Umgang mit Frauen in der Politik

Mehr als Elternbeirat

Ob sie denn wisse, was auf sie zukommt, wurde die neue SPD-Vorsitzende Esken von einem Journalisten gefragt. Das ist so herablassend wie typisch.

Saskia Esken legt ihren Arm um Norbert Walter-Borjans

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, die neuen Vorsitzenden der SPD Foto: Mika Schmidt/imago images

Man könnte das Verhalten des Journalisten Christoph Schwennicke schlicht als das eines Mannes beschreiben, der sich nicht zu benehmen weiß. „Ich weiß gar nicht, ob Sie sich im Klaren darüber sind, was auf Sie zukommt“, kanzelt er am Sonntagabend bei „Anne Will“ die designierte SPD-Vorsitzende Saskia Esken ab. „Das höchste Amt, das Sie innehatten, war nicht in einer Partei, sondern das einer Vizevorsitzenden im Landeselternbeirat.“

Doch davon abgesehen, dass diese Behauptung auch noch falsch ist – die herablassende Verachtung, die Schwennicke der 58 Jahre alten Informatikerin und ausgewiesenen Digitalexpertin entgegenbringt, ist symptomatisch für einen Umgang mit Frauen in der Politik, den die Hauptstadtpresse seit Wochen gekonnt vorführt: Frauen, die sich auf Posten wagen, die gesellschaftlich nicht für sie vorgesehen sind, werden dafür bestraft.

Das zeigt sich schon darin, dass Esken wie ihre Konkurrentin Clara Geywitz im überwiegenden Teil der Berichterstattung zunächst lange durch Abwesenheit glänzten. Während Norbert Walter-Borjans medial zu Olaf Scholz’ Gegenspieler hochstilisiert und als „Wirtschaftstheoretiker“ beschrieben wurde, fragten die einen „Saskia wer?“, während die anderen die beiden Frauen schlicht ganz ignorierten.

Längst sollte nun durchgesickert sein, dass Esken auch Positionen vertritt. Bei “Anne Will“ zeigte sie zudem, dass sie Typen wie Schwennicke leicht und sachlich etwas entgegensetzt: „Wenn wir immer nur erlauben, dass Menschen Parteien führen, die die letzten 20 Jahre nichts anderes gemacht haben, dann werden wir nie etwas verändern.“ Sie benennt, was die SPD braucht, um zu überleben: einen Neuanfang. Die Chance, den herbeizuführen, sollten ihr auch Menschen gönnen, die wie Schwennicke Politik so gar nicht von innen kennen.

Für die Zukunft könnte Esken es mit einem Aphorismus halten, der Gandhi zugeschrieben wird, ein geschlechterübergreifend geeignetes Vorbild: Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

Einmal zahlen
.

Jahrgang 1979, ist seit 2012 bei der taz. Sie war Chefin vom Dienst in der Berlinredaktion, hat die Seite Eins gemacht und arbeitet jetzt als Genderredakteurin im Inland. 2019 erschien von ihr (mit M. Gürgen, S. am Orde, C. Jakob und N. Horaczek) "Angriff auf Europa - die Internationale des Rechtspopulismus" im Ch. Links Verlag

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben