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Vergrößertes WM-TeilnehmerfeldAfrikanische Teams sind keine Außenseiter mehr

Erfolge auf dem Platz und eine feine taktische Vielfalt widerlegen hartnäckige Pauschalurteile über den auf dem Kontinent gespielten Fußball.

Aus New York

Daniel Theweleit

Einen kleinen Rückschlag hat die von Erstaunen untermalte Euphorie der afrikanischen WM-Teilnehmer am Sonntag dann doch erlitten, als dem Gastgeber Kanada tief in der Nachspielzeit das Siegtor gegen Südafrika gelang. Damit war nach Tunesien das zweite Team von diesem Kontinent ausgeschieden, und dennoch sagte Südafrikas Trainer Hugo Broos anschließend: „Wenn wir zurückschauen, können wir sehr zufrieden sein.“

In den kommenden Tagen werden sich etliche Trainerkollegen afrikanischer Teams mit ähnlichen Worten verabschieden, am Ende bleibt ja nur ein Weltmeister übrig. Aber schon jetzt ist klar, dass die Vertreter Afrikas geradezu Wundersames bewirkt haben bei dieser WM.

Bei früheren Weltmeisterschaften haben nie mehr als zwei Nationen die K.-o.-Phase erreicht. Diesmal hingegen haben 9 der 10 Teilnehmer die Gruppenphase überstanden. Das ist die bislang größte Sensation dieses Turniers. „Ich freue mich für den ganzen Kontinent“, sagt Otto Addo, der bis zum vergangenen März als Nationaltrainer Ghanas arbeitete und während der WM in der Technical Study Group des Weltverbandes Trends und Entwicklungen beobachtet.

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

Der in Deutschland aufgewachsene Addo freut sich aber nicht nur für seine Ghanaer und die anderen Nationen, er ist auch deshalb heilfroh über diese Entwicklung, weil Afrika der größte Profiteur der Vergrößerung des Teilnehmerfeldes von 32 auf 48 Mannschaften ist. 10 statt bisher 5 afrikanische Teams waren dabei, das hätte auch schiefgehen können. Skeptiker sorgten sich, dass das Niveau sinkt, dass Leistungsunterschiede zu groß und Spiele langweilig werden.

Aussichten auf die Spitze

Mit diesem Zwischenergebnis jedoch könne man die neue Verteilung der Startplätze „gut rechtfertigen“, findet Addo. Der Elfenbeinküste, dem Senegal und den Marokkanern (die in der Nacht zum Dienstag gegen die Niederlande spielen und womöglich ausgeschieden sind) traut Addo am Ende der Gruppenphase sogar zu, in die Phalanx der Allerbesten vorzustoßen.

Die Kap Verden sind unterdessen das Team, dem viele Underdog-Liebhaber verfallen sind, auch wenn Argentinien im nächsten Spiel vielleicht doch eine Nummer zu groß sein wird. Genau wie England für die DR Kongo. Aber Algerien (gegen die Schweiz), Senegal (gegen Belgien), die Elfenbeinküste (gegen Norwegen), Ghana (gegen Kolumbien) oder Ägypten (gegen Australien) haben mindestens Außenseiterchancen.

Aus der Perspektive Afrikas war die Aufstockung des Teilnehmerfeldes also eine hervorragende Idee. Es sei „nur eine Frage der Zeit“, bis ein Team aus Afrika Weltmeister werde, sagt Kongos Trainer Sébastien Desabre. „Die Strukturen werden besser, die Trainer werden besser, die Spieler werden besser.“ Und deshalb lassen sich auch immer mehr in Europa aufgewachsene Spieler davon überzeugen, für die Nationen ihrer Vorfahren zu spielen.

Schwierige Narrative

Die Strukturen werden besser, die Trainer werden besser, die Spieler werden besser.

Sébastien Desabre, Nationaltrainer DR Kongo

Aber in all seinen Dimensionen wahrgenommen wird der afrikanische Fußball trotzdem noch nicht, was sich gut an den Aussagen des TV-Experten Bastian Schweinsteiger zu Elfenbeinküste illustrieren lässt. Der frühere Fußballprofi hat eine kontroverse Debatte ausgelöst, als er die Spielweise dieser Mannschaft gegen Deutschland während der Gruppenphase in der ARD mit den Attributen „wild“ und „unorthodox“ versah, wofür er heftig kritisiert wurde.

Ganz unabhängig von der Frage, ob Schweinsteiger mit diesen Aussagen ein rassistisches Narrativ bediente, ist die fachliche Betrachtung unsauber, sagt Addo: „Wir müssen lernen, differenziert über alle Mannschaften zu sprechen. Wenn man eine Mannschaft ‚wild‘ und ‚unorthodox‘ nennt, muss man das genau belegen.“ Das dürfte schwer werden.

Denn gerade die Ivorer spielen taktisch sehr versiert Fußball. Es handelt sich um eine Mannschaft, die es geschafft hat, ohne ein einziges Gegentor durch die Qualifikation zu kommen. Wild kann das kaum gewesen sein. „Die Elfenbeinküste hat auch gegen Deutschland von der ersten bis zur 90. Minute sehr klar agiert“, sagt Addo. Und wer genau hinsah, konnte auch erkennen, dass längst nicht alle Ivorer muskelbepackte Athleten sind, die aufgrund ihrer Körperlichkeit dominant waren. Sie haben sich einfach geschickter bewegt.

Weil Schweinsteiger überdies behauptete, dass die angeblich wilde Spielweise der Ivorer in seinen Augen „ein bisschen afrikanischer Fußball“ gewesen sei, bleibt der Eindruck, dass selbst professionelle Fachleute immer viel zu oberflächlich auf die afrikanischen Teams schauen. „In Europa würde auch niemand auf die Idee kommen, den spanischen Fußball mit deutschem Fußball gleichzusetzen, bloß, weil beide Länder auf dem gleichen Kontinent liegen“, sagt Addo. „Es ist schwierig, alle afrikanischen Länder über einen Kamm zu scheren.“

So ist Kap Verde mit einem äußerst versierten Konterfußball ungeschlagen geblieben. Dank vieler Spieler, die in Portugal aufwuchsen und in einem der besten Nachwuchssysteme der Welt ausgebildet wurden, spielt diese Nation mit einer imponierenden taktischen Reife. Und völlig anders als Senegal oder Ägypten. Genau wie in Europa haben jede Nation und jede Spielergeneration ihre Eigenheiten, jeder Trainer hat seine Ideen, nur gesehen wird das bei den Teams aus Afrika oft nicht so genau.

Wobei an anderer Stelle auch weiterhin alte Klischees bedient werden vom Fußball des Kontinents. Im Quartier des Senegal wurde über nicht gezahlte Prämien und schlechtes Essen gestritten, und der Afrika-Cup im Januar endete mit einem chaotischen Finale, Spielerprotesten und einer Zuschauerprügelei am Spielfeldrand. Gerichte müssen nun klären, ob Marokko oder Senegal den Titel gewonnen hat. Und dennoch zeigt sich bei dieser WM eine Stärke, die in dieser Form tatsächlich neu und im Vergleich zu anderen Kontinenten geradezu unglaublich ist: Während 90 Prozent der Teams aus Afrika die Gruppenphase überstanden haben, waren von 8 asiatischen Teilnehmern 7 bereits nach drei Partien ausgeschieden.

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