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Iran-AbkommenIm Krieg gefangen

Karim El-Gawhary

Kommentar von

Karim El-Gawhary

So positiv wie die Absichtserklärung für ein Kriegsende im Iran ist, so wenig lässt sich voraussagen, wie es weitergeht. Knackpunkt ist der Libanon.

D utzende Male wurde verkündet, dass eine Einigung kurz bevorstünde. Ebenso oft, dass alles noch scheitern könnte. Aber nun ist sie unterzeichnet: die Absichtserklärung zwischen den USA und Iran, den Krieg an allen Fronten zu beenden – am Golf, aber auch im Libanon. Beide Seiten werden sich misstrauisch beäugen, ob die jeweils andere sich an das Vereinbarte hält.

Die zunächst größte Frage: Was hat US-Präsident Donald Trump, der zusammen mit dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu diesen Krieg begonnen hat, tatsächlich erreicht? Die konkretesten Absichten wie die Öffnung der Straße von Hormus und das Ende der US-Seeblockade gegen Iran stellen die freie Schifffahrt am Golf wieder her, einen Zustand, wie er vor diesem Krieg geherrscht hatte.

Vieles bleibt offen. Der Schlüsselsatz, der immer wieder auftaucht, lautet: Bis ein endgültiges Abkommen Näheres regelt. Das betrifft auch die Atomverhandlungen, so sie denn tatsächlich innerhalb von 60 Tagen beginnen werden – Trumps größtes Problem. Er muss erst einmal zu dem Punkt kommen, den der damalige US-Präsident Barack Obama nach 21 Monaten Verhandlungen mit Iran mit seinem damaligen Atomabkommen erreicht hatte. Wenn Trump diesen Deal nicht zerrissen hätte, hätten die Iraner ihr Uran nicht so weit anreichern können, wie es international vermutet wird.

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Der Poker zwischen Iran und den USA ist mit der Unterzeichnung alles andere als beendet. Beide Seiten halten wichtige Karten zurück. Für die USA sind das vor allem die Sanktionen gegen Iran. Für Iran sind es die Verhandlungen über sein Atomprogramm. Da befindet sich zwischen Absicht und Implementierung ein weites Feld. Beide Parteien werden zunächst abwarten, wie sich die jeweils andere Seite verhält; und, ob das Vereinbarte tatsächlich durchgesetzt wird. Das ganze Konstrukt kann auch wieder infrage gestellt werden.

Die Achillesferse ist der Libanon. Dort hängt Trump vollständig vom Verhalten seines israelischen Alliierten ab. Die israelischen Truppen bleiben weiterhin im Libanon präsent. Für die Hisbollah sind alle israelischen Soldaten auf libanesischem Boden ein legitimes Ziel. Es ist aber Iran, der die Hisbollah vollständig kontrolliert.

Ob Trump das auch von seinem Verbündeten Israel sagen kann, ist fraglich. Netanjahu steht innenpolitisch unter Druck, den Krieg im Libanon fortzusetzen. Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz machte bereits klar, dass sich die israelische Armee nicht aus dem Libanon zurückziehen werde, egal wie groß der Druck sei. Im Abkommen findet sich dazu auch keine derartige Klausel.

Israels Regierung ist gegen das Abkommen

Trotzdem ist genau die weitere Präsenz der israelischen Armee die Lunte, die das Ganze hochjagen könnte. Das gilt umso mehr, als die israelische Regierung gegen dieses neue Abkommen ist. Dort ist vor allem davon die Rede, dass die volle Handlungsfreiheit der israelischen Armee im Libanon gewährleistet sein müsse. Man müsse auf Sicherheitsbedrohungen reagieren können. Israel ist also so etwas wie eine unlenkbare Rakete für die Zukunft des amerikanisch-iranischen Abkommens.

Die Lage im Libanon entscheidet, wie es weitergeht. Aber die Auswirkungen des Ganzen gehen weit über den Libanon hinaus. Es ist auch ein Testfall für das Verhältnis zwischen Trump und Netanjahu. Der israelische Premier kann das Abkommen – über das er definitiv nicht glücklich ist – torpedieren. Die Frage ist, ob Trump seinen israelischen Verbündeten bremsen kann. Es dürfte nicht reichen, dass Trump Netanjahu inzwischen öffentlich rügt und ihn auffordert, „im Libanon verantwortungsvoller zu handeln“.

Netanjahu an die Kandare zu nehmen, ist für Trump auch eine innenpolitische Herausforderung. Denn eines ist in den vergangenen Kriegsmonaten deutlich geworden: Netanjahu wird für Trump immer mehr von einem Bündnispartner in der Nahostregion zu einer Belastung für die US-Außenpolitik. Schafft es Netanjahu tatsächlich, diesen Deal zu torpedieren, wird Trump erneut in seinem eigenen Krieg gefangen sein, den er auf Anraten Netanjahus begonnen hat.

Denn eines haben die Iraner in diesem Krieg auf jeden Fall erreicht: Sie haben gezeigt, dass sie durch ihre geografische Lage genug Abschreckungspotenzial dafür haben, dass Trump sich zweimal überlegen muss, sich nicht an das Abkommen zu halten.

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Karim El-Gawhary

Karim El-Gawhary Auslandskorrespondent Ägypten

Karim El-Gawhary arbeitet seit über drei Jahrzehnten als Nahost-Korrespondent der taz mit Sitz in Kairo und bereist von dort regelmäßig die gesamte Arabische Welt. Daneben leitet er seit 2004 das ORF-Fernseh- und Radiostudio in Kairo. 2011 erhielt er den Concordia-Journalistenpreis für seine Berichterstattung über den Arabischen Frühling, 2013 wurde er von den österreichischen Chefredakteuren zum Journalisten des Jahres gewählt. 2018 erhielt er den österreichischen Axel-Corti-Preis für Erwachensenenbildug.. 2024 bekam er das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich verliehen. Er hat fünf Bücher beim Verlag Kremayr&Scheriau veröffentlicht. Alltag auf Arabisch (Wien 2008) Tagebuch der Arabischen Revolution (Wien 2011) Frauenpower auf Arabisch (Wien 2013) Auf der Flucht (Wien 2015) Repression und Rebellion (Wien 2020)
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5 Kommentare

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  • Was Trump und seine Vasallen da anrichten, ist unbeschreiblich!

    Das kommt dabei Heraus, wenn Dummheit, Arroganz, Verlogenheit und Selbstüberschätzung an der Macht sind und auf gleich ausgerichtete, jedoch wesentlich schlauere Kontrahenten wie Putin, Netanjahu und die Mullas treffen und sich mit diesen messen!

    Mir tun diese armen Menschen, die unterdrückt werden und auf Amerika gehofft haben so unglaublich leid! Ihnen wurde von Trump vorgegaukelt sie zu retten. Nein, sie waren nur ein Spielzeug eines korrupten, orangen, psychopathischen Misanthropen!

  • Wenn der Iran die Hisbollah, wie geschrieben, hundertprozentig kontrolliert, kann man die israelische Zurückhaltung durchaus verstehen. Zumindest, wenn man das Existenzrecht Israels nicht in Frage stellt. Scheint aber im linken Spektrum unseres Landes nicht mehr wirklich der Fall zu sein.

    • @vieldenker:

      Iran scheint ausdrücklich die Rückkehr zu Frieden im Libanon in die Verhandlungen einzubeziehen.



      Israel hingegen nicht. Ziehen Sie Ihre eigenen Schlüsse.

  • Den aktuellen Krieg pauschal als ein Projekt darzustellen, das Trump und Netanjahu "begonnen haben", blendet charmant die jahrzehntelange asymmetrische Aggression aus. Israel reagiert auf existenzielle Bedrohungen durch ein vom Iran hochgerüstetes und gesteuertes Proxy-Netzwerk an seinen Grenzen - allen voran die Hisbollah im Libanon, die den Norden Israels seit Oktober 2023 unaufhörlich mit Raketen beschoss.

    Sorry, ein Staat, der seine Bürger gegen permanenten Terror verteidigt, führt keinen "selbst gewählten" Krieg, sondern übt sein legitimes Recht auf Selbstverteidigung aus - ich würde das von De auch erwarten.

    Während Israel als unberechenbar beschrieben wird, wird das iranische Regime fast schon als rationaler Akteur porträtiert und ausgeblendet, dass Teheran die gesamte Region über Milizen im Libanon, Jemen, Syrien und Irak destabilisiert.

    Dass die Hisbollah im Libanon am Ende sogar noch als Akteur beschrieben wird, dem man "legitime Ziele" zugesteht, während die israelische Präsenz als die alleinige "Lunte" gilt, verkennt, wer die Souveränität des Libanon seit Jahren untergräbt: nicht Israel, sondern die Hisbollah als Staat im Staate.

  • Netanyahu will den Dauer-Krieg ganz offensichtlich, egal, welche Folgen das für Israels Zukunft oder Friedensaussichten in der Region hat.



    Wenn er abgewählt wird und hoffentlich in Den Haag abgeliefert, würden die Nachfolger bitte endlich begreifen, dass mensch besser nicht die Regierung Libanons destabilisiert und vorführt, die als einzige die Hisbollah eindämmen darf und somit wirklich könnte.