Wirtschaftslage in Iran: Katastrophe nach kurzer Erholung
Die jüngsten US-Angriffe nehmen den Menschen in Iran die Lebensgrundlage. Lebensmittelpreise explodieren und die Landeswährung verliert rasant an Wert.
Einer der vielen Treffer der US-Angriffswelle in der Nacht zum Donnerstag hatte es richtig in sich: Die Aq-Tekeh-Khan-Brücke in der nordiranischen Provinz Golestan wurde schwer von einer Cruise Missile getroffen. Die Brücke ist Teil einer Eisenbahnverbindung, die das Land mit seinen wichtigen Partnern China und Russland verbindet. Sie war bis zu dem Treffer die Überlebensader Irans, seit die USA den Schiffsverkehr aus und in iranische Häfen blockiert haben.
Die am 28. Februar begonnenen und durch ein vorläufiges Abkommen am 17. Juni beendeten Bombenangriffe der USA und Israels haben große Teile der iranischen Infrastruktur und Industrie zerstört und so eine galoppierende Inflation sowie Massenarbeitslosigkeit angeheizt.
Weitgehend zerstört wurde mit Mobarakeh Steel der größte Stahlproduzent in der gesamten Golfregion. Die am 13. April verhängte US-Seeblockade iranischer Häfen verunmöglichte große Teile des persischen Außenhandels. Mit dem vorläufigen Waffenstillstand am 17. Juni keimte Hoffnung auf Besserung auf.
Jetzt herrscht riesige Angst, dass neben den nächtlichen Bombardements auch die Wirtschaftskatastrophe wieder voll um sich greift. „Wir haben unsere Möbel und Teppiche verkauft, nur um über die Runden zu kommen“, erzählt Masud aus Teheran. Aus Angst vor Repressionen benutzt er einen anderen Namen für das Interview mit Radio Farda – einen Sender des US-finanzierten Radio Free Europe/Radio Liberty.
Brotverkauf in der U-Bahn
Vor zwei Monaten wurde er arbeitslos und stellte nun zu Hause Sandwiches her, um sie in der Teheraner U-Bahn zu verkaufen. „Ich habe meinen Entsafter verkauft, nur um die Strom-, Telefon- und Hausverwaltungskosten zu bezahlen“, sagt er. Laut eines Berichts der iranischen Handelskammer hat die Entspannung der militärischen Lage zwar den unmittelbaren Schock für die Industrie abgemildert.
„Jedoch hat sie kaum dazu beigetragen, die strukturellen Engpässe zu beseitigen, unter denen die Hersteller leiden: Der eingeschränkte Zugang zu Devisen, Störungen in den Lieferketten, Liquiditätsengpässe, steigende Produktionskosten, Energieungleichgewichte und regulatorische Unsicherheiten beeinträchtigten weiterhin die Produktion, die Investitionen und die Beschäftigung in der gesamten Branche.“
Der rasante Fall der Landeswährung Rial und die mit aktuell erwarteten 130 Prozent weltweit höchste Inflation erkläre, dass die „iranische Zentralbank den Geschäftsbanken die Kreditvergabe unmöglich macht“. So umschreibt es Alireza Ramezani, Direktor des Finanzanalysten Iran Macro & Risk, Teherans Geldpolitik.
Der Preis für das berühmte in Lehmöfen gebackene Sangak-Fladenbrot hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt – obwohl der Staat Mehl für Bäckereien massiv subventioniert. Der Rial ist die schwächste Währung der Welt: Der Kurs fiel binnen acht Jahren um 3.400 Prozent – auf 1,9 Millionen Rial für einen Dollar nur wenige Tage vor dem Waffenstillstand.
Digitale Dunkelheit
Dann erholte sich Irans Wirtschaft: Der Rial stieg am 19. Juni auf 1.550.000. Kurz zuvor machte Teherans Börse nach 80 Tagen Schließung wieder auf und erklomm die historische Rekordmarke des Tedpix-Index von 5.151.000 Punkten. Nach 88 Tagen Sperre, die die 90 Millionen Menschen in Iran in digitale Dunkelheit zwangen und Hunderttausende Kleinfirmen, die über das Internet Geschäfte machen, wurde das Internet wieder eingeschaltet.
Allerdings seien die langen Ladezeiten und die Drohungen, wieder abzuschalten, „wie die Verlegung von Menschen aus der Isolationshaft in den allgemeinen Gefängnisbereich“, ätzte der iranische Podcaster Arash Nalchegar auf X. Afshin Kolahi von der iranischen Handelskammer addierte die täglichen direkten und indirekten Verluste durch die Internetsperre auf täglich 120 Millionen Dollar.
Die Aufhebung der Seeblockade und des Ölembargos der USA ließ Hoffnung aufkeimen. Der Rohölexport werde schnell wieder das Vorkriegsniveau von 1,66 Millionen Barrel am Tag erreichen, erklärte Irans Ölministerium. Doch nach Drohnenangriffen auf drei Tanker aus Katar und Saudi-Arabien in der Straße von Hormus verhängte Washington am Dienstag erneut ein Ölexportverbot.
US-Finanzminister Scott Bessent spricht von der „Operation Economic Fury“: Die bereits geschwächte Wirtschaft Irans solle gelähmt und Teheran zu einem Friedensabkommen mit Washington gezwungen werden. Und so hätten die Menschen wieder Angst, dass ihnen das Geld ausgehe, sagte der in Teheran ansässige Wirtschaftswissenschaftler Javad Rahimpour.
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