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Vater der BitcoinKein Blick hinter die Maske

Klaudia Lagozinski

Kommentar von

Klaudia Lagozinski

Textanalyse und ein „Verdächtiger“, der sich eben verdächtig bewegt. Die Suche der „NYT“ nach dem Erfinder der Bitcoin beruht vor allem auf Bauchgefühl.

Auch dieser Bitcoin-Zauberer ist uns unbekannt, Miami 2023 Foto: Marco Bello/reuters

U m die Relevanz von Satoshi Nakamoto zu verstehen, muss man zurück ins Jahr 2008, als jemand unter ebendiesem Pseudonym das „White Paper“ für Bitcoin, die Idee der allererste Kryptowährung und der Blockchain, vorgestellt hatte. Manche Menschen glaubten, dem anonymen Verfasser auf die Spur gekommen zu sein. Andere behaupteten selbst, Satoshi zu sein. Das hat einen Grund. Denn Bitcoin ist nicht nur die älteste, sondern auch die größte Kryptowährung nach Marktkapitalisierung und wird mittlerweile nicht nur von wenigen Nerds, sondern auch von Unternehmen und sogar einem Land, El Salvador, als Zahlungsmittel verwendet.

Der Autor der jüngsten NYT-Recherche „My Quest to Solve Bitcoin’s Great Mystery“, John Carreyrou, hat zwei Pulitzer-Preise. Jetzt ist er einer „Spur von Hinweisen“ gefolgt und will herausgefunden haben, wer Satoshi ist: der Computerwissenschaftler Adam Back. Auch wenn der bereits seit Jahren bei jeder Verdächtigung wieder betont, dass er eben nicht Satoshi sei. Doch die NYT weiß, wie man Aufmerksamkeit erregt; indem man schon im Ankündiger von „Bitcoins großem Mysterium“ schreibt und selbstsicher den Namen des Verdächtigen nennt. Doch der Recherche fehlt es an dem, was Journalismus ausmacht: Ausgewogenheit. Der Autor nähert sich der Frage nicht offen, sondern mit einer starken Vermutung, basierend auf einer Doku, die er gesehen hat. In ebendieser soll sich Back, der „Verdächtige“, nun ja, verdächtig verhalten und bewegt haben.

Also macht Carreyrou sich auf die Suche nach Beweisen, geblendet von Confirmation Bias – der Tendenz, nach Belegen zu suchen, die die eigenen Vermutungen untermauern, und andere auszublenden. Der Großteil der Recherche ist Stilometrie, quantitative Textanalyse – und Bauchgefühl. Seine Analyse basiert auf Daten – er analysiert die Sprache im White Paper und in Kommentaren in Cypherpunk-Foren aus den 90ern: Back und Satoshi schreiben auf ähnliche Weise, teilen ähnliche Ansichten. Und die Accounts kommunizieren sogar miteinander. Dass Menschen sich sowohl offline als auch online sprachlich und meinungstechnisch an die anpassen, mit denen sie interagieren, blendet Carreyrou aus. Stattdessen geht er davon aus, dass die Konversation von einer einzigen Person erfunden und gestellt wurde. Eine Konversation mit sich selbst führen in der Annahme, dass Bitcoin irgendwann so bekannt wird, dass Journalisten jahrzehntelang dieses Mysterium lösen wollen werden? Das wäre reichlich ausgeklügelt.

Auch Krypto-Fans, welche die Idee der Transaktion ohne eine Bank als Mittelsmann befürworten, sind verärgert. In der Community kursiert immer wieder das Motto „We are all Satoshi“. Hier muss oder soll niemand mit seinem Gesicht für die Erfindung stehen.

Der NYT-Autor begründet das öffentliche Interesse mit dem Risiko, dass Satoshi so viele Bitcoin besitzt, dass es – würde er sie verkaufen – den Markt sowie das Vertrauen in die Kryptowährung zerrütten könnte. Denn Satoshi hält ungefähr5 Prozent der insgesamt rund 21 Millionen Bitcoin, die es jemals geben wird. Die Kryptowährung ist so konstruiert, dass, anders als beim Euro, nicht mehr als die vorher festgelegten Bitcoin geschaffen werden können. Diese Bitcoin schlummern seit 2010 – seitdem wurden keine Bewegungen mehr auf Satoshis Wallet, also seiner digitalen Geldbörse, verzeichnet.

Der Journalist bekräftigt das öffentliche Interesse zudem damit, dass Back, sollte er Satoshi sein, diese 1,1 Millionen Bitcoin öffentlich machen müsste, weil er als Unternehmer mit Bitcoin arbeitet. „Da ich schon so manchen Lügner kennengelernt und ein gewisses Gespür für ihre Lügen entwickelt hatte, kam mir Mr. Backs Verhalten – sein unruhiger Blick, sein verlegenes Lachen, die ruckartigen Bewegungen seiner linken Hand – verdächtig vor“, schreibt Carreyrou am Anfang seiner Recherche. Doch was, wenn der Journalist falschliegt? Dann hat er nicht nur einem Menschen eine Zielscheibe aufgemalt in einer Zeit, in der wohlhabenden Menschen im Krypto Space erpresst, entführt, gefoltert oder sogar getötet wurden, sondern auch das Vertrauen in Medien weiter erschüttert.

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Klaudia Lagozinski
Nachrichtenchefin & CvD
Immer unterwegs. Schreibt meistens über Kultur, Reisen, Wirtschaft und Skandinavien. Meistens auf Deutsch, manchmal auf Englisch und Schwedisch. Seit 2020 bei der taz. Master in Kulturjournalismus, in Berlin und Uppsala studiert. IJP (2023) bei Dagens ETC in Stockholm.
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