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Wachsende Aggressionen im StraßenverkehrAlles Pisser außer mir

Carolina Schwarz
Kolumne
von Carolina Schwarz

Die Menschen im Straßenverkehr werden immer aggressiver. Wie auch nicht, denke ich mir. Das einzige, was uns retten wird, sind härtere Strafen.

E s ist gut, dass ich keinen Führerschein habe, denke ich oft. Fürs Klima klar, aber vor allem für den Verkehr – und für mein Gemüt.

Eigentlich würde ich mich als relativ gelassenen und friedfertigen Menschen beschreiben, aber im Straßenverkehr werde ich zur Furie. Wenn mir jemand als Radfahrerin die Vorfahrt nimmt, ist ein fassungsloses Kopfschütteln nur der Anfang. Ich hebe auch mal meinen Mittelfinger oder meine Stimme, schnell rutscht mir ein lautes „Du Pisser!“ raus. Manchmal versuche ich auch Au­to­fah­re­r:in­nen zu erziehen, in dem ich im Schneckentempo vor ihnen her fahre. Und wenn ich mich richtig ärgere, hole ich meine größte Waffe aus meiner Tasche: mein Smartphone.

Gekonnt ärgern

Erst kürzlich versuchte ein Transporter von einem Supermarktparkplatz auf die Straße zu fahren und verstellte dabei den kompletten Fahrradweg. Während ich auf ihn zu fuhr, schüttelte ich nur stumm mit dem Kopf. Das allein schien ihn zu ärgern, dass er zur Strafe den Motor aufheulen ließ, als ich ihm auswich.

Ein Glück, dass ich nicht vor Schreck vom Rad gefallen bin. Stattdessen zog ich mein Handy aus der Tasche und gab vor, sein Auto zu filmen. Verängstigt kurbelte er sein Fenster runter und rief mir hinterher: „Ey, was machst du da? Was hast du mit dem Video vor? Lösch das sofort!“ Ohne mich umzudrehen, radelte ich ihm voller Genugtuung davon. Soll er doch Angst haben. Da ich mich auf dem Rad in der schwächeren Position sehe, denke ich, mir stehen alle Mittel zu, um für ein bisschen Gerechtigkeit im Straßenverkehr zu sorgen. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass ich mich immer im Recht sehe. Egal auf welchem Gefährt.

Ich hab recht, du bist schuld

Als Fußgängerin schimpfe ich auf alle Rad­fah­re­r:in­nen – von den Menschen, die mit dem E-Scooter auf dem Gehweg unterwegs sind, ganz zu schweigen. Dass ich selbst mit dem Roller über Gehwege brettere, wenn es mal schnell gehen muss, schalte ich in diesen Momenten erfolgreich aus. Als Rad­fah­re­r:in werden mir die SUVs auf Radwegen genauso zum Feind wie Passant:innen, die ohne zu gucken, über die Straße laufen. Aber auch als Beifahrerin im Auto komme ich aus dem Kopfschütteln nicht raus. Für mich steht fest: Schuld sind immer die anderen.

Das Problem ist: Mit diesem egozentrischen Verhalten bin ich nicht allein. Deutschlands Straßen sind voll von Wutbürger_innen. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Versicherer (UDV) zu Verkehrsklima und Sicherheit im Straßenverkehr.

Nachdem er gut 2.000 Menschen befragt hat, kommt der Verband zu dem Schluss: Der Verkehr wird immer dichter, die Leute immer aggressiver. Unabhängig davon, ob die Menschen mit dem Auto oder dem Fahrrad unterwegs sind, je­de:r priorisiert sich selbst.

Die Menschen drängeln, hupen und schimpfen, schlängeln sich an anderen vorbei, hängen am Smartphone und brechen jede Regel, die ihrem schnellen Vorankommen im Weg steht. Dass dabei Menschenleben gefährdet werden, ist den Ver­kehrs­teil­neh­me­r:in­nen egal. Hauptsache, sie sind schnell am Ziel.

Selbst- und Fremdwahrnehmung gehen auseinander

Das Interessante daran: Alle stören sich am Straßenverkehr, doch ihr eigenes Fehlverhalten wollen die wenigsten anerkennen. Ein Beispiel: 92 Prozent der Au­to­fah­re­r:in­nen gaben an, dass sie Rad­fah­re­r:in­nen besonders rücksichtsvoll überholen. Aber 86 Prozent der Befragten sagen, dass sie beobachten, wie andere Autos Rad­fah­re­r:in­nen zu eng überholten. So ist das mit der Fremd- und Selbstwahrnehmung.

Als Antwort auf die Aggressionen fordert der UDV nun Ex­per­t:in­nen auf, Kampagnen für ein rücksichtsvolleres Miteinander zu entwickeln. Süß, denke ich. Als könnten ein paar nette Plakate oder Videoclips uns zu mehr Vorsicht im Straßenverkehr zwingen.

Dabei wäre diese dringend notwendig. Denn Aggressionen im Straßenverkehr sind nicht nur eine Charakterschwäche, sondern können richtig gefährlich werden. 2,5 Millionen Verkehrsunfälle gab es im vergangenen Jahr in Deutschland. Und das führt nicht nur zu verbeulten Blech. Alle 18 Minuten ist im Durchschnitt ein Kind im Straßenverkehr verletzt oder getötet worden. Todesfälle, die sich vermeiden ließen, wenn wir alle etwas entspannter auf den Straßen unterwegs wären.

Dahin kommen wir nur mit Strafen. Das scheint die einzige Sprache zu sein, die auf der Straße verstanden wird. Und zwar solche, die richtig weh tun. Mein Vorschlag wäre: Wer mit dem Auto zu schnell unterwegs ist, gibt für jedes Km/H, das zu viel war, einen Monat seinen Führerschein ab. Oder: Wer bei Rot über die Ampel fährt, muss 5 Prozent seines Nettoeinkommens Strafe zahlen.

Klingt hart. Aber nur wenn es richtig weh tut, bemühen wir uns vielleicht, andere nicht mehr zu gefährden.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Carolina Schwarz

Carolina Schwarz Ressortleiterin taz zwei

Ressortleiterin bei taz zwei - dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Schreibt hauptsächlich über intersektionalen Feminismus, (digitale) Gewalt gegen Frauen und Popphänomene. Studium der Literatur- und Kulturwisseschaften in Dresden und Berlin. Seit 2017 bei der taz.
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8 Kommentare

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  • fourorty

    Und deswegen ist es auch schlecht, dass alle Fahrzeuge nur noch mit aggressiver Front (und oft ebenso böse blickendem Heck) gestaltet werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das förderlich ist für ein entspanntes Miteinander auf den Straßen.

  • ANonnyMouse

    Oder wir ändern die Prioritäten. Kostenfreie Parkplätze im Außenraum mit Shuttle in die autobefreite Innenstadt wären ein guter Anfang, separate Grünphasen für Fußgänger und Fahrradfahrer könnten vielen das Leben retten, überhaupt intelligente Ampelschaltung mit grüner Welle bei 50kmh, sinnlose Tempolimits abschaffen (auf freier Autobahn auf 80 abbremsen, 50m weiter ist dann wieder unbegrenzt - was soll das?) dafür ein allgemeines auf der Autobahn einführen, statt Geldstrafen direkt Fahrzeugentzug, und so weiter. Dazu muss sich aber auch gesellschaftlich etwas tun. Wir müssen uns anschauen wo der Frust begründet liegt, und das ist selten "nur" der Typ, der uns die Vorfahrt nimmt.

  • Peta Parka

    Witzig geschrieben, aber ich betrachte die Schlussfolgerung als ernst gemeint und reagiere mal spaßbefreit: Vielleicht würden harte Sanktionen ja helfen, aber reine Symptombehandlung ohne die Ursachen anzugehen ist ein Zeichen von Hilflosigkeit und nicht nachhaltig wirksam. Eine Hauptursache sehe ich in dem Druck der auf die meisten Menschen in unserer Gesellschaft einwirkt oder ausgeübt wird - Leistungsdruck, bürokratischer Druck, Konsumdruck, Selbstoptimierungsdruck, ... Wie sollen wir denn entspannt am Verkehr teilnehmen, wenn wir unter Druck, gestresst und angespannt sind? Passend dazu: Grundschülern werden von der Schule Kurse mit Entspannungstechniken zur Stressreduktion angeboten. Solche Kurse obsolet zu machen, indem man dafür sorgt, dass Kinder gar nicht erst unter Schulstress leiden, fällt den kapitalistischen Rutenschwingern nicht ein. Diese mangelnde Einsicht der Regierenden und wohl auch der Mehrheit der Bevölkerung, trägt dazu bei, dass die Aggressivität in unserer Gesellschaft hoch bleibt. Da kann sie auch im Straßenverkehr höchstens unterdrückt, aber nicht reduziert werden.

    • wirklich?

      @Peta Parka:

      Ist das Leben heute wirklich stressiger als vor sagen wir mal 50 Jahren. Tendenziell haben die Leute länger gearbeitet, es gab weniger Hilfsmittel im Haushalt und die Menschen haben weniger Aufgaben an Dienstleister abgegeben. Zugegeben im Westen waren oft die Frauen nach Kind 1. zuhause. Irgendwie nervt mich diese ständige Gerede vom gestresst sein aller Menschen. Ich würde behaupten wir müssen heute weniger arbeiten als die Menschen früher, trotzdem gibt es diesen Stress vermutlich. Nur woher kommt er eigentlich?

  • wirklich?

    Naja ich bin da vielleicht ein bisschen klassisch linksliberal, und sage das Strafen sicher zum Teil notwendig sein können. Allerdings können sie echte Rücksichtnahme und Toleranz nicht ersetzen. Man kann Anstand nicht verordnen, mancher würde sagen leider, als überzeugter Liberaler sage ich zum Glück. Ich kann ja den Punk nicht festnehmen, weil er unverschämt ist.

  • Nansen

    Nö. Härtere Strafen sind es nicht (die Lösung), wenn es zuwenig Kontrolle und Polizei gibt.



    Im Verkehr herrscht deshalb Wild West.



    Das was an Regeln da ist, reicht wahrscheinlich aus. Wer die Regeln durchsetzt fehlt.



    Aso: Tempolimit auf Autobahnen würde Rasen bestimmt auch unattraktiver bzw gesellschaftskonformer machen.

  • leonavis

    Ich weiß ja nicht. Klar, das beobachte ich auch. Aber auch ganz anderes: Wie in einem Kreisel, der immer sehr voll ist und es schwierig, reinzufahren, mich andere Autofahrer reinwinken. Wie ich mit dem Auto Fahrradfahrern an unübersichtlichen Stellen Vorfahrt gewähre (was man da auch muss) und diese sich freundlich lächelnd dafür bedanken. Wie mir in meinem Viertel (ich wohn in Bremen) regelmäßig Autofahrer, wenn ich mit Rad unterwegs bin, sehr zuvorkommend und vorsichtig begegnen oder Autos prinzipiell erst mal sehr langsam werden oder sogar ganz anhalten, bevor ich sie als Fußgänger weiterwinke...

    Ja, auch das Aggressive nehme ich wahr. Allerdings habe ich festgestellt: Seit ich selber Auto fahre (seit 2,5 Jahren hab ich nen Führerschein), bin ich ein deutlich besserer Fahrradfahrer geworden, weil ich an vielen Stellen nun erst merke, wie das für einen Autofahrer aussieht. Und: Viele, wenn nicht die meisten, nehmen aufeinander Rücksicht. Die Aggro-Heinis sind eher die Ausreißer.

    Aber das ist nur meine persönliche Sichtweise, die keineswegs Allgemeingültigkeit beanspruchen kann. ;-)

    • wirklich?

      @leonavis:

      Ist glaube ich eben auch ein bisschen eine Einstellungsfrage. Finde ich gut.