Umgang mit LSBTIQ in der Altenpflege

Auch im Alter fehlt Diverses

Hannover gibt mit einer Broschüre Führungskräften in der Altenpflege Methoden an die Hand, Angestellte für Unterschiedlichkeiten zu sensibilisieren.

Ältere Menschen im Pflegeheim und eine Regenboden-Fahne

Oft fehlt noch die Sensibilität für ältere LSBTIQ in Pflegeheimen Foto: Stephanie Pilick/dpa

BREMEN taz | Hannover möchte Mitarbeiter*innen der Altenpflege für die besonderen Bedürfnisse älterer Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans-, intersexuellen- und queeren Menschen (LSBTIQ) sensibilisieren. Der am Dienstag vorgestellte Leitfaden richtet sich an Führungskräfte in ambulanten und stationären Einrichtungen. Er ermöglicht ihnen, Mitarbeitende zum adäquaten Umgang mit LSBTIQ zu schulen.

Die Biografie älterer LSBTIQ sei eine besondere, sagt Juliane Steeger. Sie ist eine der Beauftragten für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt der Stadt und hat den Leitfaden mitentwickelt. „Viele Menschen haben noch erlebt, wie Männer für sexuelle Handlungen rechtlich verfolgt wurden, sie haben die HIV-Krise mitbekommen“, erklärt sie. Viele Betroffene wurden zwar entschädigt – so ein Unrecht dürfe aber nicht erneut geschehen.

Außerdem habe es sogenannte Schwesternehen gegeben: Nach dem Krieg seien viele Frauen zusammengezogen, ohne offen lesbisch zu leben. „Diese Leute wohnen jetzt versteckt in Einrichtungen und können nicht sein, wie sie sind“, sagt Steeger. Das bringe eine psychische Beeinträchtigung mit sich.

Bereits 2010 hatte die Stadt beschlossen, das Thema der LSBTIQ auch im Umgang mit Senior*innen zu behandeln. So wurde ein Arbeitskreis mit verschiedenen Beratungsstellen, Trägern von Pflegeeinrichtungen und der Verwaltung gegründet. Gemeinsam mit dem Fachbereich Senioren der Stadt und den Beauftragten für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt wurde die Broschüre entwickelt, finanziert durch Fördermittel des Landes.

Biografiearbeit ist wichtig

Um eine Sensibilität für die besonderen Bedarfe der immer noch verwundbaren Zielgruppe LSBTIQ zu schaffen, handele ein Teil des Leitfadens von den geschichtlichen Rahmenbedingungen der Lebensgeschichten. Biografiearbeit sei ein wesentlicher Bestandteil der vorgestellten Methoden, so Steeger. „Es ist wichtig, den Mitarbeitenden nahezubringen, was es heißt, LSBTIQ zu sein.“ Das Thema Sexualität werden in den Pflegeeinrichtungen im Allgemeinen sehr stiefmütterlich behandelt – eine Aufmerksamkeit für LSBTIQ sei hier ein Anfang, der von der Beauftragten der Stadt geleistet werden kann.

Juliane Steeger, Beauftragte für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Hannover

„Viele Menschen haben noch erlebt, wie Männer für sexuelle Handlungen rechtlich verfolgt wurden“

Weiter werden Ansätze der kultursensiblen Pflege und das Diversity-Konzept vorgestellt, die ein „Verständnis im Umgang mit der Unterschiedlichkeit von Menschen“ fördern sollen. Eine offene Umgangsweise mit den wahrgenommenen Unterschieden ermögliche den Pflegenden, mit Fremdheitsgefühlen umzugehen, heißt es weiter. „Es gibt in der Praxis immer wieder Verunsicherungen bei diesem Thema“, weiß Uwe Hildebrandt, Sprecher des Sozialministeriums Niedersachsen. „Lesbische, schwule, bi-, trans- und intersexuelle Menschen müssen, auch wenn sie pflegebedürftig werden, von Diskriminierungen verschont bleiben.“ Bei der Umsetzung der Konzepte hilft ein Schulungsteil mit Lerninhalten und Vermittlungsvorschlägen.

Auch Annette Mattfeldt vom Rat-&-Tat-Zentrum für queeres Leben in Bremen sieht Handlungsbedarf beim Umgang mit LSBTIQ im institutionalisierten Bereich: „Wichtig ist eine Sensibilisierung für verschiedene Identitäten und ein respektvoller Umgang mit Diskriminierungserfahrungen.“ Gerade in Einrichtungen, in denen Menschen in einer gewissen Abhängigkeit leben, brauche es besondere Unterstützung, damit diese ihre Identität nicht verlieren.

Das sei schwierig, da dem Pflegepersonal ohnehin schon viel abverlangt werde. Die Ressource Zeit spiele zudem eine große Rolle. Mattfeldt hat selbst in der Altenpflege gearbeitet und weiß um die Ansprüche. „Meine Erfahrungen bei Fortbildungen in Bremen haben gezeigt, dass es trotzdem die Bereitschaft gibt, die Lebenshintergründe der Menschen zu berücksichtigen“, sagt Mattfeldt. Dazu brauche es aber entsprechende Informationen. „Das Thema muss daher verlässlich als ein Bestandteil in der Ausbildung etabliert werden.“

Bei der Fachtagung, in deren Rahmen die Broschüre von Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann vorgestellt wurde, seien die Unterschiede zwischen den Problemen der verschiedenen LSBTIQ-Generationen deutlich geworden, erzählt Steeger. „Die Älteren sagen, ihr habt es heute ja ganz einfach.“

Das stimme nicht, sagt sie – selbst Mitte 30 – und erinnert an die Pro­bleme mit gleichgeschlechtlichen Ehen und der Adoption von Kindern. Die Herausforderungen seien schlichtweg verschieden. Aber auch die Gemeinsamkeiten kamen zutage: „Wir werden heute immer noch gefragt, ob wir Geschwister sind.“

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