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Wo bleibt die Rettung für Absteiger?Gestrandete Fußballvereine

Trotz ihres Rettungseifers vergessen die Deutschen ihre Klubs in Abstiegsnot. Es fehlen Konzepte. Influencer und Menschenketten könnten helfen.

Noch zu retten? Der FC St. Pauli wirkte nach dem Remis gegen Köln sehr niedergeschlagen Foto: Christian Charisius/dpa

G anz allgemein wird in Deutschland viel und gern gerettet. Lebensmittel, zum Beispiel, Banken, Entenküken, man kennt das. Fußballklubs werden dagegen selten vor schlimmen Schicksalen, namentlich Abstiegen, gerettet.

Was vermutlich daran liegt, dass verlässlich in jedem Frühling pro Liga – und es gibt sehr, sehr viele Ligen im Land – drei bis fünf Teams das Publikum und die Politik mit schwerem Punktemangel ermüden. Teure Rettungsaktionen kommen aber auch deswegen meistens nicht infrage, weil das Konzept „absteigen, um gleich wieder aufzusteigen“, nicht aufgeht.

Und so kann man fast schon froh sein, dass noch kein abstiegsbedrohter Bundesligaverein auf die Idee kam, dem Elend ein Ende zu bereiten und in die Nord- oder Ostsee zu steigen. Und sich dort dann eine hübsche, flache Sandbank in einer idyllischen Bucht zu suchen, auf der in aller Ruhe auf Rettung gewartet werden kann – untermalt von traurigen Fangesängen.

Ein Volk aus 75 Personen

Gut, mit dem dafür erforderlichen Volkszorn über „die da oben“, die lieber mündigen Bürgern Vorschriften machen, statt den armen Verein zu retten, dürfte es zunächst schwierig werden. Aber irgendein Influencer wird sich schon finden, der Tag und Nacht in Livestreams Influencerdinge tut und das Volk zu Widerstand und Menschenketten aufruft. Zumal in Fällen großer moralischer Empörung schon rund 75 demonstrierende Leute mit Pappschildern als Volk gelten, entsprechend werden bereits aus ungefähr 25 Personen bestehende Menschenketten als vollwertiger Protest gewertet.

Dass es bislang noch kein erprobtes Rettungskonzept für gestrandete Fußball-Erstligisten gibt, spielt dabei keine Rolle, irgendjemand mit Geld und Geltungsdrang wird sicher eine tolle Idee haben und dann kann losgelegt werden. Vor den Augen der Weltpresse, natürlich, und noch dazu risikolos, denn wenn es schiefgeht sind natürlich „die da oben“ schuld, klar, wer auch sonst.

Aber nein, natürlich wird das nicht passieren, und das nicht nur, weil Heidenheim sehr, sehr weit weg vom nächsten Meer liegt, sondern auch, weil der Fußball mit so neumodischem Killefiz nichts zu tun haben will. Sondern lieber auf Bewährtes setzt: Durchhalteparolen, Trainerentlassungen, „die Hoffnung stirbt zuletzt“ sagen und schließlich absteigen und, natürlich, den sofortigen Wiederaufstieg ankündigen. Plus einen Mäzen vorstellen, der aber nach zwei Jahren zweiter Liga sein Geld zurückfordern wird. Immerhin verlässlich, das Ganze.

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Elke Wittich
Journalistin
Schreibt nicht nur über Sport, sondern auch über Verschwörungsideologien, skandinavische Politik und Königshäuser. *** Die ersten Artikel für den taz-Sport gestalteten sich allerdings etwas schwierig: Mit den Worten "Wie, die schicken uns heute eine Frau?" wurde ich beispielsweise vor Jahren von einem völlig entsetzten Vorsitzenden eines Westberliner Fünftligavereins begrüßt. Da war er also, der große Tag, an dem über seinen Club in der taz berichtet werden würde, und dann das: Eine Frau! Ich antwortete ja, ich sei die Strafe und sofort war die Stimmung super. *** Und eines Tages werde ich über diesen Tag und andere, sagen wir: interessante Begegnungen mal ein Buch schreiben.
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