Wellenkraftwerk aus Kiel: Endlos rauscht das Meer und macht dabei Strom
Ein Team der HAW Kiel hat ein Wellenkraftwerk in Form einer riesigen Boje entwickelt. Der Prototyp soll demnächst auf die Nordsee geschleppt werden.
Noch liegt die „Aurelia Wino“ auf der Seite in einer Halle der Werft German Naval Yards in Kiel. Demnächst soll das 12 Meter hohe Wellenkraftwerk, das wie eine Riesenboje aussieht, durch den Nord-Ostsee-Kanal in die Nordsee gezogen werden. Dort, rund 80 Kilometer westlich von Sylt, soll „Aurelia“ von drei Ankern gehalten aufrecht im Wasser stehen.
Jede Welle hebt und senkt das Kraftwerk. Die Energie, die dabei entsteht, wird in Strom verwandelt – jedenfalls, wenn alles klappt, wie es sich Christian Keindorf, Professor an der Kieler Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel (HAW) und wissenschaftlicher Leiter des Projekts „Aurelia“ und sein Team vorstellen.
Der Prototyp des Wellenkraftwerks ist fertig, aber der Praxistest steht noch aus. Damit er möglich ist, überbrachten gleich zwei Landesminister:innen Fördergelder. Forschungsministerin Dorit Stenke (CDU) und Energiewendeminister Tobias Goldschmidt (Grüne) lobten das Projekt als gelungenes Beispiel für das Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft und als innovativen Ansatz für die Energiewende, die Schleswig-Holstein noch schneller schaffen will als der Bund.
Auch für die EU sind Projekte wie „Aurelia Wino“ wichtig. Damit die europäische Staatengemeinschaft ihre Klimaziele erreicht, sollen die Meere zur Stromtankstelle werden. Bis 2050 will die EU allein aus „Meeresenergie“ 40 Gigawatt Leistung gewinnen, weitere 300 Gigawatt aus Offshore-Windrädern.
Idee aus der Zeit der ersten Ölkrise
Neu ist die Idee von Wellenkraftwerken nicht. Bereits in den 1970er Jahren hätten sich Forschende – damals getrieben durch die Ölkrise – mit solchen Konzepten befasst, berichtet Christian Keindorf. Auch heute gebe es weltweit zahlreiche Versuche und Prototypen.
Dennoch sei die „Aurelia Wino“ für die deutschen Küsten ein neues Konzept. Das bojenförmige Kraftwerk nutzt nicht die Wogen, die ans Ufer schlagen, sondern den normalen Wellengang auf See. Für Inseln oder schwimmende Stationen sei das Kraftwerk damit ideal geeignet. So soll der Prototyp in seinem sechsmonatigen Probelauf vor Sylt die dort liegende Forschungsplattform „Fino 3“ mit Energie versorgen.
Die werde bisher nämlich noch mit Diesel betrieben, sagt Keindorf. „Wir wollen zeigen, dass Aurelia im Echtbetrieb funktioniert.“ Außerdem geht es um die Frage, wie sich das Minikraftwerk mit der Meeresumwelt verträgt. Daran erinnert bereits ihr Name: „Aurelia“ ist die lateinische Bezeichnung einer Quallenart, „Wino“ steht für „Wellenkraftwerke in Nord- und Ostsee“.
Nach einem sechsmonatigen erfolgreichen Test wäre der Prototyp reif, in die Massenproduktion zu gehen. Die Nachfolgekraftwerke könnten deutlich größer werden: rund 40 statt 12 Meter hoch und mit einem Umfang von 20 Metern. Es werde möglich sein, mehrere Kraftwerke zu einer schwimmenden Energiefarm zusammenzuschließen und den erzeugten Strom per Kabel an Land zu bringen, sagt Keindorf.
Bosse Krause, Azubi German Naval Yards
Die Forschenden der Kieler HAW können diesen Schritt nicht allein gehen, sondern brauchen für die Produktion Betriebe aus der Industrie. „Wir können weltweit ausschreiben, wünschen uns aber Partner aus Europa“, betont Keindorf. Zurzeit sind mehrere regionale Firmen beteiligt, darunter die O.S. Energy, eine Reederei mit Sitz in Glücksstadt, die das Kraftwerk in die Nordsee bringen und aufstellen wird, die F&E, eine Tochtergesellschaft der HAW, und die Werft German Naval Yards, deren Azubis den Prototyp bauten.
Ein „Wahnsinnserlebnis“ sei diese Arbeit gewesen, sagte Bosse Krause als Sprecher der Azubis. „Zu sehen, wie aus Theorie und Skizzen so etwas entsteht und dann demnächst vor Sylt steht, ist beeindruckend.“
Allein diese Zusammenarbeit mit dem Nachwuchs lasse „das Herz einer Wissenschafts- und Bildungsministerin strahlen“, sagte Stenke, die gemeinsam mit ihrem Kabinettskollegen Goldschmidt einen Förderscheck von rund 922.000 Euro überreichte, um dem Projekt beim nächsten Schritt zu helfen. Das Geld sei auch als Signal an andere Firmen gemeint: „Wir in Schleswig-Holstein gehen voran und probieren mutig etwas aus.“
Aus dem Bund kämen zurzeit Signale, die mehr auf fossile Energien setzten, bedauert die CDU-Politikerin. „Aber die Forschung will neue Wege finden.“ Das gelte für Wellenkraftwerke ebenso wie für Fusionstechniken: „Wir könnten damit scheitern. Aber wenn wir es nicht probieren, erfahren wir das nie“, sagte Stenke.
Tobias Goldschmidt erinnerte daran, dass die Zeit dränge: „Die Bundesregierung hat für ihre Klimapolitik gerade einen dunkelblauen Brief erhalten“, sagte er mit Bezug auf den „Expertenrat für Klimafragen“, deren Vorsitzende der Regierung eine „Zielverfehlung“ bescheinigte.
Die Runde der Energieminister:innen der Länder habe kürzlich ein weiteres klares Signal für eine schnellere Energiewende nach Berlin gesandt, sagte Goldschmidt. Mit „Aurelia“ ließen sich Hoffnungen verknüpfen: „Es braucht neue Technologien – und hier haben wir eine.“
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