St. Paulis Kapitän geht nach Japan: Keine Liebe mehr
Der FC St. Pauli startet ohne seinen langjährigen Kapitän Jackson Irvine in die 2. Liga. Dessen Haltung zum Gazakrieg wollte der Klub nicht akzeptieren.
Am Sonntag beginnt für den FC St. Pauli die Saison in der 2. Fußball-Bundesliga der Männer. Der Kapitän allerdings ist von Bord gegangen. Jackson Irvine und St. Pauli, das war lange ein perfektes Match. Doch das Verhältnis des Klubs, seiner Fans zu Irvine ist zerbrochen – im Streit um den richtigen Umgang mit dem Krieg in Gaza. Damit ist nicht nur eine fast schon kitschige Liebesbeziehung Geschichte. Dabei hätten der FC St. Pauli und Irvine noch viel voneinander lernen, sich dadurch ergänzen können. Die Chance ist vertan.
Nun wechselt Irvine nach dem Abstieg mit St. Pauli zum japanischen Erstligisten Cerezo Osaka. Das geschehe, so geht es aus einem Statement des Klubs hervor, auf Wunsch des Spielers. Dabei war der australische Nationalspieler lange das Aushängeschild des Kiezklubs und lebte die Werte des Vereins. Da waren sein Auftreten mit den langen, oftmals gefärbten Haaren oder seinen lackierten Fingernägeln, seine enge Verwurzelung im Kiez und seine politisch linke Einstellung.
Und doch kam es zum Bruch. Irvine teilte auf Instagram Beiträge, die Israels Vorgehen in Gaza als Genozid bezeichneten und machte mehrfach deutlich, dass er die israelische Kriegsführung ablehnt. Im Sommer 2025 veröffentlichte seine Ehefrau Jemilla Pir auf Instagram Fotos, die ihn in einem FC-Palestine-Trikot zeigen. Dort sind die Umrisse des früheren britischen Mandatsgebiets Palästina zu sehen, einschließlich des heutigen Israels.
Die darauffolgenden Antisemitismusvorwürfe nannte er in einer extra angesetzten Medienrunde im Trainingslager „sehr verletzend“. In der Folge kühlte auch sein bis dahin stets gutes Verhältnis zu den Medien merklich ab. In dem Pressegespräch hatte er kein eindeutiges Bekenntnis zum Existenzrecht Israels abgegeben. Teile der linken Szene kritisierten das und stellten klar, wie wichtig es sei, einen Schutzraum für jüdische Menschen zu schaffen und die besondere Rolle Deutschlands darin aufgrund der Schoah anzuerkennen.
Zerschnittenes Tischtuch
Das taten Vereinsoffizielle und Fans von St. Pauli immer wieder, verpassten es aber auch fast vollständig, Israels Militäreinsätze nach dem Massaker der islamistischen Hamas am 7. Oktober 2023 konsequent zu verurteilen. Und das, obwohl Menschenrechtsorganisationen und zahlreiche Genozidforschende Israels Vorgehen als Völkermord einstufen.
Endgültig zerschnitten war das Tischtuch zwischen St. Pauli und Irvine, nachdem der Mittelfeldspieler ein Video der „SOS Gaza“-Demonstration geteilt hatte, obwohl der Verein von der Veranstaltung abgeraten hatte. In der Folge schrieb Aufsichtsratsmitglied René Born auf Instagram: „Das ist unser Club, nicht deiner. Du wirst in wenigen Monaten weg sein und für einen Euro mehr woanders spielen. Wir werden immer hier sein, während du nicht mehr als eine Fußnote bist.“
St. Paulis Präsident Oke Göttlich versuchte noch zu retten, was nicht mehr zu retten war. Zu allem Überdruss passierte das alles, während Irvine noch mit Verletzungen zu kämpfen hatte und folglich nicht für sportliche Schlagzeilen sorgen konnte. Nach seiner Genesung spielte Irvine eine durchwachsene Saison, dennoch hatte der Kapitän einen großen Einfluss auf das Team.
Das Verhältnis zur aktiven Fanszene war jedoch indes nicht mehr so prächtig. Nach der Niederlage beim späteren Mitabsteiger Heidenheim und den anschließenden Pfiffen suchten die Ultras das Gespräch mit Hauke Wahl, nicht mit Irvine, dem Kapitän.
Doch auch der Abwehrchef Wahl verließ St. Pauli nach dem Abstieg. Er spielt nun für Mitabsteiger VfL Wolfsburg, der allein schon wegen seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten der absolute Topfavorit auf den Wiederaufstieg ist. Von der Startelf des FC St. Pauli in Heidenheim sind nur noch Tomoya Andō, Arkadiusz Pyrka, Mathias Rasmussen und der wechselwillige Joel Chima Fujita bei St. Pauli. Auch mit Chefcoach Alexander Blessin ging es nicht weiter. Jetzt hat Ex-Kieler Marcel Rapp in der 2. Liga das Sagen.
Irvine hatte nach dem Abstieg noch auf dem Feld gesagt, es müsse einiges geschehen, damit er den Verein verlasse. Wenige Wochen später ist er weg. Es war doch einiges geschehen.
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