Verschwörungsmythen und Sci-Fi: Zwischen zwei Pillen

Das coronaleugnerische Milieu findet überall scheinbare Belege für seine verschwörungsideologischen Ansichten. Nun ist auch Science-Fiction dran.

Will Smith mit Hund in "I Am Legend"

Will Smith mit Hund in „I Am Legend“ Foto: imago

Wenn Menschen nicht weiterwissen, wenden sie sich Geschichten zu. Erzählungen können Sinn stiften und rückversichernd wirken. Um Vorgänge in der Welt zu erklären, bedienen wir uns an bestehenden Narrationen oder schaffen sogar eigens neue, um undurchsichtige Vorgänge zu begreifen. Bevor es die wissenschaftliche Wetterbeobachtung gab, stellten wir uns vor, dass die Götter des Olymp die Winde, den Regen, Blitz und Donner auf die Erde schicken. Und welche andere Existenzberechtigung hätten Religionen bis heute, wenn nicht das Versprechen, dass unser Leben nicht wahl- und ziellos ist?

Dass Menschen mitunter krampfhaft danach streben, Zusammenhänge zu erkennen – oder notfalls wider besseres Wissen solche herzustellen –, zeigt sich während der Pandemie besonders deutlich. Als sich das Coronavirus immer weiter auszubreiten begann, wurde Steven Soderberghs im Jahr 2011 erschienenem „Contagion“ ungeahnte neuerliche Aufmerksamkeit zuteil.

Im hochrangig besetzten Thriller (Matt Damon, Kate Winslet, Jude Law) wird der Erreger von einer Fledermaus auf den Menschen übertragen, was auch im Fall von Covid-19 als eine der denkbaren Möglichkeiten für die Erstübertragung auf den Menschen gilt. Zahlreiche Zeitungs-, Blog- und Social-Media-Beiträge spekulierten daraufhin, ob „Contagion“ die weltweite Seuche vorhergesagt habe.

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Andere gingen sogar einen Schritt weiter und fragten, ob aus dem – fiktionalen, aber von der Sars-Pandemie 2002/2003 inspirierten – Film womöglich sogar Lehren für unsere momentane Situation zu ziehen seien. Der wohl prominenteste unter ihnen ist Matt Hancock, britischer Gesundheitsminister. Anfang des Jahres trat er vor die Presse, um zu erklären, dass er sich von „Contagion“ habe in­spirieren lassen, als er die Impfkampagne auf der Insel vorbereitet habe. Der erbitterte Kampf um das Vakzin im Plot habe ihn veranlasst, früh Priorisierungen bei der Verabreichung der Stoffe zu klären und seinem Land rechtzeitig genug Dosen zu sichern.

Während Hancock also seinen Impfnationalismus durch einen Blockbuster rechtfertigte, machten gerade Ver­schwö­rungs­ideo­lo­g*in­nen aus den USA damit Schlagzeilen, dass sie ihre Skepsis gegenüber der Schutzimpfung durch „I Am Legend“ aus dem Jahr 2007 bestätigt sähen.

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Eine Mitarbeiterin eines Optikers teilte mit, dass sie befürchte, sich durch die Injektion in einen Zombie zu verwandeln – so wie es in besagtem Sci-Fi-Streifen passiert. Im Film modifizieren Wis­sen­schaft­le­r*in­nen das Masern-Virus, um daraus ein Heilmittel gegen Krebs herzustellen. Als sich diese Erzählung auf Facebook, Instagram und Co rasant zu verbreiten begann, sah sich einer der Drehbuchautoren, Akiva Goldsman, schließlich dazu veranlasst, sie in einem Tweet zu kommentieren: „Es ist ein Film. Das habe ich mir ausgedacht. Es ist. Nicht. Real.“

Von Rechten vereinnahmt

Leiderprobte Fans des Sci-Fi-Genres dürften sich gefragt haben, warum es überhaupt so lange gedauert hat, bis einer ihrer favorisierten Filme von „Impf­skeptiker*innen“ und Pan­­de­­mi­e­­leug­ne­r*in­nen vereinnahmt wird. Dass insbesondere filmische Zukunftsszenarien – oder auch in der Gegenwart angesiedeltes pessimistisches Möglichkeitsdenken – von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­g*in­­nen aufgegriffen und in ihrem Sinne interpretiert wird, passiert nicht zum ersten Mal. Vielmehr hat sich das Genre, ohne ihm ein absichtliches Zutun unterstellen zu wollen, für solche Manöver als besonders anfällig erwiesen.

Wie weit der tatsächliche Inhalt von den Standpunkten der Gruppierungen entfernt ist, die ihn in ihrem Sinne umdeuten wollen, scheint keinerlei Rolle zu spielen. Selbst gegenteilige Absichten der Re­gis­seu­r*in­nen und Dreh­buch­au­to­r*in­nen können zweckentfremdet werden.

Das musste beispielsweise Kultfilmemacher John Carpenter („Halloween“, „Assault on Precinct 13“) feststellen. Sein im Jahr 1988 erschienener Film „Sie leben“ erzählt vom Schicksal des arbeitslosen, aber von den Aufstiegschancen in den Vereinigten Staaten überzeugten John Nada (Roddy Piper), der auf seiner verzweifelten Suche nach einer Stelle zufällig an eine Sonnenbrille gerät, durch die er die Welt plötzlich „dechiffriert“ wahrnehmen kann. Wo vorher bunte Werbeanzeigen prangten, strahlen ihm nun stumpfe Kommandos, wie „Konsumiere!“ oder „Hinterfrage keine Autorität!“, entgegen.

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Was von Carpenter eindeutig als Kritik am neoliberalen Zeitgeist der Reagan-Ära angelegt war, wird in den letzten Jahren verstärkt von der US-amerikanischen „Alt-Right“, also Rechtsextremen und Neonazis, für antisemitische Propaganda zweckentfremdet. Wahlweise werden die Reptiloide, die im Film die Menschheit versklavt haben, oder die zur Elite gehörenden menschlichen Kollaborateure als Beispiel der gleichermaßen perfiden wie gefährlichen Ideologie einer „jüdischen Weltverschwörung“ herangezogen.

Wie Goldsman sah auch Carpenter – angesichts der Unmengen an diffamierenden Memes, die aus seinem zu Kult avanciertem Film gebaut wurden – sich zu einem klärenden Tweet genötigt: „Bei ‚Sie leben‘ geht es um Yuppies und ungezügelten Kapitalismus. Er hat nichts mit jüdischer Kontrolle über die Welt zu tun, was eine Verleumdung und eine Lüge ist.“

Schlafende Mitmenschen

Dass gerade Sci-Fi-Titel von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­g*in­nen herangezogen werden, könnte an den zahlreichen Überschneidungspunkten liegen, die beide miteinander verbinden.

Nur die rote Pille soll Neo die Wahrheit offenbaren, während ihn die blaue zurück in die Matrix katapultiert

In beiden Fällen handelt es sich um Erzählungen, die in ihren Aussagen über den Zustand der Welt eine abstrakte Bedrohung zeichnen, die meist von einem übermächtigen, stereo­typen „Bösen“ ausgeht. Letzteres ist stets hervorragend organisiert, die einzelnen Mitglieder der „dunklen Seite“ definieren sich oftmals nicht durch mehr als ihre Fraktionszugehörigkeit.

Erstaunlicherweise richtet sich das Misstrauen sowohl bei zahlreichen Genrevertretern als auch in besagten Verschwörungsmythen oftmals sogar gegen die gleichen Gruppen: Wissenschaftler*innen, die Regierung und ihre Apparate – oder Aliens. Komplettiert wird das Szenario schließlich durch eine kleine, eingeweihte Gruppe an mutigen „Wissenden“, die sich dem Unheil heldenhaft ent­gegenstellt.

Der Film, der all diese Punkte am anschaulichsten in sich vereint, zählt zu den wichtigsten des Genres: „Matrix“ von den Wachowskis aus dem Jahr 1999. Ausgerechnet die Schlüsselszene, in der Protagonist Neo (Keanu Reeves) von Morpheus (Laurence Fishburne) vor die Wahl zwischen zwei Pillen gestellt wird, ist zu einer gern genutzten Metapher von An­ti­fe­mi­nis­t*in­nen und Män­ner­recht­le­r*in­nen geworden.

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Nur die rote Pille soll ihm die volle Wahrheit über das tatsächliche Wesen der Welt offenbaren, während ihn die blaue unwissend zurück in die von künstlichen Intelligenzen entworfene Scheinwelt, die titelgebende Matrix, katapultiert. Kühn wählt Neo rot, wird erleuchtet und sieht sich fortan nicht nur besagten Außerirdischen, sondern auch einer überwältigenden Mehrheit an „schlafenden“ Mitmenschen gegenüber, die „noch nicht bereit für die Wahrheit sind“.

Rückversichernde Zusammenhänge

„Erleuchtung“ reklamieren auch besagte Ideo­lo­g*in­nen für sich. Sinnbildlich bezeichnen sie sich selbst als „Red Pillers“, also Menschen, die sich bewusst für die (schmerzhafte) Wahrheit entschieden haben. Auserwählten gleich, behaupten sie ebenfalls, einen Wissensvorsprung gegenüber allen anderen zu besitzen. Signifikante Aufmerksamkeit wurde der zweifelhaften Selbstbezeichnung während Donald Trumps Wahlkampf zuteil: Besonders hartgesottene An­­hän­ge­r*in­nen betonten, sich bewusst gegen feministische Konditionierung oder liberale Gehirnwäsche entschieden zu haben.

Klarstellungsversuche folgten auch hier: Lilly Wachowski, die „Matrix“ gemeinsam mit ihrer Schwester Lana geschrieben und inszeniert hatte, erklärte vergangenes Jahr, dass die Trilogie im Grunde eine Metapher aufs Transgender-Sein sei. Implizit stünden besagte Pillen eigentlich für die Hormontherapie – die künstliche, über die Identität ihrer Be­woh­ne­r*in­nen bestimmende Matrix wiederum für konstruierte Geschlechter­binarität.

Davon abhalten, den Film für ihre Zwecke zu benutzen, lassen sich die Ver­schwö­rungs­ideo­lo­g*in­nen davon natürlich nicht – sie suchen lieber weiterhin dort nach rückversichernden Zusammenhängen, wo sie am wenigsten zu vermuten sind und jede Überprüfung ihrer Thesen vergebens scheint. Einen Vorwurf kann man der Sci-Fi daraus freilich nicht machen. Die Geschichten, die ihre Filme erzählen, besitzen gerade wegen ihrer Offenheit für Interpretation, herausfordernder Gedankenexperimente und der Möglichkeit, selbst Abstraktes auf eigene Wünsche, Hoffnungen und Ziele anzuwenden, eine solche Strahlkraft.

Dass manch einer Narrationen lieber nutzt, um mit ihnen Missgunst, Angst und Hass zu schüren, ist ein Phänomen, wofür das Genre nicht erst erfunden werden musste – es ist wahrscheinlich so alt wie das Geschichtenerzählen selbst.

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