Wilde Corona-Theorien: Diskutieren hilft

Die einen setzen ihre Hoffnung ins Rauchen und gurgeln mit Bleiche. Andere versuchen, den Datenschutz und die Grundrente auszuhebeln.

Eine Hand im Schutzhandschuh hält eine Zigarette.

Rauchen gegen Corona: Ob das eine gute Idee ist? Foto: Karsten Thielker

Kann es sein, dass Corona blöd macht? Auch diese Woche hat wieder die wundersamsten Theorien und Heilungsvorschläge gesehen: Am besten war eine französische Studie, die ein (natürlich rauchender Kollege) irgendwo hervorzog, die besagt, dass Nikotin möglicherweise vor einer Corona-Infektion schützen könnte. Der Studienleiter ist Arzt am Pariser Krankenhaus La Pitié-Salpêtrière – zwar nicht für Lungenheilkunde und erst recht nicht für Virologie, sondern für innere Medizin. Doch er hat wohl festgestellt, dass unter den Covidpatienten unterdurchschnittlich viele RaucherInnen seien. Man erforsche jetzt eine Behandlung mit Nikotinpflastern, heißt es aus Paris. Eine Atemwegserkrankung mit Nikotin zu heilen, coole Idee. Schon meldeten sich die Kiffer und die Craftbeer-TrinkerInnen zu Wort, ob für sie nicht auch eine Studie …?

Als ich das am Telefon meinem Cousin zum Besten geben will, der Arzt ist und Ex-Raucher, kommt er mir mit einer Anekdote zuvor, die so skurril ist, dass ich die Raucherstudie sofort vergesse: Eine seiner Sprechstundenhilfen sei überzeugt davon, dass das Coronavirus aus Bill Gates’ Labor stamme – er habe Mikrochips in die Viren gebastelt und durch die weltweite Weitergabe habe er uns bald alle in der Hand.

Ich staune: Wie soll ein Mikrochip in ein Virus passen – ist Silicon Valley technisch womöglich noch viel weiter voraus, als wir es ahnen? Und warum sollte Bill Gates das überhaupt tun? Auch darauf habe die Mitarbeiterin, wie jede gute Anhängerin einer Verschwörungstheorie eine Antwort, ließ mich mein Cousin wissen: Bill Gates wolle, jetzt wo der Absatz seiner Microsoft-Produkte global stagniere, wenigstens sichergehen, dass er am Impfstoff verdiene, den der Milliardär und Philanthrop bereits für „Ende nächsten Jahres“ in Aussicht gestellt habe.

Spahn bevorzugt eine zentrale Speicherung

Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Auch über Trump, der jetzt den AmerikanerInnen empfiehlt, Desinfektionsmittel zu spritzen und sich helles Licht „in den Körper zu führen“ – derweil ist sein ExpertInnenstab panisch darum bemüht, Trumps WählerInnen davon abzuhalten, sich tatsächlich Sagrotan in die Venen zu jagen, mit Bleichmittel zu gurgeln und sich unter hochdosiertem UV-Licht zu verbrutzeln. Andererseits ist es auch verständlich, dass in einer Situation, über die keiner wirklich etwas weiß, unter der aber alle leiden, sich die wildesten Hoffnungen verbreiten.

Aber eigentlich ist das gar nicht so interessant. Viel interessanter ist doch, worüber in der Zeit der verordneten Rationalität und des starken Staats diskutiert wird – und worüber nicht. Wie kann es sein, dass sich Gesundheitsminister Jens Spahn ganz nach dem Motto „Bedenken second“ jetzt offenbar für eine Corona-App entschieden hat, die auf der Pepp-PT-Technik basiert. Also genau das Modell, nach dem Nutzerdaten auf einem zentralen Server gespeichert werden, obwohl 300 Experten in einem offenen Brief vor Überwachung und Missbrauch warnten und obwohl es konkurrierende Modelle gibt, bei denen die Daten dezentral gespeichert werden?

Aus Spahns Ministerium hieß es dazu brüsk: Man bevorzuge eine zentrale Speicherung. Diese sei wichtig, um die Entwicklung der Epidemie besser verfolgen zu können. So wird jetzt kommuniziert: Wenn es um die Seuchenbekämpfung geht, dann gibt es hier keine langwierigen Diskussionen, dann wird gemacht. Whatever it takes.

Da fragt man sich dann schon: Ist es Spahn egal, dass es in unserem Staat bekanntermaßen Gruppen gibt, die sich auf diese Daten schon freuen – siehe NSU oder Todeslisten von Rechtsterroristen? Oder denkt man im Gesundheitsministerium tatsächlich, dass man die Verwendung der Daten wirksam kontrollieren könne?

Grundrente nicht mehr auf der Tagesordnung

Leider gab es dazu keine Diskussion im Bundestag. Dort stritt man am Donnerstag eher darüber, ob es „forsch“ sei (Merkel), wieder Läden und Spielplätze zu öffnen sowie kleinere Demonstrationen zuzulassen. Oder ob man nicht vielmehr die Gastronomie diskriminiere (Lindner). Man stritt auch nicht über die Grundrente, die die SPD seit Monaten vorantreibt. Die Union hatte sie einfach von der Tagesordnung genommen – als ob es jetzt Wichtigeres gäbe. 1,3 Millionen Menschen könnten in Deutschland von dieser Rente profitieren, und der Bundestag verhakelt sich in Ladenquadratmetern.

Offenbar schlagen Datenschützer gerade Alarm, weil einige Bundesländer Coronadaten komplett an die Polizei weitergegeben haben. Es könnte sich lohnen, das Fass „Corona-App“ noch mal aufzumachen.

Ich werde mich jetzt aufmachen in die Sonne, etwas UV-Licht tanken. Das hilft nicht nur gegen RNA-Viren, sondern auch gegen Schlappheit und Niedergeschlagenheit. Und mein Handy? Bleibt auf dem Schreibtisch. Ich übe schon mal für die Zeit der offiziell freiwilligen, durch Herdendruck aber bald obligatorischen „Datenspende“.

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Jahrgang 1974, geboren in Wasserburg am Inn, schreibt seit 2005 für die taz über Kultur- und Gesellschaftsthemen. Von 2016 bis 2020 leitete sie das Meinungsressort der taz. Im März erschien ihr Buch "Der ganz normale Missbrauch. Wie sich sexuelle Gewalt gegen Kinder bekämpfen lässt" im CH.Links Verlag.

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