Utopische Lyrik: Zwischen Stoppelfeldern und Stotterfehlern
Rettet uns das Tagträumen? Warum es sich lohnt, an das Gute zu glauben, zeigt eine neue Anthologie zur utopischen Gegenwartsdichtung.
Foto: Paul-Philipp Braun/imago
Es gibt Orte, die nur in Gedanken existieren. Utopien sind solche Nicht-Orte, die immer nur verheißen, aber nie real werden. Und doch steckt im Utopischen ein Aufbruch, ein Umdenken, ein Freilegen der Möglichkeiten. Mit „Utopia“ verfasste Thomas Morus das literarische Fundament einer Gemeinschaft der Guten und Gerechten. Dass utopisches Denken auch fehlbar, brüchig, unvollständig sein kann, zeigt eine neu erschienene Anthologie zur utopischen Gegenwartsdichtung, herausgegeben vom Literaturwissenschaftler Björn Hayer, der mitunter auch in der taz publiziert.
„Aus einer geschützten Ecke heraus läßt du den Raum entstehen“ lautet der Titel des Bands mit knapp 100 Gedichten. Sie führen von den Ursprüngen der Utopie bis in die Zukunft, die zwischen den Zeilen beginnt. „szenisch gesehen ist der anfang absturz“, schreibt der Gegenwartslyriker Alexander Kappe in seinem Gedicht „sache mit drache“. Ist das Ende dann ein Höhenflug? Fragt man sich im Umkehrschluss.
Dem Utopischen der Gegenwart nähert man sich in der Gedichtsammlung aus verschiedenen Blickwinkeln: mal konkret, mal verborgen. Da geht es ums Schreiben selbst und die Melancholie, die immer auch künstlerischer Treibstoff ist – sie wohnt dem utopischen Denken in seiner Unmöglichkeit sogar inne. Oder um Entdeckungen längst verschwunden geglaubter Wesen, wie etwa einer alten schamanischen Katze vor Aldi Nord in einem Gedicht von Dominik Dombrowski. Hier kramt das lyrische Ich seinen Tabak hervor „und verlor sich / im Schlaf des Tiers“. Auch als Leserin verliert man sich entlang der Verse in Assoziationen, die bildhaft vor dem inneren Auge erscheinen.
Björn Hayer (Hg.): „Aus einer geschützten Ecke heraus läßt du den Raum entstehen. Utopische Dichtung der Gegenwart“. Gans Verlag, Berlin 2026. 180 Seiten, 21,90 Euro
Während die Autor:innen utopischer Erzählungen der vergangenen Jahrhunderte Entwürfe perfekter Gesellschaften konzipierten, sei es die Besonderheit der Lyrik, utopische Gedankenspiele in freie Formen zu bringen, schickt Björn Hayer seiner Gedichtsammlung im Nachwort hinterher: „Lyrik braucht keine Grammatik, sie schafft sich ihre eigene.“ Tatsächlich blättert man hier durch eingerückte und entrückte Verse, kämpft sich auch mal durch „dürre wortwüsten“, aus deren Dünen sich trotz gelegentlicher Verirrung im Abstrakten immer wieder Erhellendes wie Humorvolles auflesen lässt. In Julia Trompeters „Sonnenwende“ etwa „murmeln multiple Metaphern / ungefragte Worte in den Schoß“ und aus den „Stoppelfeldern“ wird eben mal der „Stotterfehler“.
Die Sprache als Architektur
Die Anthologie bündelt einen ausgewogenen Kanon poetischer Stimmen der Gegenwart: Neben prominenten Literatinnen wie Esther Kinsky oder Marion Poschmann mit ihrem titelgebenden Gedicht liest man auch von Newcomer:innen. Nasima Sophia Razizadeh etwa schreibt in fließenden Sprachbildern von der Dichtung als „Vorhof eines ungebauten Hauses“.
Die Sprache wird hier gewissermaßen zur Architektur der Utopie. „Ich bau eine Stadt / aus Sätzen nicht zu betreten“, schreibt auch Mirko Bonné. Das Unzugängliche steckt ja bereits im Wort „Utopie“, das sich aus dem Altgriechischen mit „Nicht-Ort“ übersetzen lässt. Und doch nähert man sich durch die Gedichte den Koordinaten des Utopischen, schlängelt sich am Türsteher vorbei, den das Lyrische Ich bei Martin Piekar noch fürchtet. Und vielleicht, so legen die Texte auf unterschiedliche Weise nahe, befinden wir uns dann schon mittendrin, in der gelebten Utopie. Denn auch aus den „schmalblättrigsten Trümmerblumen“, wie Razizadeh schreibt, lässt sich noch ein Strauß pflücken.
Utopie, so macht diese gelungene lyrische Sammlung spürbar, birgt Zuversicht. Um wiederum nicht anfällig für ideologisches Denken zu werden, müssen wir uns in Hoffnung üben, schrieb schon der Philosoph Ernst Bloch. In seinem „Prinzip Hoffnung“ befasste er sich als einer der ersten Theoretiker umfassend mit der Utopie in der modernen Gesellschaft.
Das Prinzip der Hoffnung als ambivalenter Zustand: Vom „Hoffnungsschlimmer“ schreibt Manon Hopf, und man liest zweimal, um diesen gewitzten Neologismus zu verstehen. In einer Zeit, in der die Gegenwartslyrik viel Düsteres, Abgründiges vorweist, macht der Band auf die hellen Stimmen aufmerksam, ohne zu verklären.
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