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Über den Tellerrand geschautMate ist das Getränk der Freundschaft

Bei dem Verein Über den Tellerrand wird viel geredet und gekocht. Oder Mate getrunken. Hier kommen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zusammen.

Draußen vor der Meta Mate Bar stehen Stühle, bemalt in Regenbogenfarben, unter einem grünen Blätterdach. Hier im Kollwitzkiez sollen Menschen über das Mate-Tee-Trinken zusammenkommen. Eine Frau bietet eine Cuia an, ein traditionelles Trinkgefäß aus Südamerika mit gewölbtem Rand – klassischerweise ein ausgehöhlter getrockneter Kürbis, in diesem Fall jedoch aus Keramik. Das Gefäß wird mit kleingeschnittenen trockenen Blättern des Mate-Strauchs gefüllt, anschließend mit heißem Wasser aufgegossen.

„Nicht verrühren“, ist die goldene Regel, und das Erste, was die meisten Menschen, die vorher noch nie auf traditionelle Weise Mate-Tee getrunken haben, falsch machen würden, sagt Moana Skambraks. Sie ist von dem Verein Über den Tellerrand, einer bundesweiten Organisation, bei der Menschen mit und ohne Fluchterfahrung aufeinandertreffen.

Sommerserie „Unter Anderen“

Unsere Gesellschaft driftet auseinander. Aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Berlin ist voller Orte, an denen Menschen noch ins Gespräch kommen – beiläufig, ungeplant und oft überraschend. Räume des urbanen Zusammenlebens, offen, widersprüchlich und sozial durchlässig. Für unsere Sommerserie erkunden wir diese alltäglichen Kontaktzonen, in denen Menschen Verbindung und Verschiedenheit suchen, aushalten und verhandeln.

Dabei geht es darum, Vorurteile abzubauen und sich auf Augenhöhe zu begegnen. Seit 2020 ist Moana Skambraks dabei: „Das war in der Zeit zwischen den Lockdowns, als ich auf der Suche nach Community war. Ich habe bei einem Event ‚Kochen macht Freu(n)de‘ mitgemacht“, erzählt sie.

Bei den Veranstaltungen wird aber nicht nur im übertragenen Sinne „über den Tellerrand“ geschaut. Es dreht sich buchstäblich um den Teller, der am Ende mit Essen gefüllt werden soll: Bei den Veranstaltungen werden traditionelle Rezepte verschiedener Kulturen gekocht. So kann das Kochen auch Communitys zusammenbringen, die über die jeweiligen traditionellen Gerichte verbunden sind.

Alle zwei Monate organisiert der Verein Über den Tellerrand in Kooperation mit der Meta Mate Bar das gemeinsame Mate-Trinken. Traditionell geht der Tee reihum: Hat eine Person ausgetrunken, wird neues Wasser aufgegossen und das Behältnis weitergereicht. „Mate ist das Getränk der Freundschaft. Man trinkt es zusammen, man ist automatisch Teil der Gruppe“, sagt Krithika do Canto, Leiterin der Meta Mate Bar.

Mehr als ein Hipster-Getränk

Der Stuhlkreis füllt sich, es sind junge und ältere Menschen da, einige sind das erste Mal hier, andere kommen regelmäßig, eine ist extra aus Marzahn nach Prenzlauer Berg gefahren. Mate ist für viele das wohl bekannteste Berlin-Getränk – ohne, dass den meisten die Ursprünge bekannt sind.

„Viele Studis und junge Menschen trinken ja schon eine Version von Mate“, sagt Bella Koleva, eine junge Frau mit blauen Haaren – sie meint die bekannte Mate-Limo aus der Glasflasche. Was hier getrunken wird, ist hingegen ein Heißgetränk. Bei beidem steht im Vordergrund, es zu teilen: „Es ist eine Einladung: Hey, willst du ein bisschen Zeit mit mir verbringen?“, erklärt Koleva.

Zu Beginn der Runde stellen sich alle der Reihe nach mit ihrem Namen vor. „Lasst uns alle noch eine kleine Sache über uns erzählen“, sagt Skambraks und denkt über eine Frage nach, die alle in ihrer Vorstellungsrunde beantworten sollen. Weil es auch gerade regnet, fällt ihr ein: „Wann habt ihr das letzte Mal Regen erlebt?“ Alle in der Runde teilen kleine Anekdoten: vom schrecklich durchnässten Nachhauseweg oder dem schönen Sommerregen, der vom Balkon aus beobachtet wurde.

Im Anschluss, etwas abseits vom Stuhlkreis, erklärt Skambraks den Grund für solche Vorstellungsrunden: „Erstens, weil dann jede Stimme einmal gehört und jeder Name einmal genannt wurde, was tatsächlich dazu führt, dass man sehr viel schneller mit Leuten ins Gespräch kommt.“ Aber auch die Art der Frage, die gestellt wird, habe einen Hintergedanken: „Ich erzähle jetzt nicht, was ich studiert habe, was ich arbeite oder woher ich bin“, sagt Skambraks, „es geht darum, dass es nicht das Erste ist, was man über sich preisgeben muss.“

Verbindungen schaffen

Die Idee von Über den Tellerrand sei es, Begegnungen zu schaffen zwischen Menschen, die sich womöglich sonst nicht begegnen würden, präzisiert Skambraks das Anliegen des Vereins. Um das möglichst niedrigschwellig zu gestalten, werde zum Beispiel abgefragt, welche Sprachen in der Runde gesprochen werden: „Irgendwie schafft man es immer, Leute zu finden, die sich gegenseitig übersetzen.“

Der Mate geht herum, zaghaft kommen erste Gespräche in Gang

An diesem Tag spricht eine Person kein Deutsch – dessen Geschwister übersetzen. Der Mate geht herum, zaghaft kommen erste Gespräche in Gang: Schon von klein auf ist Rayne do Canto, das Kind der Ladenbesitzerin, in der Meta Mate Bar. Es sei sehr leicht, mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen: „Die erste Frage ist immer: Woher kennst du Mate?“, sagt Rayne do Canto – von da aus komme man auf die verschiedensten Themen.

„Viele Leute kennen Mate entweder, weil sie aus Südamerika kommen oder aus Syrien oder dem Libanon“, sagt er und erklärt, dass dort jeweils unterschiedliche Arten von Mate getrunken werden: „In Syrien trinkt man zum Beispiel vor allem Argentinischen Mate. Wir haben hier vor allem Brasilianischen Mate – dann kann man darüber ein bisschen reden.“

Leuten, die noch gar keinen Bezug zu Mate haben, könne man zum Beispiel die Geschichte von Mate erklären. „Man findet da immer irgendeine Verbindung“, meint Rayne do Canto. Stühle scharren jedes Mal, wenn neue Leute ankommen und der Stuhlkreis vergrößert werden muss, schnell werden die Neuankömmlinge in die Gespräche integriert.

Kochen als Verbindungselement

Wenn nicht Mate getrunken, sondern gekocht wird, gibt er traditionelle Gerichte aus den kulturellen Kontexten derjenigen, die das Rezept vorgeben: „Es gibt immer Menschen, die sozusagen die Experten sind, was das Rezept angeht“, sagt Skambraks. Und das sei etwas Besonderes: „Menschen, die gesellschaftlich oft in der Position von Hilfeempfangenden gesehen werden, wie beispielsweise Menschen mit Migrationsbiografie oder Fluchterfahrung, kommen selten in die Situation, dass sie diejenigen sind, die in der Expertenrolle gesehen werden. Die, von denen man etwas lernen kann.“

Vivian Graffunder hat vorher noch nie traditionell Mate getrunken: „Es ist cool, wenn jemand zu dir kommt und dir erklärt: So macht man das – man berührt den Strohhalm nicht. So lernt man etwas dazu.“ Sie ist eine der drei Freund*innen, die Luisa Wischmann an diesem Tag mitgenommen hat. Ihre Familie stammt aus Brasilien. Sie sitzen zusammen im Kellerraum des Ladens auf einem Sofa; draußen regnet es inzwischen zu stark. Es riecht nach Gewürzen und Tee, das Licht ist gedimmt aber warm – gemütliche „Wohnzimmeratmosphäre“, findet die Freundesgruppe.

Für Luisa Wischmann ist diese Veranstaltung auch ein Weg, Leute zu treffen, die ihre Kultur teilen: „Ich habe nicht so viel Kontakt zu anderen Brasilianer*innen. Und zu hören, wie Leute Portugiesisch sprechen, macht mich fröhlich.“ So geht es nicht nur ihr, wie Moana Skambraks von anderen Teilnehmenden weiß: „Viele Leute berichten, dass sie sich durch Veranstaltungen wie diese erst mit Rezepten ihrer Familie auseinandergesetzt haben und es auch wieder ein Teil der eigenen Identität ist.“

Dass Veranstaltungen wie die von Über den Tellerrand durch Kürzungen im Sozial- und Kulturbereich immer stärker unter Druck geraten oder gänzlich wegfallen, bereitet Skambraks Sorgen: „Zwei Projekte – InteGratin auf Augenhöhe und die Austauschbörse laufen zu Ende Dezember 2026 aus.“ Finanziert wurden diese Projekte durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und dem Europäischen Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (Amif), eine Anschlussfinanzierung stehe derzeit nicht in Aussicht.

Dabei seien Orte wie die Meta Mate Bar, an denen Menschen unterschiedlichen Hintergrunds zusammenkommen, wichtig für eine offene Gesellschaft, findet Skambraks: „Wenn ich Menschen kennenlerne, die vermeintlich einer bestimmten Gruppe angehören, und ich sie aber als Individuum in all ihren Facetten kennenlerne, ist man auch in der Lage Individuen von Gruppen zu trennen.“

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