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WintersportLanglaufen? Länger laufen!

Beim Weitlanglaufen macht man Strecke und schläft jede Nacht an einem anderen Ort. Unsere Autorin ist so durch das Engadin geglitten.

Keine Lifte, keine Seilbahnen: Langlaufen ist umweltfreundlicher als Abfahrtskifahren Foto: Christian Beutler/Keystone/mauritius images

Wie war das noch? Mit den Füßen abdrücken und sich mit den Skistöcken in gegenläufiger Bewegung hinten abstoßen, ohne sie fest zu umklammern? Ich blicke angestrengt auf die parallelen Spuren vor mir. Es dauert eine Weile, bis ich in den Flow komme und die rhythmische Vorwärtsbewegung der Langlaufskier wieder genießen kann.

Ich bin in Maloja, einem kleinen Alpenort auf etwa 1.800 Meter Höhe, genauer: im östlichsten Zipfel der Schweiz, im Hochtal des Engadins im Kanton Graubünden. Von hier aus will ich Weitlanglaufen, also quasi Tourenwandern auf Skiern, über mehrere Tage von einem Ort zum nächsten gleiten.

Hier im Engadin bietet ein Veranstalter eine Pauschale mit Gepäcktransfer, Infomaterial und Übernachtungen in sehr guten Drei- und Viersternehotels an. Vier Etappen, circa 110 Kilometer. Ein zugegeben teurer Spaß, der mehr als 1.000 Schweizer Franken kostet.

Ringsum mächtige Berggipfel, strahlender Sonnenschein, blauer Himmel – mehr Wintermärchen geht nicht

Direkt nach meiner Ankunft teste ich meine geliehene Langlaufausrüstung. Die Loipe über den zugefrorenen Silsersee ist nur ein paar Meter vom Hotel entfernt. Ringsum grüßen mächtige Berggipfel, am Ufer Tannen und Lärchen, dazu strahlender Sonnenschein und blauer Himmel. Klingt kitschig, mehr Wintermärchen geht nicht. Aber wenn man durch den Schnee gleitet, der die Sonne reflektiert und im Tal eine Lichtexplosion auslöst, setzt das einfach Endorphine frei.

Kann eine Landschaft zu überwältigend schön sein? „Kein Wunder, dass der gute Nietzsche hier übergeschnappt ist“, soll der Komponist Richard Strauss über den Philosophen gesagt haben. Sieben Sommer verbrachte Friedrich Nietzsche in der Gegend. „Hier ist mir bei weitem am wohlsten auf Erden“, schrieb er 1881, nachdem er seine Professur in Basel aus gesundheitlichen Gründen bereits hatte aufgeben müssen. Das Klima in der sonnenreichen Hochebene linderte nicht nur seine Migräne, es inspirierte ihn auch.

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Auf einer Wanderung ereilte Nietzsche der Gedankenblitz für den Zarathustra. „Hier saß ich, wartend, wartend – doch auf Nichts, / Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts / Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel, / Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. / Da, plötzlich, Freundin! Wurde Eins zu Zwei –/ – Und Zarathustra ging an mir vorbei“, schrieb er über sein Hauptwerk.

An mir geht Zarathustra nicht vorbei, stattdessen überholen mich Langlaufskater. Die sind ohnehin viel schneller, Skaten ist die dynamischere Variante dieses Sports. Hier braucht es keine Loipen, man bewegt sich freier und eher wie ein Schlittschuhläufer über den Schnee.

Ich bleibe bei meinem Parallelstil, erreiche auch so nach etwa einer Stunde Sils Maria und habe dort genug Zeit, kurz die Bretter abzuschnallen und mich im Nietzsche-Haus umzusehen. Es ähnelt eher einer Berghütte. Neben dem spartanischen Schlafzimmer sind Bücher und Handschriften Nietzsches hinter Glas ausgestellt. Draußen auf den Terrassen tanken derweil betuchte Bildungsbürger, die in Sils Maria bevorzugt zu Gast sind, ihre Portion Vitamin D.

Brrrrrrr – mich friert's

Am nächsten Tag geht die Weitlanglauftour dann erst richtig los. Wieder starte ich von Maloja Richtung Sils Maria, gleite von dort aber weiter über den Silvaplanersee, eine riesige winterliche Spielwiese, auf der sich auch Spaziergänger und Familien mit Schlitten tummeln.

Im Luxusskiort St. Moritz ändert sich dann das Bild abrupt. Neben mondänen Hotelpalästen aus der Belle Époque stehen gesichtslose Neubauten, zu Autohäusern und Juwelieren gesellen sich Boutiquen, in deren Schaufenstern der eine oder andere Pelz hängt. Auf einem Schild neben der Loipe wirbt ein Restaurant mit dem Slogan „Where the Gods dine“. Nun ja, hier wird eine andere Zielgruppe anvisiert als in den übrigen Orten.

Im Engadin findet jedes Jahr ein Skimarathon mit rund 15.000 Langläuferinnen und -läufern statt

In Pontresina, wo meine Tagesetappe endet, geht es jedenfalls weniger ums Sehen und Gesehenwerden als um den Wintersport. Und zwar nicht nur auf Skiern. Auf dem Weg zum Hotel kann ich in einer Schlucht neben der Straße tief unten ein paar Mutige – oder besser Lebensmüde? – entdecken, die an den mindestens 50 Meter hohen vereisten Wasserfällen hochklettern. Brrrrrrrr. Mich friert’s schon beim Anblick.

Schnell flüchte ich mich in die warme Sauna des Sporthotels. Neben gutem Essen und einem kleinen Empfang im von Kerzenlicht beleuchteten Weinkeller bietet das Haus seinen Gästen einen besonderen Service: Wer bis abends um acht seine Sportwäsche abgibt, bekommt sie morgens um acht frisch gewaschen zurück. Kostenlos!

Am nächsten Tag erwartet mich eine knapp 20 Kilometer lange, relativ bequeme Etappe nach Zuoz. Es soll das schönste Dorf im Oberengadin sein. Der Ortskern besteht tatsächlich aus lauter stattlichen Häusern. Einige bis zu vier Jahrhunderte alt, die steinernen Fassaden schmücken sogenannte Sgraffiti: kunstvolle Ornamente, geometrische Muster oder Sinnsprüche, die einst in das noch nasse Mauerwerk geritzt wurden. Der traditionellen Technik begegnet man überall im Engadin, aber in Zuoz stehen besonders schöne Exemplare.

Hier heißen die Geschäfte auch „Butia“, zu Deutsch Laden, oder „Furnaria“, also Bäckerei, wie es der rätoromanischen Landessprache entspricht. Wobei die keineswegs einheitlich ist. In Graubünden werden fünf verschiedene Idiome gesprochen. Tatsächlich werde ich auf meiner nächsten Tagesetappe nicht nur die politische Grenze zwischen Ober- und Unterengadin überschreiten – oder besser: übergleiten –, sondern auch die Sprachgrenze zwischen den Rätoromanischvarianten Puter und Vallader.

Vorher passiere ich das winzige Örtchen S-chanf. Es ist Ziel des Engadin Skimarathons, des größten Breitensportevents der Schweiz, auf dessen Strecke ich bisher unterwegs war. Um die 15.000 Läufer und Läuferinnen gehen hier Jahr für Jahr im März an den Start, von Anfängern bis zu Olympiasiegern. Neben der Langstrecke über 42 Kilometer gibt es auch kürzere Varianten wie den Frauenlauf über 17 Kilometer.

Manche Veteranen, darunter die mittlerweile 88-jährige Françoise Stahel, waren bei allen bisherigen 55 Austragungen dabei. „Langlaufen boomt“, bestätigt Menduri Kasper, der Geschäftsführer des Skimarathons. „In den 1990er Jahren war die Sportart total out. Da hat man sich über die paar Hansel lustig gemacht. Aber das hat sich inzwischen komplett gewandelt.“ Seiner Meinung nach hat auch die Outdoormode ihren Teil dazu beigetragen. Außerdem liege in der Schweiz wie auch anderswo die Bewegung in der Natur im Trend.

„Viele, die im Sommer Mountainbike oder Rennrad fahren, haben nach einer adäquaten Sportart im Winter gesucht und das Langlaufen für sich entdeckt“, sagt Nadine Rohn, PR-Managerin bei Engadin Tourismus. Der Vorteil gegenüber Abfahrtslauf sei für sie unter anderem, dass man „sich schon in relativ kurzer Zeit richtig auspowern kann“.

Außerdem seien es auch viele ältere Leute, die die sanfte Variante des Skifahrens bevorzugen. „Manche trauen sich den Abfahrtslauf nicht mehr zu. Oder sie haben Knieprobleme und der Arzt hat es ihnen verboten“, sagt Daniel Gini, der als Langlauflehrer in Pontresina Interessierten die grundlegenden Techniken beibringt.

Langlaufen statt Liftfahren

Auch für das ökologische Gewissen ist eine Skilanglauftour besser, zerstören doch keine Liftanlagen oder Seilbahnstationen die Landschaft.

Für mich stehen aber vor allem der Naturgenuss und die Ausblicke im Vordergrund. Dachte ich zumindest – bis ich den Rest der dritten Etappe in Angriff nehme. An diesem Tag hat es minus 12 Grad, es gibt weder Sonne noch Wintermärchen, statt durch weite Ebenen und an Seen entlang geht es durch dichten, einsamen Wald. Und zwar in ziemlichem Auf und Ab, sodass ich nicht nur wegen der Anstiege ins Schwitzen komme.

Wenn es rasant nach unten geht, bekomme ich in den gespurten Loipen mächtig Fahrt – und zitternde Knie. Wer weiß, wie das Gefälle nach der nächsten Kurve aussieht? Und was, wenn es vereiste Stellen gibt? Oder mir jemand entgegenkommt? Letztlich komme ich heil unten an und stelle fest, dass trotz aller Bedenken auf dieser Etappe der Spaßfaktor am größten ist.

Am letzten Tag ist dann aber wieder die Landschaft die Protagonistin. Von Scuol Richtung Martina geht es nun fast die ganze Zeit am Inn – auf Rätoromanisch En – entlang, der dem Engadin seinen Namen gegeben hat. Teils vereist, teils als offen plätschernder Fluss schlängelt er sich durch die verschneite Waldlandschaft. Höchst romantisch!

Nur schade, dass das allerletzte Teilstück mangels Schnees gesperrt ist. Das ist ein Risiko, das selbst jetzt im Januar immer latent mit dabei ist, der aktuelle Loipenbericht gehört beim Frühstück zur Pflichtlektüre. Zum Glück lassen sich die nicht befahrbaren Strecken gut mit Bussen oder den Zügen der Rhätischen Bahn überbrücken, die – wir sind hier in der Schweiz – auch pünktlich und verlässlich verkehren.

In diesem Fall fahre ich zurück nach Scuol und habe noch Zeit, durch den schönen alten Dorfkern zu schlendern und der Bäderlandschaft Bogn Engiadina einen Besuch abzustatten. Schade, dass die Langlauftour schon zu Ende ist, denke ich im wohlig warmen Thermalwasser, das sich aus den hochmineralischen Quellen der Gegend speist.

Ob ich vielleicht für den Skimarathon wiederkommen sollte? „Am Frauenlauf kannst du auf jeden Fall teilnehmen“, hatte Skilehrer Daniel Gini gesagt. „Du musst ja keinen Rekord aufstellen.“

Transparenzhinweis: Die Recherche wurde unterstützt von Graubünden Ferien, Engadin Samnaun Val Müstair, Schweiz Tourismus und Engadin.

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