VAR-Debatte: Der Schiri ist nur noch ein Fuzzi
Der VAR hat das Vertrauen in die Gültigkeit des Gepfeifes erodiert. Dieses Vertrauen aber war die Grundlage des Spiels.
I ch saß auf der Tribüne, als das Spiel stoppte, und dachte minutenlang, es gehe um eine mögliche Rote Karte für das eine Team. Imagine my surprise, als es auf der anderen Seite plötzlich Strafstoß gegen das andere Team gab. Nach Prüfung der Bilder liege ein Handspiel vor, teilte der Schiedsrichter mit. Im Stadion hatte das keine Sau mitgekriegt.
Nun ist nach der Pokalspielrunde letzte Woche der Eindruck entstanden, es sei ein Problem, wenn kein Video Assistant Referee (VAR) im Einsatz ist. Einige Entscheidungen der Schiedsrichter stellten sich nach Ansicht der Fernsehbilder als falsch heraus. Tenor: Möglichst gar keine Spiele mehr ohne VAR. Dahinter steht der romantische Glaube, es müsse doch im Fußball – wenigstens im Fußball! – so etwas wie Gerechtigkeit geben.
Durch möglichst totale Kontrolle.
Na ja, es war schon im Realsozialismus nicht so, dass die totale Kontrolle zu mehr Gerechtigkeit geführt hätte, nur zu mehr eingesperrten Leuten in Bautzen. Will sagen: Kontrolle ist immer auch Verlust von Freiheit und Entzug von Vertrauen. Der Soziologe (und BVB-Ultra) Aladin El-Mafaalani hat gerade in Bezug auf Rechtspopulismus ein großartiges Buch geschrieben („Misstrauensgemeinschaften“), in dem die Wichtigkeit von Vertrauen für das Funktionieren von Systemen beschrieben wird und die rechtspopulistische Strategie des Säens von Misstrauen gegen alle Institutionen.
Nur noch Marionette
Ohne einen rechtspopulistischen Bezug zu nehmen, könnte man die These aufstellen, dass der VAR das Vertrauen in den Schiedsrichter und damit eine Grundlage des Spiels erodiert. Dieses basierte auf der Grundlage, dass „Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift“. Jetzt ist Abseits, Elfmeter, Platzverweis, wenn der VAR einschreitet. Zugespitzt ist der Schiedsrichter jetzt eine Marionette, ähnlich einem Moderator einer politischen Talkshow, dem sein Redakteur über den Knopf im Ohr immer genau sagt, was er fragen soll. Das Recht auf die Gültigkeit des Gepfeifes – right or wrong – ist dahin. Das aber hat ihn ausgemacht.
Jetzt ist der Schiedsrichter nur noch ein Fuzzi. Jede F-Jugend-Spielerin wird bald „eine Ansicht der Bilder“ fordern, wenn er irgendwas pfeift. Und im Bundesligastadion ist man nicht mehr am nächsten dran, sondern ganz weit weg. Aber viel schlimmer: Die Entscheidungsgewalt ist vom Menschen auf die Maschine übertragen worden. Und das wird diese Welt nicht gerechter machen.
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