Freiwilligendienste und Zivildienst: Frühe Verweigerung kann sinnvoll sein
Die Zahl der Kriegsdienstverweigerungen nimmt zu, auch ohne Wehrpflicht. Manche wollen so einen künftigen Zivildienst vermeiden.
Die Zahl der Kriegsdienstverweigerungen nimmt zu, auch ohne Wehrpflicht. Manche wollen so einen künftigen Zivildienst vermeiden. Wer ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) plant und auf keinen Fall zur Bundeswehr möchte, sollte vor dem FSJ zunächst den Kriegsdienst verweigern. Denn nur dann wird nach aktueller Rechtslage der Freiwilligendienst auf einen möglichen späteren Zivildienst angerechnet.
Obwohl es noch keine Wehrpflicht gibt, steigt schon jetzt die Zahl der Kriegsdienstverweigerungen (KDV). Allein in den ersten vier Monaten 2026 stellten bereits 3.350 Männer einen KDV-Antrag; fast so viele wie im ganzen Jahr 2025, da gab es 3.867 Anträge. Viele wollen ein Zeichen setzen, andere wollen auf keinen Fall etwas verpassen.
Ein Grund für die erhöhten KDV-Zahlen dürfte aber auch sein, dass ein FSJ nur dann auf einen späteren Zivildienst angerechnet wird, wenn zuvor der Kriegsdienst verweigert wurde. Geregelt ist das im Zivildienstgesetz. Dessen Paragraf 14c wurde 2002 von der damaligen rot-grünen Koalition eingeführt, um das FSJ attraktiver zu machen. Der Paragraf gilt auch für das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ), auch Umweltjahr genannt, und den Bundesfreiwilligendienst.
Derzeit machen pro Jahr etwa 50.000 junge Leute ein FSJ und weitere knapp 4.000 ein FÖJ. Hinzu kommen jährlich rund 35.000 Bundesfreiwillige, von denen etwa 25.000 im wehrdienstfähigen Alter (bis 27) sind. In allen Freiwilligendiensten liegt der Männer-Anteil bei etwa einem Drittel, sodass Paragraf 14c für etwa 27.000 junge Männer pro Jahr relevant sein könnte.
Persönliche Erläuterung im Antrag
Über die KDV-Anträge entscheidet das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) in Köln. Die Anträge müssen allerdings beim Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr (BAPersBw), ebenfalls in Köln, gestellt werden, das die Anträge dann an das BAFzA weiterleitet. Derzeit kann über KDV-Anträge auch ohne vorherige Musterung entschieden werden.
Der KDV-Antrag muss durch eine ausführliche persönliche Erläuterung der Gewissensgründe für die Verweigerung untermauert werden. Das Einreichen von Mustervorlagen aus dem Internet genüge nicht, betont das Bundesamt. Eine mündliche Anhörung ist in der Regel nicht vorgesehen. Die Entscheidung trifft ein:e Sachbearbeiter:in des BAFzA. Die Bearbeitung dauert in der Regel „mehrere Wochen bis wenige Monate“, so das Amt. Die Anerkennungsquote liegt bei rund zwei Dritteln.
Ob und wann eine Wehrpflicht eingeführt wird, ist derzeit noch offen. Dementsprechend ist es auch noch offen, ob Kriegsdienstverweigerer einen Ersatzdienst, das heißt den Zivildienst, leisten müssen. Auch für die Länge des Zivildienstes gibt es verschiedene Vorschläge, insbesondere zwischen 6 und 10 Monaten. Bei der Abschaffung von Wehrdienst und Zivildienst 2011 dauerten beide Dienste 6 Monate. Für die Anrechnung des Freiwilligendienstes auf den Zivildienst nach Paragraf 14c ist wichtig, dass der Freiwilligendienst mindestens 2 Monate länger dauern muss als der Zivildienst. FSJ, FÖJ und Bundesfreiwilligendienst dauern derzeit jeweils 12 Monate.
Die Anrechnung eines Freiwilligendienstes auf den Wehrdienst bei der Bundeswehr war noch nie möglich und ist auch bislang nicht vorgesehen.
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert