Vergeltung nach Selbstmordanschlägen: Viele Tote bei pakistanischen Luftangriffen auf Afghanistan
Laut pakistanischen Sicherheitskreisen wurden 80 militante Kämpfer getötet, in Afghanistan ist von 17 getöteten Zivilisten die Rede.
Das pakistanische Militär hat in der Nacht zum Sonntag mindestens sechs Distrikte in drei Provinzen Afghanistans angegriffen. Kurz nach 20 Uhr Ortszeit meldeten afghanische Medien, Kampfjets hätten in Barmal in der Südostprovinz Paktika eine Koranschule getroffen. Bis Mitternacht folgten Angriffe auch im ostafghanischen Nangrahar sowie in Chost.
Pakistans Regierung bestätigte in einer Erklärung „gezielte Angriffe auf sieben Terrorcamps und Verstecke“ der pakistanischen Taliban sowie eines örtlichen Ablegers des Islamischen Staates (IS). 80 „Militante“ seien getötet worden. Parlamentsminister Tariq Fazal Chaudhry bezeichnete das als „Vergeltungsmaßnahme für die unschuldigen Opfer des Terrorismus.“
Laut den herrschenden Taliban wurden ausschließlich zivile Ziele getroffen. Der afghanische Rote Halbmond, die nationale Rot-Kreuz-Partnerorganisation, meldete 17 Tote. Afghanische Medien verbreiteten ein Video, in dem ein sichtlich traumatisierter Mann erzählte, das Haus seiner Familie in Behsud in Nangrahar sei getroffen, 16 seiner 23 Angehörigen seien getötet worden, davon acht Kinder. Ein weiterer Toter wird aus dem Nachbardistrikt Chugiani gemeldet.
Die Angriffe kamen nur Stunden nach einem Selbstmordanschlag auf einen Militärkonvoi in Bannu in Pakistans Nordwestprovinz Khyber-Pakhtunkhwa. Dabei wurden zwei Soldaten getötet, darunter ein Offizier. Am Montag vor einer Woche fuhr ein weiterer Selbstmordattentäter eine Autobombe in einen Polizeiposten im nahegelegenen Badschaur und tötete elf Soldaten und ein Kind. Zu beiden Anschlägen bekannten sich Talibangruppen aus Pakistan. Die Behörden behaupten, der zweite Attentäter sei Afghane gewesen.
Pakistan nennt angeblich „eindeutige Beweise“ nicht
Zwei Wochen zuvor hatte ein dritter Selbstmordattentäter in einer schiitischen Moschee in Pakistans Hauptstadt Islamabad mindestens 31 Betende und sich selbst in die Luft gesprengt. 170 Menschen wurden verletzt. Dazu bekannte sich der IS-Ableger für Pakistan. Pakistan behauptet, der sei mit dem afghanischen IS-Ableger ISKP identisch.
Laut Informationsminister Attaullah Tarar verfüge man über „eindeutige Beweise“, dass die Angriffe „auf Anweisung ihrer Führung und Betreuer in Afghanistan“ von Kämpfern verübt worden seien, die dort „unter indischer Aufsicht ausgebildet“ worden seien.
Pakistans Luftschläge kamen nicht überraschend. Mitte der Woche hatte ein Sprecher des Außenministeriums erklärt, wenn es um Angriffe gegen Pakistan gehe, sei dessen Geduld „offensichtlich nicht unbegrenzt“. Bereits in den Tagen zuvor sichteten Bewohner in Südost-Afghanistan Aufklärungsdrohnen.
Allerdings, so ein afghanischer Analyst in den sozialen Medien, habe Pakistan „keine Beweise vorgelegt, dass es wirklich terroristische Ziele getroffen hat“. Das Taliban-Regime in Kabul bestellte Pakistans Botschafter ein und protestierte, kündigte aber auch „eine angemessene Reaktion zu gegebener Zeit“ an.
Gespräche über Anti-Terror-Vereinbarung bisher gescheitert
Nach ähnlichen Angriffen im Oktober 2025 war es zu mehrtägigen Grenzgefechten gekommen. Dabei wurden auf beiden Seiten über 70 Menschen getötet und hunderte verletzt, darunter viele Zivilist*innen.
Katar vermittelte zunächst eine Waffenruhe, aber Verhandlungen über eine formelle bilaterale Anti-Terror-Vereinbarung führten zu keinem Ergebnis.
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