Vor dem Corona-Impfgipfel : Freiheit für die SeniorInnen!
Die merkwürdig neidgeprägte Debatte über Impfpriorisierung missachtet besonders eine Gruppe: Die Alten, die geimpft noch immer isoliert leben.
Foto: Bodo Marks/dpa
V or der Pandemie sind in einem Berliner SeniorInnenheim die BewohnerInnen regelmäßig zum Kartenspielen, Handarbeiten, zum Singen, auch auf ein Stückchen Kuchen in der Cafeteria vom Pflegeheim nebenan zusammengekommen. Mal ein Ausflug in die Berliner Umgebung, mal auf ein Stündchen in die Eisdiele an der Ecke. Seit gut einem Jahr gibt es nichts davon. Fast alle BewohnerInnen leben allein. Fast alle sind seit drei Monaten geimpft. Auch im Pflegeheim nebenan.
Ende März machte das Robert Koch-Institut in Deutschland offiziell, was israelische Studien längst erwarten ließen: Spätestens 15 Tage nach der zweiten Impfung ist die Gefahr, das Virus weiterzutragen, gebannt. Trotzdem sind gemeinsame Aktivitäten weiterhin verboten. Verfassungsrechtlich ist dieser massive Eingriff in die Freiheitsrechte nicht länger haltbar. Erste Klagen dagegen laufen.
Wenn Bund und Länder am Montag zusammenkommen, um über Freiheiten für Geimpfte zu beraten, dann wäre ein Gedanke an die Leute, die aus dem Grund zuerst geimpft wurden, weil das Virus für sie lebensbedrohlicher ist als für jüngere, nicht verkehrt. Weit über die Hälfte derer, die mit Covid-19 gestorben sind, gehören zu dieser Gruppe.
Angesteckt nicht von ihren Kindern oder FreundInnen, sondern vom Pflegepersonal, einer weiteren augenscheinlich „privilegierten Gruppe“, wenn über Ausnahmeregelungen der Kontaktbeschränkungen verhandelt wird. Augenscheinlich, weil es eben nicht darum geht, Geimpften und Genesenen mehr zu erlauben als anderen, sondern darum, ihnen weniger zu verbieten. Unfassbar, dass der Deutsche Ethikrat lange an dem Prinzip „alle oder keineR“ festhielt.
„Solidaritätszumutung“ nicht überstrapazieren
So äußerte Sigrid Graumann vom Deutschen Ethikrat gegenüber der taz die Befürchtung, dass „bei besonderen Regelungen für Geimpfte“ mit Folgeproblemen zu rechnen sei, „die die Schutzstrategien gegen die Pandemie unterminieren“. Die „Solidaritätszumuntung“ für die BürgerInnen dürfe nicht überstrapaziert werden. Graumann zeugt damit von einer bitteren Erkenntnis über uns Deutsche.
Ein im Februar vom WDR in Auftrag gegebenes Meinungsbild zeigt, dass 68% der Befragten gegen Ausnahmeregelungen sind. „Was natürlich nicht sein kann“, so hielt Tilman Kuban, der Chef der Jungen Union, seinerzeit fest, „ist, dass im Sommer die Rentner am Strand liegen, aber die junge Generation weiterhin zu Hause sitzt“. Im Ernst? Weil ich noch nicht mit Impfen dran bin, dürfen die Leute im Seniorenheim auch nicht aus dem Haus? In welche Schieflage gerät der Blick für unsere Umwelt, wenn Neid ihn trübt.
In kleinen Gruppen zusammenkommen – mindestens das sollten die Bewohner in dem Berliner Wohnheim wieder dürfen. Nicht erst in drei Wochen. Heute noch!
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