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ZDF-Doku über AIDSGeschichte, die beschämt

„Aids – In Zeiten der Liebe“ porträtiert die Beziehung zweier Künstler. Sie starben nicht nur an AIDS, sondern litten unter dem Stigma – in Ost wie West.

Heiko (Evangelos Tsarkowistas, l.) und Dirk (Benjamin Viziotis, r.) gelten als unzertrennliches Paar Foto: Elliott Kreyenberg/ZDF

Wahrscheinlich besteht das Leben aus sehr vielen Zufällen“, stellt Sabine Zolchow mit einem Lachen fest. Sie meint damit ihre Liebesgeschichte mit Heiko Zolchow, Bühnenbildner und Maler – und die seine mit dem Schauspieler Dirk Nawrocki. Sabine Zolchow lernt ihren späteren Mann jung kennen und lieben und akzeptiert in frühen Ehejahren und mit zwei gemeinsamen Kindern seine Liebe zu Nawrocki („Was hätte ich ihnen vorwerfen sollen? Dass sie schwul sind?“). Die „aspekte“-Dokuserie „AIDS – In Zeiten der Liebe“ rekonstruiert mit viel Fotomaterial und ausführlichen Gesprächen mit Freunden des Paares die Liebesgeschichte der zwei Künstler.

Das Paar gehört zur künstlerischen Elite Ostberlins, als sich Anfang der 1980er-Jahre eine rätselhafte Krankheit in Deutschland verbreitet: Aids. Der Historiker Henning Tümmers erklärt in eingeschobenen Interviews den Unterschied im Umgang zwischen Ost und West: Sei in der Westpresse das Bild einer apokalyptischen Katastrophe mit einem hetzerischen Schulddiskurs gegen Homosexuelle gemalt worden, habe die DDR die Krankheit zunächst totgeschwiegen. In der BRD seien im Vorabendprogramm Debatten über Sexualmoral und Kernfamilie geführt und eine Phase der gesellschaftlichen Aufklärung eingeleitet worden, etwa durch massives Bewerben von Kondomen (nicht zuletzt durch Rita Süssmuth als unerschrockene, pragmatische Gesundheitsministerin), in der DDR sei Aids als Symptom westlich-kapitalistischer Dekadenz verstanden worden.

Die DDR erlaubt dem offen homosexuell lebenden Paar die Ausreise in den Westen mit der Begründung von ‚asozialem Verhalten‘, das unvereinbar mit der sozialistischen Staatsidee sei. In Westdeutschland wird bei Zolchow Aids diagnostiziert und er verstirbt nach kurzem, schweren Leiden 1987, Nawrocki sieben Jahre später. Besonders eindrücklich wird durch die Interviews mit Zeitgenossen eines beschrieben: das Gefühl, totgesagt zu sein. „Ich habe keine Altersvorsorge betrieben. Es war klar, dass wir das nicht erleben“, berichtet etwa ein enger Freund des Paares, Autor und Regisseur Jean-Claude Kuner.

Die Serie

„AIDS – In Zeiten der Liebe“, drei Folgen, jetzt in der ZDF-Mediathek

Mit der sicheren Gewissheit des nahenden Todes leben, dann unerwartet durch Forschungsfortschritt Lebensjahre geschenkt bekommen und statt Erleichterung Überforderung empfinden – das zeigt die Serie meisterhaft.

Das Nachstellen der Liebesszenen aber lässt die Serie leider nicht an Qualität gewinnen, zumal nicht zu Billie Eilish – zu authentisch und hinreißend das originale Fotomaterial, zu ausdrucksstark die echten Gesichter der beiden Männer.

Ob es ein Segen gewesen sei, dass sie sich kennengelernt haben, habe ihr Ehemann sie bei ihrem letzten Telefonat auf seinem Sterbebett gefragt, erzählt Sabine Zolchow. Darauf habe sie bis heute keine Antwort. Ein Segen ist fraglos das heutige Sprechen der Weggenossen von Zolchow und Nawrocki: weder ehrfürchtig noch nostalgisch, sondern voller Liebe und Respekt für zwei Künstler, die nicht nur jung an schwerer Krankheit starben, sondern eine kaum zu ertragende Stigmatisierung erleben mussten. Das ZDF zeigt damit ein Stück deutscher Geschichte, das beschämt und an das gerade deshalb erinnert werden muss.

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