Willkommen in Kreuzberg: Lust machen auf Engagement
Neues Flüchtlingszentrum an der Hasenheide eröffnet am 1. Oktober. Initiativen aus dem Graefekiez informieren über die Erstaufnahmeeinrichtung und üben Kritik.
Foto: Joko/imago
„Wer braucht noch ’nen Stuhl?“, fragt Bahar Şanlı, Gemeinwesenarbeiterin im Graefekiez. Der Saal der Christuskirche ist voll: Fast 100 Interessierte informierten sich über die baldige Eröffnung der Erstaufnahmeeinrichtung Kreuzberg – und auch darüber, wie sie sich im Kiez engagieren können, um die Neuankömmlinge zu empfangen. „Wir lassen die Tür offen, würde ich sagen“, beendet Şanlı das kollektive Stühlerücken. Die Interessierten folgten der Einladung von verschiedenen Initiativen wie dem Willkommensbündnis Hasenheide, dem Nachbarschaftshaus Urbanstraße und dem Flüchtlingsrat Berlin.
Sie wollten damit kursierenden Gerüchten zur Flüchtlingsunterkunft vorbeugen: Bereits am 1. Oktober wird die Erstaufnahmeeinrichtung im ehemaligen Bürogebäude der Rentenversicherung an der Hasenheide in Kreuzberg eröffnet – zuvor war immer von Anfang 2027 die Rede gewesen. In der Erstaufnahme sollen 750 Menschen Platz finden, untergebracht in Vierbettzimmern.
Wenn im Notfall mehr Flüchtlinge ankommen, können noch 350 Plätze aufgestockt werden, bestätigte der Sprecher des Berliner Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten und Unterbringung (LFU) am Donnerstag der taz. Täglich sollen maximal 30 Menschen aufgenommen werden, die maximal 6 Monate dort untergebracht sein sollen. Emily Barnickel vom Flüchtlingsrat bezweifelt diese Frist auf dem Podium: „Temporär geplante Lösungen tendieren in Berlin dazu, sich zu verstetigen.“
Auch die „Willkommensschule“, die ähnlich wie in Tempelhof, Tegel und Lichtenberg innerhalb der Einrichtung angeboten wird, war erneut Gegenstand der Kritik – wie zuvor in anderen Einrichtungen sowie bei einer Veranstaltung zur Hasenheide im vorigen Jahr. Das Willkommensbündnis Hasenheide rechnet mit rund 250 Kindern, die in 10 bis 12 Klassensträngen unterrichtet werden sollen. Das Bündnis verweist auf Studien, nach denen es für die soziale Eingliederung und den Spracherwerb hinderlich sei, wenn Kinder nicht in den normalen Schulbetrieb integriert werden.
Schulstadtrat Andy Hehmke (SPD) habe nach der Kritik inzwischen zugesagt, die Kapazitäten in bestehenden Willkommensklassen in den regulären Kreuzberger Schulen zuerst zu nutzen, bevor die Willkommensklassen in der internen Schule der Einrichtung gefüllt werden, sagte Perle* vom Willkommensbündnis.
Das Willkommensbündnis mahnt, die Schule im Haus sowie die geplante Vollverpflegung seien Beschleuniger von „Segregation“ und somit das Gegenteil von Inklusion in die Nachbarschaft, weil die Menschen rund um die Uhr in der Einrichtung festsäßen. Auch die hohen Kosten kritisieren Willkommensbündnis und Flüchtlingsrat: Das LFU sagte der taz, es zahle für die Nutzung des Gebäudes monatlich 1,2 Millionen Euro Miete**.
Die Wertschätzung füreinander ist ansteckend
Eine Besonderheit wird es in der neuen Unterkunft geben: Der Bezirk hat „Berlin Mondiale“ engagiert – einen gemeinnützigen Träger von Kulturarbeit und kultureller Stadtentwicklung –, um Begegnungen zwischen Bewohnern und Anwohnern zu organisieren, dafür gibt es eine Küche und einen Begegnungsraum.
Berlin Mondiale habe wenige Stunden vor der Infoveranstaltung die Schlüssel vom Bezirk und Betreiber der Einrichtung überreicht bekommen, erklärt Trang Trần. Nun werden sie sich ein Konzept überlegen sowie Personal einstellen, das auf den Alltag der vulnerablen Menschen auf der Flucht eingeht. „Jetzt priorisieren wir erst mal die Bedarfe der ankommenden Menschen“, sagt Trần. „Danach schauen wir, wie wir sie vernetzen mit den Menschen, die sich engagieren wollen.“
Lust auf Engagement machen die Aktiven aus dem Kiez: Faisal Ahmadi flüchtete selbst aus Afghanistan und war in einer solchen Einrichtung untergebracht. Heute fährt er mit dem Lastenrad von „Kinder gegen Obdachlosigkeit“ durch Kreuzberg. Tim Ünsal reflektiert seine Arbeit als Sozialarbeiter beim Nachbarschaftshaus Urbanstraße. Er findet, es geht um psychische Gesundheit. „Was tut mir gut? Mir tut Peter* gut!“, bezieht er einen Ehrenamtlichen aus dem Publikum mit ein, der Ünsals Beitrag just kommentierte. Und noch mehr vom Nachbarschaftshaus sitzen im Publikum: Amir* spielt dort Tischtennis und Astrid* brachte vor ein paar Tagen kiloweise Tomaten vorbei. Die Wertschätzung füreinander ist ansteckend.
Die Initiativen hatten auch das LFU eingeladen. Das organisiert am 25. September, kurz vor der Eröffnung, im Flüchtlingszentrum einen Tag der offenen Tür von 16 bis 19 Uhr.
* Die Namen wurden anonymisiert.
** In einer ersten Version war fälschlicherweise von 1,3 Millionen Euro Miete pro Jahr die Rede. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
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