da wirklich weniger schlimm.

    • @KLaus Hartmann:

      Hallo, hier meldet sich ein Wohlstandsverwahrloster: Ich bestelle seit Jahren nahezu alles Zubehör für die verschiedenen Geschäftszweige. Dann weiß ich im Voraus, ob und wann ich die erhalte, und was die kosten. Im Großmarkt (44km Fahrt hin und zurück) ist das in den vergangenen Jahren zum Glücksspiel geworden. Privat gilt das Gleiche. Wenn das alle machen würden, würden gigantische Mengen an Energie gespart (All die Teilzeitkräfte, die mit dem PKW anreisen, die Heizung/Kühlung und Beleuchtung) etc. Das nennt man gesellschaftliche Entwicklung. Vor über 100 J. haben die ersten Kaufhäuser die Kolonialwarenläden verdrängt, vor 20 J. die ersten Bio-Supermärkte die alteingesessenen Bio-Pioniere. Kann ja sein, daß Sie sich besser fühlen, wenn Sie Menschen mit einem anderen Konsumverhalten verächtlich machen, sagt jedoch mehr über Sie als mich aus. Also was so Rückständigkeit, Fortschrittsfeindlichkeit, Engstirnigkeit u.A. angeht.

    • @KLaus Hartmann:

      Warum sind die Aktionäre weniger schlimm? Sie kennen die Bedingungen und profitieren davon. Ohne die "Wohlstandsverwahrlosten", keine Dividende. Das ist das Geschäftsmodel. Sie waschen sich moralisch rein, indem sie die eigene Verantwortung auf die Kunden abwälzen und kassieren. Das ist Heuchelei.

  • Zalando schließt das Werk weil es sich nicht mehr rentiert, sh. Interview FAZ 8.1. Die Revolution, die jetzt stattfindet im Rahmen des Plattformkapitalismus betrifft demnächst alle Sektoren, Krankenhäuser, Autoindustrie, Rüstung etc. Hohe Profite, legale Steuervermeidung.. aber : Wohin dann mit den Menschen ? Sollen wir die Systemfrage stellen ? Rot-Grün war das nie wichtig, Gut ist was Arbeit schafft, egal wie. Die Gewerkschaften führen ermüdende Kämpfe um Löhne die sich Tarifen angleichen und den Mindestlohn übersteigen, sie sind historisch geschwächt, der Flächentarif zerbröselt. Es gibt auch Profiteure : Die Menschen haben ETF´s für sich entdeckt und profitieren von solchen Schließungen, ihre Konten, ihre Altersvorsorge wächst auf Kosten der arbeitenden Masse. Der DAX über 25.000 Punkte. Will der Autor daß man riestert oder Investment in Staatsanleihen ? Zalando macht das was alle machen Bosch, Daimler - Vonovia ! : Unternehmen schaffen Arbeitsplätze und wenn es sich nicht mehr lohnt wird die Bude dicht gemacht. Die Rede vom Standort ist natürlich Quatsch.

  • Ach ich finde es unpassend, hier mit Moral zu argumentieren. Das vermiest einem nur die Laune, ohne positiven Effekt.



    So funktioniert nunmal der Kapitalismus. Da kann nur systemisch angesetzt werden.

  • Was hat Zalando jetzt genau falsch gemacht und was ist daran genau "böse" und überraschend?

    Zalando hat einen Mitbewerber aus der gleichen Branche übernommen und besitzt damit zwei Logistilsysteme, braucht aber nur eine. diese Doppelstrukturen sind doch bekannt.

    Viele Kommentatoren tun jetzt so, als hätten wir als Gesellschaft ein verbrieftes Recht darauf, das nie ein Arbeitsplatz wegfallen darf und keine Firma nie einen Standort schließen darf.

    Das ist doch kompletter Bullshit und eigentlich sollte das H. Hinck auch wissen.

    • @Sonntagssegler:

      Es ist kein Bullshit, deshalb die Großunternehmen nicht mehr zu subventionieren, sondern mittelständische Regionale Unternehmen.

  • Die Vorboten der Veränderungen im Zuge des Festhaltens an der Wachstumsphilosophie als Primat sind wenige Jahre alt:



    Bei handelsblatt.com 2023



    "Dennoch: Es fehlt eine sichtbare Wachstumsstrategie. Hinzu kommt, dass der Wettbewerb härter und vielfältiger wird: von Ultra-Fast-Fashion-Anbietern wie Shein, die eine digitale Version eines Einkaufserlebnisses versprechen, kleineren Konkurrenten wie About You, denen Umsatzwachstum gelingt, aber auch stationäre Händler wie Breuninger, die konsequent auch auf den Onlinehandel setzen und unter den Top-20-Onlineshops landen."



    Der Titel mit Untertitel für den Kommentar:



    "Bei Zalando fehlt eine sichtbare Wachstumsstrategie



    Zalando sollte zeigen, dass das Unternehmen auch gegen den Trend wachsen kann. Oder sich ein neues Narrativ überlegen."



    Das ist offenbar dann auch passiert, mit für die Belegschaft ungeahnten oder unterschätzten Folgen.



    Profunde und beratungsresistente "Alexithymie" ist in der Wirtschaft keine Diagnose mit pathologischem Stigma.

  • Es sind wohl weniger die Aktionäre, sondern die Kunden die ein umdenken erzwingen könnten. Wohlgemerkt, könnten. Klappt bei Amazon auch nicht.