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Erinnern an queere SchicksaleRote Lippen auf weißem Stein

Zwei Gedenkveranstaltungen auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof zeigen, wie queere Erinnerungskultur in Berlin lebendig bleibt.

Am Ende der Eröffnungsfeier der neuen LSBTI*-Gedenkstätte zieren den „Kissing Stone“ aus Kalkstein bereits einige Münder Foto: Pauline Cruse

Musik wird an diesem Tag eine große Rolle spielen. Es hallt in der kleinen Friedhofskapelle auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, als ein Geigenspieler die Anwesenden mit dem ersten vieler Lieder begrüßt. Der 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie. Heute wird der Schöneberger Friedhof, ohnehin als Künstler- und Queer-Friedhof bekannt, Schauplatz zweier Erinnerungsveranstaltungen: Erst weiht die Schwulenberatung Berlin ihre neue LSBTI*-Grabstätte am Rand des Friedhofs ein, wenig später folgt das 15. Berliner Aids Candlelight Memorial. Es sind zwei Bausteine einer lebendigen und kämpferischen Erinnerungskultur.

11 Uhr: Ein Schutzraum gegen die Einsamkeit

Rund 100 Menschen haben sich an der neu errichteten Südmauer des Kirchhofs versammelt. „Viele queere Personen werden nach ihrem Coming-out nach wie vor von ihren Familien verstoßen“, erzählt Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin. „Es gibt Menschen, die sich freiwillig aus dem Leben verabschieden und vor ihrem Tod sagen: ‚Mein Leben war schwer genug. Ich will gar nicht, dass man sich an mich erinnert.‘“ Die neue Stätte soll auch diesen Menschen einen Ort bieten, um in der Gemeinschaft ihrer Wahlfamilie ruhen zu können.

Der Kalkstein inmitten der Stätte sei bewusst gewählt, so der verantwortliche Bildhauer Ulrich Vogl. In den „Kissing Stone“ ziehe das Fett aus Lippenstiften tief ein. Genau dazu wird nun aufgerufen: Küsse zu verteilen. Zwei alte Frauen sind die Ersten, die sich vor der Gruppe an den Kalkstein trauen. Auf ihren Mündern glänzt rote Farbe. Sie halten sich an den Händen, drücken ihre Lippen erst gegen den weißen Stein, dann aneinander. Eine von ihnen beginnt zu weinen, als sie sich wieder unter die Gruppe gesellen.

13 Uhr: Ein Versprechen gegen das Vergessen

Der letzte Kussmund ist schon getrocknet, als man sich gegen Mittag in der Kapelle wiederfindet. Am Eingang liegen kleine Aids-Schleifen aus, viele haben sie sich an die Brust gepinnt. „Beim ersten Mal waren wir gerade mal sechs Leute“, erinnert sich Initiator Bernard Butler mit Blick auf die gefüllten Reihen. Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann (Grüne) bedankt sich bei ihm und den anderen Ehrenamtlichen: „Ihr zeigt seit vielen Jahren, was menschliches Miteinander wirklich bedeutet.“

Anette Lahn und Thomas Oh von der Berliner Aids-Hilfe verlesen Namen derjenigen, die im vergangenen Jahr infolge von mit Aids-verbundenen Krankheiten verstorben sind. „Der jüngste ist 19 Jahre alt“, sagt Lahn, bevor sie mit Thomas Oh für jeden Namen eine weiße Rose auf den Altar in der Mitte der Kapelle legt.

Anette Lahn und Thomas Oh von der Berliner Aids-Hilfe bei der „Calling of the Names“-Zeremonie in Erinnerung an die Verstorbenen Foto: Pauline Cruse

Neben der unlängst verstorbenen Rita Süssmuth wird in diesem Jahr mit der Schauspielerin Barbara Schöne eine weitere Aids-Aktivistin geehrt. An ihre Karriere im Showbusiness erinnert ein korallenfarbiges Paillettenshirt, das Schöne an diesem Tag unter ihrem grauen Anzug trägt. „Solange ich lebe, werde ich mich für diesen Zweck einsetzen“, sagt sie zu den Anwesenden, die sich mit Applaus bei ihr bedanken. Schöne ist es auch, die die Gruppe bei dem Weg zur Aids-Erinnerungsstätte auf dem Kirchhof anführt.

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