Weltgipfel für Menschen mit Behinderung: Entwicklungszusammenarbeit braucht Inklusion
Am Mittwoch beginnt der Global Disability Summit. Im Fokus steht die Entwicklungszusammenarbeit, in der Behinderung noch immer nicht bedacht werde.
Am Mittwoch startet in Berlin der Weltgipfel für Menschen mit Behinderung. Ausgerichtet wird der Gipfel von der International Disability Alliance, dem Welt-Dachverband der Selbstvertretungsorganisationen von Menschen mit Behinderungen, zusammen mit dem Königreich Jordanien und der Bundesrepublik Deutschland.
Letztere wird durch das Bundesentwicklungsministerium vertreten, denn erklärtes Ziel des zweitägigen Gipfeltreffens ist es, die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in der Entwicklungszusammenarbeit voranzutreiben.
Die UN-BRK trat 2008 in Kraft und gilt in Deutschland seit 2009. „Trotzdem ist sie in vielen Ländern, auch hier, nicht umfassend umgesetzt“, kritisiert Dinah Radtke von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL). Sie hat als damalige Vizepräsidentin der internationalen Behindertenrechteorganisation Disabled Peoples International (DPI) an den Verhandlungen zur UN-Konvention in New York teilgenommen.
Rund 3.000 Vertreter:innen von Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft werden zum Gipfel erwartet. Auch Dinah Radtke nimmt Teil. Entwicklungszusammenarbeit sei lange nicht inklusiv gewesen und sei es zum Teil immer noch nicht, sagt die 77-Jährige.
„Bei vielen Projekten, ob es um sauberes Trinkwasser oder Bildung geht, wurde z.B. nicht geschaut, ob behinderte Menschen mit einbezogen sind“, kritisiert Radtke. „Wenn ich nicht mobil bin oder der Verkehr nicht barrierefrei, komme ich auch nicht zur Schule oder zum Ausbildungsort“.
1,3 Milliarden Menschen weltweit leben mit einer Behinderung. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation haben sie eine bis zu 20 Jahre geringere Lebenserwartung. Menschen mit Mehrfachbehinderungen sind etwa stärker von der Klimakrise betroffen, da sie bei Katastrophen schwieriger flüchten können.
Bei bewaffneten Konflikten haben sie weniger Zugang zu Schutzräumen. Frauen und Mädchen mit Behinderung haben zudem ein höheres Risiko, Opfer von sexualisierter Gewalt zu werden.
„Es gilt immer noch: Armut erzeugt Behinderung und Behinderung erzeugt Armut“, betont Radtke. Obwohl die UN-BRK seit nunmehr 16 Jahren gilt, stellt sie bei der Barrierefreiheit sogar wieder Verschlechterungen fest und nennt ein persönliches Beispiel: In ihrem Wohnort Erlangen sei die örtliche Sparkasse neu gebaut worden. Jedoch seien die Tische nun zu hoch für Rollstuhlfahrer:innen. Gerade im Privatsektor gebe es große Mängel.
Auch deshalb müssten die Selbstvertretungen von Menschen mit Behinderung beteiligt werden. „Wir sind Expertinnen und Experten in eigener Sache und wissen am besten, was gebraucht wird“, so Radtke. „Die Ziele und die Bedürfnisse behinderter Menschen sind in allen Ländern die gleichen. Es sind überall die gleichen Hindernisse, die uns vom öffentlichen Leben ausschließen.“
Deshalb sei es wichtig, dass diese Themen multilateral angegangen würden und die UN-BRK überall umgesetzt werde, sagte auch Jürgen Dusel, Bundesbeauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Gerade in Zeiten, in denen die USA ihr Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit abbauen.
Für ihre Umsetzung sind allerdings die jeweiligen Regierungen zuständig. Deutschland wurde 2023 von den Vereinten Nationen für die mangelnde Umsetzung gerügt. Zu Recht, findet Jürgen Dusel: „Die Umsetzung der UN-BRK ist kein Akt der Nächstenliebe, sondern demokratische Pflicht“, sagte er.
Dinah Radtke sieht die Bundesregierung in der Verantwortung. Vom scheidenden Bundeskanzler Olaf Scholz genau wie von seinem Nachfolger Friedrich Merz fordert sie, Barrierefreiheit auch im Privatsektor, also in der Gastronomie, in ärztlichen Praxen, in Freizeiteinrichtungen, zur rechtlichen Pflicht zu machen. „Inklusion gibt es nicht ohne Barrierefreiheit“, sagt Radtke.
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