Lyrik von Ulf Stolterfoht: Kleine klapperdürre Krallenfüße
Schwer zu greifendes Federvieh: Ulf Stolterfohts anarchisch-ästhetischer Großzyklus „rückkehr von krähe“.
Als Ulf Stolterfoht 1998 seinen ersten „Fachsprachen“-Band vorlegte, gab es in der deutschen Lyrik einen Break. Und einen unvorhergesehenen Rhythmuswechsel. Der Lyriker schien ein DJ zu sein, der mit verschiedenen Diskursen gleichzeitig spielt und sie durcheinanderwirbelt. Die Wortfelder von Botanik, Theologie oder historischer wie auch gegenwärtiger Popmusik erzeugten irrwitzige neue Räume.
In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Stolterfoht ist den „Fachsprachen“ zwar treu geblieben, hat aber auch anderes dazugemischt, mitunter sogar eigene biografische Fragmente. „rückkehr von krähe“ ist jetzt ein vorläufiger Höhepunkt. Das Buch spielt offensiv mit höchst irrationalen Vorlieben und der in Fachkreisen eher verpönten Subjektivität, und es entwirft damit einhergehende Poetereien vom Barock über Dada bis zu den schillernden Zwischenzonen von P-Funk und G-Funk. Wenn man es so will, ist es gelehrt, anspielungsreich und zitiert entlegenste Quellen aus Pop- und Hochkultur, aber man kann es genauso auch für wahnsinnig komisch halten.
„Krähe“ ist eine schwer zu fassende Trickster-Figur, die zwischen den Welten wechselt und im Untergrund wie im Himmel zu Hause ist. Der Tagesablauf einer Krähe, mit Beobachtungen von Kleingetier und Gebüschformationen, geht nahtlos über in denjenigen eines Dichters, der bevorzugt in Kneipen anzutreffen ist (das „Lehen“ im Stuttgarter Bohnenviertel! Das verstorbene „Narkosestübchen“ in der Nähe des Rathauses Berlin-Schöneberg!). Dabei wird exzessiv gekrächzt, gekleckert und geschrieben, und der letzte Schrei ist immer die Literatur.
Ulf Stolterfoht: „rückkehr von krähe. abenteuergedicht“. kookbooks, Berlin 2025. 149 Seiten, 26 Euro
Stolterfoht huldigt zwar dem Gedichtband „Krähe“ („Crow“) des englischen Dichters Ted Hughes aus dem Jahr 1970, der für eine überraschende Rückeroberung der Moderne stand, mit Naturmagie und Gegenmythen zu Gott – er selbst dagegen dichtet eher post-post und überführt Hughes Krähen-Modell in eine nach allen Seiten hin offene popkulturelle Zeitgenossenschaft: „wem gehören diese kleinen, klapperdürren krallenfüße? dem ted.“
Krähe seine Werke
Stolterfohts Krähenzyklus ist wie Ted Hughes' berühmte Sammlung ein Großgedicht. Es besteht aus zwölf, oder wenn man die abschließende poetologisch-nihilistische Wissenschaftsparodie „meta-krähe“ dazuzählt, dreizehn Teilen, denen dann noch ein erfindungsreiches Register namens „krähe seine werke“ hinzugefügt ist. Die einzelnen Gedichte sind äußerlich sehr streng gefügt: Sie bestehen alle aus fünf Strophen mit je fünf Langversen, die aber auf unvorhersehbare Weise vibrieren und sich mit rhythmischen Kaskaden und Binnenreimen („wo die fetten schmetten schrecken“) vorantreiben.
In den einzelnen Kapiteln wird die „krähe“-Figur in unterschiedlichsten Variationen durchgespielt. Sie ist mal im Filmgeschäft unterwegs („und doch sind seine tage bei der ufa gezählt, ‚frauen, die man ungern grüßt‘ darf schon nur noch in lichtenberg gezeigt werden“), ein andermal wird ihr Leben im Stil des Lukasevangeliums erzählt („im soundsovielten jahr der regierung des eisenhauers, als der ältere wainwright statthalter von hoboken war“), und es fällt eine Vorliebe für Listen aus Fußballerischem auf – die zwölf Gründungsmitglieder der englischen Liga werden genauso ins Versmaß gebracht wie die Aufstellung des SV Meppen vom 7. Oktober 1989.
Letzteres hat ziemlich sicher etwas mit einem Auswärtssieg der Stuttgarter Kickers zu tun und wohl mit etwas besonders Erinnerungsträchtigem, das der Dichter mit diesem Tag verbindet. Stuttgart und Stolterfoht, das alliteriert, und wie so vieles nach Lektüre dieses Lyrikbandes wird man das nicht für einen bloßen Zufall halten – oder aber doch der Frage nachgehen, die im Kapitel „krähe-theorie“ gestellt wird: „wie müssen zeichen beschaffen sein, die sich auf nichts beziehen?“
Ulf Stolterfohts „rückkehr von krähe“ ist eine großangelegte Feier der Sprache. Und hinterrücks nähert sie sich auch wieder der Semantik an, dem Spiel mit Bedeutung. Das wird allerdings jedes Mal hochartistisch in der Schwebe gehalten. Ein euphorisches, mit immer demselben Sprachgitarrenriff am Beginn der Strophen prunkendes Gedicht konstatiert völlig zu Recht: „es wird immer lebendiger, sobald sie experimentelle Verse hören, geraten sie völlig außer sich.“
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