Warschau nach dem Krieg: Neuanfang in Trümmern
Anders als Paris oder Prag haben die Deutschen Warschau dem Erdboden gleichgemacht. Warum eine Ausstellung über seinen Neuanfang nach Berlin gehört.
Und das soll ein Neuanfang sein? Ist das nicht eher das Ende? Schuttberge, so weit das Auge reicht. Skelette aus Stein und Beton, die einmal prächtige Wohn- und Geschäftshäuser waren. Zwei Frauen, die in den Trümmern nach etwas Brauchbarem suchen, sie graben mit bloßen Händen.
Tatsächlich gab es nach dem Abzug der Deutschen aus Warschau 1945 Überlegungen, die polnische Hauptstadt an anderer Stelle wieder aufzubauen. Auch ein Umzug in die zweitgrößte polnische Stadt Łódź war im Gespräch. 80 Prozent des Warschauer Stadtzentrums waren zerstört. Nur 16 Prozent der Wohnungen waren bewohnbar.
Von den 1,3 Millionen Menschen, ein Drittel von ihnen Jüdinnen und Juden, die vor dem Krieg in Warschau gelebt haben, sind Schätzungen zufolge zwischen 550.000 und 850.000 ums Leben gekommen. Eine halbe Million ist geflohen oder wurde vertrieben.
Wie soll da ein Neuanfang möglich sein?
Es waren die Überlebenden, die in dieser Frage gewissermaßen mit den Füßen abgestimmt haben. Kaum hatten sich die Deutschen am 17. Januar 1945 aus Warschau zurückgezogen, kehrten viele Bewohnerinnen und Bewohner zurück. Das Wunder, das sie in den Monaten und Jahren danach vollbracht haben, haben polnische Pressefotografen festgehalten. Die Aufnahmen sind nun in der Ausstellung „Warschaus Neuanfang. Fotografien vom Leben in den Trümmern“ im Pilecki-Institut am Brandenburger Tor zu sehen.
Keine Propagandafotos
Eine Aufnahme zeigt im Vordergrund drei junge Frauen, die am Rande eines Schuttbergs sitzen und aus tiefen Tellern Suppe löffeln. Ein Lächeln spielt um ihre Lippen, als der Fotograf Zdzisław Wdowiński, damals 25 Jahre alt, auf den Auslöser drückt. Vielleicht ist es Stolz, den die jungen Frauen in diesem Moment zeigen.
Eine andere Fotografie zeigt junge Frauen und Männer beim Schuften. Sie haben eine Kette gebildet, die auf einem Trümmerfeld im ehemals noblen Stadtteil Mokotów Ziegelsteine sammelt und weiterreicht. Abtransportiert werden die Steine mit Pferde- und Lastwagen.
Es sind keine Propagandafotos, die die Kuratorinnen Anna Brzezińska und Katarzyna Madoń-Mitzner ausgewählt haben. 18 Millionen Fotos finden sich im Fundus der Polnischen Presseagentur PAP aus den Jahren 1945 bis 1949. Aufgenommen haben sie junge Fotografen verschiedener Agenturen, die noch weitgehend frei arbeiten konnten.
Dass die Schau im Jahre 1949 endet, erklärten die Kuratorinnen bei der Vernissage damit, dass in diesem Jahr die „stalinistische Zensur“ eingesetzt habe. Zwei Jahre später wurde dann die PAP gegründet.
Zwischen Selbstbehauptung und wachsendem kommunistischem Einfluss bewegte sich auch Warschaus Neuanfang. Zur Selbstbehauptung gehörte der Wille, die städtische Infrastruktur wieder in Gang zu bringen. So fahren schon bald nach dem Krieg wieder die ersten Straßenbahnen durch die Ruinen der Trümmerstadt.
Wachsender kommunistischer Einfluss
Zum Aufbruch gehört auch die Lebenslust. Am Strand der Weichsel, die von einer provisorischen Pontonbrücke überspannt wird, springen Jugendliche ins Wasser und planschen. Auf Festen wird getanzt, sogar Modeschauen finden statt. „Solche Kontraste finden sich auf fast jedem der Bilder“, schreibt das polnische Geschichtsmagazin histmag über die Ausstellung. „Diese Fotografien bleiben im Gedächtnis hängen und tauchen wieder auf, wenn man heute an den wiederaufgebauten Hauptstraßen Warschaus vorbeigeht.“
Die politische Dimension des Wiederaufbaus zeigt sich spätestens nach den inszenierten Parlamentswahlen 1947, mit denen die kommunistische Partei ihre Macht festigte. Schon in den Jahren zuvor hatte der Sicherheitsapparat in ganz Polen 155.000 Menschen festgenommen.
War es eine offene Situation in diesen Jahren nach 1945? Oder war der Weg in die kommunistische Herrschaft unausweichlich? Die Fotos selbst geben keine Antwort auf die Frage. Auf einem ist eine junge Dänin zu sehen, die zu einer der kommunistischen Jugendorganisationen aus dem Ausland gehörte, die entlang der zerstörten Marszałkowska-Straße Trümmer beseitigten.
Auf einem anderen sieht man eine Familie beim Abendbrot. Hinter dem Esstisch klafft ein Loch in der Mauer und gibt den Blick auf die Straße frei. „Das Nachkriegswarschau war ein Raum tiefer Spannungen zwischen der Hoffnung, die aus den Trümmern entstand, und der Angst, die in den erhaltenen Mauern eingeschrieben war“, heißt es auf einer der Erklärtafeln in der Berliner Ausstellung.
Auch städtebaulich wehte bald ein anderer Wind. Junge Architektinnen und Architekten planten Warschau, einst das Paris des Ostens, als sozialistische Stadt. Die Zerstörungen spielten ihnen durchaus in die Karten. So entstand etwa im Süden der Altstadt mit der Siedlung MDM ein Stadtteil, dessen Zuckerbäckerstil die Karl-Marx-Allee in Berlin in den Schatten stellt.
Auch bei der Entscheidung für einen Wiederaufbau und damit gegen einen Umzug der Hauptstadt nach Łódź spielten politische Überlegungen eine Rolle. Ein schneller Wiederaufbau, heißt es in der Ausstellung, habe Stalin die Möglichkeit gegeben, „die Effizienz der provisorischen, von der Sowjetunion unterstützen Regierung unter Beweis zu stellen und damit deren Machtanspruch rechtfertigen“ zu können.
Polen sollte als Kulturnation verschwinden
Es ist gut, dass die Ausstellung, die zuerst im Warschauer Haus der Begegnung mit der Geschichte zu sehen war, nach Berlin gekommen ist. Vielleicht muss man Bilder wie diese gesehen haben, um zu verstehen, dass die Verbrechen der deutschen Besatzer in Polen tief im kollektiven Gedächtnis verankert sind.
Prag und Paris haben die Deutschen nicht zerstört, das „Paris des Ostens“ sollte verschwinden. Bei den Bombenangriffen 1939, nach dem Ghettoaufstand 1943, nach dem Warschauer Aufstand 1944, dem mehr als 200.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Heinrich Himmler hatte damals gesagt: „Warschau ist dem Erdboden gleichzumachen, um Europa zu zeigen, was es bedeutet, einen Aufstand gegen die Deutschen zu unternehmen.“
Zdzisław Wdowiński, der Fotograf, der die Frauen bei der Arbeitspause mit den Suppentellern aufgenommen hat, hat selbst am Warschauer Aufstand teilgenommen. Seine Fotografien sind somit auch ein Beispiel dafür, dass es den Deutschen nicht gelungen ist, Polen als Kulturnation auszulöschen.
Ausstellung im Rahmen der Öffnungszeiten des Pilecki-Insitituts. Dienstags bis Sonntags 10-18 Uhr. Pariser Platz 4a, 10117 Berlin
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