piwik no script img

Gespräch über linke Fußballkritik„Wir sprechen von Ultras als Avantgarde“

Die Kommerzialisierung des Fußballs findet kaum ein Fan gut. Wie geht Veränderung? Ein Gespräch mit den Au­to­r:innen von „Matchplan Meuterei“.

Ultras – ­zwischen Kommerz und Widerstand Foto: MIS/imago
Ruth Lang Fuentes

Interview von

Ruth Lang Fuentes

taz: Raphael Molter, Lara Schauland, Sie haben eine „materialistische Fußballkritik“ geschrieben. Was hat Fußball mit Marx zu tun?

Raphael Molter: Im Fußball werden Kämpfe geführt. Es geht darum, wem der Fußball und die Räume gehören und in welchen Schranken Emotionalität und Protest stattfinden dürfen. Wir nutzen die Theorie des Marxismus als Analyse- und Kritikwerkzeug und schauen uns die Fanproteste der letzten Jahre an. Fußball ist zwar Ware, aber eine, bei der die Fans nicht nur konsumieren, sondern das Ganze mitproduzieren.

Bild: privat
Im Interview: Raphael Molter

Jahrgang 1998, ist Politikwissenschaftler und be­treibt materialistische Fußballkritik. Arbeitet journalistisch und bespielt den Podcast „beyond the ball“.

Lara Schauland: Fußball spielt eine fundamentale Rolle in unserer Gesellschaft. Über 30 Millionen Menschen in Deutschland behaupten, Fan zu sein, jedes Wochenende werden Stadien mit Zehntausenden gefüllt. Einen vergleichbaren Ort, an dem so viele Menschen regelmäßig zusammenkommen, gibt es sonst nicht. Es ist wichtig, den Fußball als ein Feld zu begreifen, auf dem Veränderung möglich und notwendig ist.

Bild: privat
Im Interview: Lara ­Schauland

Jahrgang 1999, ist Politikwissenschaftlerin und freie Autorin. Sie arbeitet zu den Themen Männer- und Frauenfußball, Fan­kultur und Kommerzialisierung.

taz: Und wohin soll diese führen?

Schauland: Wir wollen niemandem etwas aufdrücken. Aber viele Fans haben ein Bedürfnis nach Veränderung. Wenn wir über Kommerzialisierung oder Entfremdung sprechen, sind sich die meisten szenenübergreifend einig: Der Fußball ist immer mehr am Markt orientiert, nicht mehr an den Fans, sondern im Zweifel eher an Menschen, die in China sitzen und sich Fußball online angucken zum Beispiel. Oder, dass die 50-plus-1-Regel ein Heiligtum ist.

taz: Also die DFL-Regel, dass die Mehrheit der Stimmanteile an einer ausgegliederten Profiabteilung immer in den Händen der Vereinsmitglieder liegen muss.

Molter: Viele aktive organisierte Fans bringen eine Art von Klasseninstinkt mit, der sich in ihren Werten wiederfindet: Solidarität, Kollektivität, Identifikation. Dennoch verstehen sich viele als unpolitisch. Da sehen wir ein fehlendes Klassenbewusstsein. Der Weg zu einer bundesweiten Fanbewegung ist noch weit. Es gibt vielerorts schon basisdemokratische Organe, das sind aber so gut wie immer Mitmachfallen.

taz: Also das Gegenteil dessen, was Sie sich vorstellen?

Schauland: Die Proteste gegen den DFL-Investoreneinstieg oder rund um die vergangene Innenministerkonferenz (IMK) waren Abwehrproteste, um etwas zu verhindern, und weniger, um eigene Ideen anzustoßen. Sie wurden zwar als erfolgreiche soziale Bewegung in Deutschland bezeichnet, doch letztlich ging es nur um Minimalforderungen. Unsere Vorstellung von einer Veränderung im Fußball ist eine, die mit neuen Ideen nach vorne geht.

taz: Und welche wären das?

Schauland: Nach unserer Analyse bleibt die Frage, wie stark sich der Fußball innerhalb des kapitalistischen Systems überhaupt verändern lässt. Es geht letztlich um eine andere Organisation des Fußballs, mit rätedemokratischen Strukturen. Eine Stärkung der Vereine kann eine wichtige Keimzelle für realdemokratische Prozesse sein.

taz: Inwieweit kann es um mehr gehen als nur um Fußball?

Schauland: Fußball und Fanszene existieren jetzt schon nicht losgelöst von der jeweiligen Stadtgesellschaft. Die Bereitschaft, sich einzubringen, ist da. Gerade in kleineren Städten gibt es Überschneidungen mit sozialen Bewegungen, Kampagnen oder Spendenaktionen. Ultras haben auch schon eine große Rolle in gesellschaftlichen Umbrüchen gespielt, zum Beispiel bei den Gezi-Protesten in der Türkei 2013, die sie teilweise angeführt haben.

Molter: Wird die Meinungsfreiheit eingeschränkt, kann das Stadion eine gute Möglichkeit bieten, politischen Willen zu artikulieren. Doch die natürlichen Rivalitäten zwischen den Fangruppen machen es oft schwer, vereinsübergreifende Absichten politisch wirksam zu machen. Die Ernsthaftigkeit, die die Ultras mit dem Fandasein verbinden, könnte aber trotzdem etwas schaffen, das darüberstehen kann. Deshalb sprechen wir auch von Ultras als Avantgarde. Sie können solche notwendigen Bündnisse schaffen.

taz: Welche Rolle könnten die Spieler selbst übernehmen?

Molter: Beispiel DFL-Investorensuche: Die Proteste zielten auch darauf ab, dass die Verwertung des deutschen Profifußballs noch stärker angekurbelt werden sollte. Darunter leiden auch – bis auf die mit extrem hohen Gehältern – die Spieler:innen. Mit der erhöhten Dichte an Spielen steigt die Verletzungsgefahr. Mit Bündnissen könnte man nicht nur von den Tribünen aus Druck machen, sondern mit den entscheidenden Akteuren zusammen.

taz: Beim Thema IMK müssen wir auch über Gewalt sprechen. Man kann nicht leugnen, dass sie im Stadion auftritt. Was gehört zur Fußballkultur, was nicht?

Schauland: Gewalt ist ein relevanter Teil der Fankultur. Doch körperliche Gewalt im Stadion ist tatsächlich selten. Im Stadion kommt die Gewalt gegen Fans meist von der Polizei. Ganz viele Situationen werden durch Polizei eskaliert, deutlich mehr Menschen werden durch Reizgas verletzt als durch Pyrotechnik. Was verbale Gewalt angeht, gibt es definitiv Grenzüberschreitungen, etwa rassistische Äußerungen. Zudem ist es ein Raum, der stark durch Männlichkeit geprägt ist. Da muss sich etwas verändern. Als Frau, die seit 15 Jahren zum Fußball geht, habe ich mich aber noch nie unsicher gefühlt.

taz: Dass es auch rechtsextreme Fanszenen gibt, klammern Sie in Ihrem Buch lieber aus?

Molter: Wir wissen schon von Leuten, die definitiv in organisierten rechten Kreisen unterwegs sind, aber darum geht es an der Stelle nicht. Du kannst der Fanbewegung nicht einen antifaschistischen Charakter andichten, den sie nicht hat.

Schauland: Wir wollen die Leute mit unseren Argumenten und Gedanken überzeugen. Es geht darum, linke, progressive Strukturen an den einzelnen Standorten zu stärken. Selbst die Fanszenen, die wir als rechts begreifen, sind oft doch relativ heterogen. Es ist oft eher eine Frage von Machtverhältnissen.

taz: Das Ziel in den Stadien ist mittlerweile oft, ein „familienfreundliches“ Umfeld zu schaffen durch teurere Tickets. Wäre das das Ende jeglicher Fußballkultur?

Schauland: Es geht dabei darum, das Produkt besser zu vermarkten, attraktiver für Sponsoren zu sein und das Spiel zu kontrollieren. Wo Gewalt stattfindet, kann weniger kontrolliert werden. Bei den Protesten in der Türkei haben Ultras einen wichtigen Teil eingenommen, weil sie sich durch die Erfahrung mit Polizeigewalt zu wehren wussten. Dass Menschen durch hohe Ticketpreise ausgegrenzt werden oder sie sich nicht leisten können, sich im Stadion was zu trinken zu kaufen, findet übrigens auch gewaltvoll statt.

taz: Ein Genossenschaftskonzept wie bei St. Pauli wäre doch auch eine Fußballalternative?

Molter: St. Pauli versucht, die zentrale Infrastruktur des Vereins über Gelder der eigenen Fans zu finanzieren. Das Problem ist, dass St. Pauli explizit nicht das gesamte Organisierungsmodell des Vereins umstellt. Der Spielbetrieb wie die Profiabteilung sind nicht Teil der Genossenschaft. Das ist die klassische Mitmachfalle. Würde man den Teil mit reinnehmen, dann hätte man tatsächlich eine gute Realutopie im Fußball geschaffen.

taz: Aber läuft der Fußball dann nicht Gefahr, eventuell schlecht und irrelevant zu werden?

Schauland: Man kann den Fußballverein auch als Ort der Gemeinschaft verstehen und andere Ziele als sportlichen Erfolg verfolgen. Vielleicht landet der Verein in der Regionalliga, aber man hat etwas anderes dazugewonnen: einen Ort, an dem alle gerne sind, sich einbringen wollen und persönlich profitieren.

Molter: Die ersten Fußballherren eines Vereins haben meist das Ziel: maximaler sportlicher Erfolg. Das sollte aber in Relation stehen zu erfolgreicher Jugendarbeit und tief verankerter Vereinsidentität. Natürlich klingen manche Alternativmodelle oft nach einem Ende der Professionalität. Aber es gibt viele Profivereine, die so dilettantisch geführt werden. Warum dann nicht mal etwas Sozialismus wagen im Fußball?

„Matchplan Meuterei – Fußballfans zwischen Kommerz und Widerstand“ ist Oktober 2025 im Papyrossa Verlag erschienen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

4 Kommentare

 / 
  • Schöne Ansätze, doch der heutige Profifussball ist derart kapitalistisch durchgetaktet, dass das Diskussionen für das Feuilleton und am Ende für die Schublade sind.



    Vielleicht sollte man das Ganze auch nicht politisch überfrachten, die Leute wollen am Ende Fussball gucken, nicht nebenbei politische Probleme lösen. In Diktaturen mag es Überschneidungen geben, dort nutzt man Freiräume im Fussball zur Formulierung von Protest.



    Das Problem im Profifussball ist einerseits dessen Organisation als immer stärker in der kapitalistischer Logik gefangene Geldvermehrungsmachine, in der absurde Gehälter gezahlt werden, gleichzeitig will der deutsche Fan Wärme und „Elf-Freunde“-Feeling, was auf Dauer einfach Selbstbetrug ist. Ein Michael Olise wird nie ein Batzi, und wenn er noch zehn Jahre bei den Bayern spielt.



    Vielleicht ist da das amerikanische Modell ehrlicher: unpolitisch, auf fairen Wettbewerb ausgerichtet (Serienmeister führen zu Langeweile), dabei jedoch klar geldgetrieben (auch in den Amiligen wird unmoralisch viel verdient).

  • "Der Fußball ist immer mehr am Markt orientiert, nicht mehr an den Fans ..." Nun ja, die Fans SIND der Markt, es sei denn, man betrachtet nur einen kleinen Teil der Fans als Fans. Die meisten Fans wollen, dass ihr Verein gewinnt, oder sie wollen zumindest ein spannendes Spiel sehen. Und dafür brauchen die Vereine gute Spieler und ein Umfeld, in dem diese ihre Fähigkeiten entfalten können. Das kostet einen Haufen Geld und führt zwangsläufig zu einer Kommerzialisierung - wenn der Verein nicht in die Regionalliga oder noch tiefere Ligen absteigen soll. Die Mehrheit der Fans will aber nun einmal nicht, dass ihr Verein in den unteren Ligen kickt. Und um mit anderen Leuten zusammenzukommen, muss man kein Fußballstadion besuchen. Die meisten Fans gehen ins Stadion, um das Spiel zu sehen, und nicht, um viele Menschen zu treffen. Viele Leute kann man auch sehen, wenn man eine Innenstadt oder ein Einkaufszentrum aufsucht, und dafür muss man nicht mal Eintritt zahlen.

    Und im Sozialismus, jedenfalls dem real existierenden, war der Sport ebenso auf Erfolg gerichtet wie im Kapitalismus.

  • "Viele aktive organisierte Fans bringen eine Art von Klasseninstinkt mit, der sich in ihren Werten wiederfindet: Solidarität, Kollektivität, Identifikation. Dennoch verstehen sich viele als unpolitisch. Da sehen wir ein fehlendes Klassenbewusstsein"



    Die Worte mit dem fehlenden Klassenbewusstsein sind mir noch in einem anderen gesellschaftlichen Zusammenhang in "historischer" Erinnerung.



    Insofern ist die Wiederbelebung nicht unerwartet:



    "Der Soziologe Ulf Kadritzke erklärt im Deutschlandfunk Kultur, niemand spreche mehr von Klassen, stattdessen werde von Schichten, Kulturen, Milieus und Mentalitäten gesprochen. So werde auch die Jugend gar nicht mehr nach sozialen Kriterien aufgeschlüsselt, es heiße stattdessen einfach nur noch: die Jugend. „Und die Klasse ist einfach vergessen.“



    Dabei sei eine Klasse „eine Ansammlung von Menschen, die nach bestimmten, vor allem ökonomischen und sozialen Merkmalen zumindest ein gemeinsames Interesse entwickeln kann.“ Soziale Sicherheit, faire Entlohnung und gute Arbeitsbedingungen seien solche potentiell gemeinsamen Interessen, sagt Kadritzke."



    b. deutschlandfunkkultur.de



    "Zwar gebe es keine Mechanik, wie Klassenbewusstsein über Nacht entstehe..."

  • Ich bin seit meiner Kindheit Fußballfan und habe fast alle Heimspiele meiner Mannschaft besucht. Waren in den 80er Jahren die Hooligans ein ernsthaftes Problem so stören mich heute die Ultras noch erheblich mehr. Ich habe keine Lust auf Pyrotechnik und nervige Choreographien, die meistens nicht mit dem Spielverlauf zu tun haben. Auch auf die Fahnen die mir die Sicht versperren kann ich gut verstehen. Was mich aber am meisten stört ist die latente Gewaltbereitschaft, wenn man sogar Kindern den Fanschal wegnimmt und dann den Vater angreift hört der Spaß auf. Das Stadion gehört nicht organisierten Idioten, auch wenn diese das glauben.