„Derby“ in Amsterdam: Hupend in den Sonnenaufgang
Marokko gegen die Niederlande war die brisanteste Paarung der ersten K.-o.-Runde. Im Amsterdamer Westen schwingt das komplizierte Verhältnis immer mit.
Der Einlass erinnert unweigerlich an die versteckten Bars mit Alkoholausschank in marokkanischen Städten. Das Licht im Café ’t Lommertje ist stark gedimmt, kein Geräusch dringt vor die Tür, und es braucht ein Klopfen und einen freundlichen Mitarbeiter, der den späten Gästen auftut. Er trägt ein Retro-Trikot der EM 1988. Damals gewann die niederländische Elftal ihren einzigen Titel, und nun, 38 Jahre später, soll ihm endlich ein zweiter folgen. Die Hymnen sind soeben verklungen, kurz nach Anpfiff werden im Lommertje, das nach dem Quartier Bos en Lommer im Westen Amsterdams benannt ist, noch Fritten und Grillfleisch serviert.
Vor einem Monat hat Semmie, der junge Eigentümer, der vom Tresen aus das Spiel verfolgt, das traditionelle Nachbarschafts-Café übernommen. „Nicht zu viel verändern, aber meinen eigenen Dreh geben“ will er dem. Erweitertes Menü, mehr Veranstaltungen, DJs. Für die WM-Spiele ist die übliche Dekoration angebracht, Landesfahnen, Wimpel-Girlanden in Orange und mit Löwen, dem Wappentier des Fußballverbands KNVB. Das Publikum dagegen ist gemischt, niederländische und marokkanische Trikots halten sich die Waage.
„Mögen die Besseren gewinnen“, hofft Semmie. Dieser Spruch wird in dieser Nacht noch häufig fallen. Denn viele hier sitzen irgendwie zwischen den Stühlen – wenn auch nicht alle so kompliziert wie der Wirt selbst. „Marokkanische, niederländische, tunesische und belgische Vorfahren“ hat er. Im Vorfeld des Matches zitierten niederländische Zeitungen einen Vergleich des Rotterdamer Migrations-Professor Gijsbert Oonk: „Das ist, als fragte man ein Kind, sich zwischen Mutter und Vater zu entscheiden.“
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Für Appie, der mitten im schmalen Schlauch des Lommertje noch einen Barhocker ergattert hat, ist die Antwort trotzdem klar, und sie erklärt sich nicht nur aus seinem roten Marokko-Trikot: „Schau mich an. Was siehst du dann, Marokko oder Niederlande? Ich bin hier geboren, aber es ist doch klar, dass ich für Marokko bin, wo meine Wurzeln liegen. Bei anderen Spielen drücke ich den Niederlanden die Daumen.“ Welchen Stellenwert hat die Paarung für ihn? „Das zeigt sich schon daran, dass ich um diese Uhrzeit hier bin.“ Es ist 20 Minuten nach 3 Uhr, und mit Ausnahme der Fußball-Bars schläft die Stadt.
Rabiater Zuwanderungsdiskurs
Dass manche Medien von einem „Derby“ sprechen, hat mit den mehr als 420.000 Menschen mit marokkanischen Wurzeln zu tun, die in den Niederlanden leben. Zugleich schwingt da eine besondere Spannung mit. Keine andere Bevölkerungsgruppe steht derartig konstant seit mehr als 20 Jahren im Fokus eines rabiaten Diskurses über Zuwanderung und Integration. Über keine wird so negativ gesprochen wie über die „marokkanen“. Von diesen wiederum wohnen die meisten in der Hauptstadt, vor allem in westlich gelegenen Quartieren wie Bos en Lommer. Ein drittes Derby-Element ist das gemeinsame Wappentier: Der Oranje-Löwe tritt gegen seinen Verwandten aus dem Atlas-Gebirge an.
Appie, Barbesucher
Der Brisanz auf dem Papier hängt das, was dort in Monterrey auf dem Platz geschieht, allerdings zunächst um einiges hinterher. Petra, eine blonde Frau mittleren Alters, die im Viertel wohnt und ein orangefarbenes Kleid trägt, ist hier im Café, „weil fast alles andere zu hat“. Doch es gefällt ihr auch, dass Anhänger*innen beider Teams hier gemeinsam schauen und feiern. Für die zweite Halbzeit sieht sie Turbulenzen voraus: fünf Tore, drei davon für die Löwen aus dem Polder, zwei für die aus dem Atlas. Der Barmann im Trikot aus den glückseligen Tagen Rijkaards, Gullits und van Bastens, der die Tür aufschließt, hätte wohl nichts dagegen.
Draußen wartet eine frühe Dämmerung mit zwitschernden Vögeln. Etwas mehr als fünf Fahrrad-Minuten entfernt liegt die Bar Baarsch, direkt an einer Straße, die vom Zentrum Amsterdams tief in die westliche Peripherie führt. Sie hat hohe Räume, in denen es wegen der großen Glasfront auch in der Dämmerung beinahe hell zu sein scheint. Es gibt regelmäßige Pubquiz- und Dragqueen-Bingo-Abende. Die orangen Trikots sind hier mit großem Abstand in der Mehrheit.
Medien im Großeinsatz
Die Träger*innen der anderen machen sich lautstark bemerkbar, als Marokko kurz nach der Halbzeit eine Großchance hat. Danach aber trifft zunächst die Elftal. Karim, ein 47-jähriger Food-Truck-Betreiber, steht zu diesem Zeitpunkt gerade vor dem Eingang, weil ihn ein Team der Lokalzeitung Parool draußen auf dem Gehweg gefilmt hat. „Wir dürfen niemals aufgeben“, beschwört Karim. Er trägt ein Shirt mit der Aufschrift „Atlas Lions“. Aus niederländisch-marokkanischer Sicht müsste es eigentlich „Rif-Atlas“ heißen – denn von dort, ganz aus dem Norden des Landes, der als abgeschrieben und strukturschwach gilt, stammt die übergroße Mehrheit der einstigen Gastarbeiter*innen und ihrer Nachfahren.
Auch Karims Eltern kamen einst aus dieser Gegend in die Niederlande. Wie alle wollten sie irgendwann zurückkehren, aber dann kamen die Kinder, die hier Wurzeln schlugen. Aus „ooit“ – Niederländisch für „irgendwann“ – sei irgendwann „nooit“ geworden, also „niemals“, sagt er. „Nun habe ich selber Kinder, und mit jeder Generation werden wir europäischer. Wir haben uns für diese Situation nie entschieden, aber sind zwischen allen Stühlen gelandet.“
Karim, Food-Truck-Betreiber
Sein Bekannter Brahim, der das rote Nationalleibchen trägt, teilt die biografischen Erfahrungen, zieht aber andere Schlüsse. „Ich bin den Niederlanden dankbar, denn sie haben uns sehr viel gegeben.“ Große Stücke hält er auf das, was er auf dem Bildschirm sieht. „Glaub mir, die werden Weltmeister, sie können auch gegen Frankreich gewinnen.“ Als das 1:1 fällt, ist es beinahe hell. Ein paar junge Zuschauer beginnen vor der Bar zu tanzen und herumzuspringen. Brahim, nach mehrfachen Riots im Anschluss an marokkanische Fußballerfolge auf die Außenwirkung bedacht, weist sie zurecht. Er beschließt, dass es ihm „arschegal“ ist, wer gewinnt.
Als es in die Verlängerung geht, springt er zu den obligatorischen „Hup Holland“-Rufen durch den Saal. Aus anderen Ecken tönt es: „Yallah!“ In der nächsten halben Stunde merkt man dem Publikum die lange Nacht deutlich an. Erst als sich im Elfmeterschießen die Ereignisse überschlagen, kocht die Stimmung wieder hoch. Als es vorbei ist, dauert es keine Minute bis zu den ersten hupenden Motorrädern. Schnell kommen Autos hinzu, und gemäß dem gängigen Drehbuch ist auch die Polizei gleich zur Stelle. Auf dem Platz um die Ecke sammeln sich die Anwohner*innen, Kinder auf dem Weg zur Schule, Frauen, Männer in Dschellaba. Brahim sorgt sich, dass die Dinge einmal mehr aus dem Ruder laufen könnten. Sie tun es nicht. Während Menschen in orangen Trikots von dannen ziehen, hupt sich der Amsterdamer Westen in den Sonnenaufgang.
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