piwik no script img

Ukrainische Lesung im LCB BerlinVergessene Geschichte wird lebendig am Wannsee

Eine Lesung von ukrainischen Meistererzählungen aus den 1920ern mit Katja Petrowskaja, Serhij Zhadan und Übersetzerinnen im Literarischen Colloqium Berlin.

„Wie auch immer: Alle meine vierhundert Bekannten gingen schließlich auseinander und kehrten nach Hause zurück, um in Wort, Tat oder Gedanke, Schritt für Schritt alle Armeen, Kampfgase und Waffen der Welt zu vernichten, denn auch ohne all das kann man ins Kino gehen, die warmen Knie junger Frauen liebkosen, durch ein Fernrohr den Stern Beteigeuze beobachten oder von der Eroberung des Weltraums träumen.“

Geo Schkurupij ist 27, als er diesen Satz schreibt, als Finale seiner Erzählung „Mond mit Gewehr“. Er ist 11, als der Erste Weltkrieg beginnt und 18, als er mit Gleichgesinnten die panfuturistische Vereinigung Aspanfut gründet. Mit Anfang zwanzig ist der Kyijwer eine wichtige Figur der ukrainischen Avantgarde. Er wird nur 34 Jahre alt, 1937 wurde Geo Schkurupij in der Nähe von Leningrad erschossen.

Die Übersetzerin Irina Bondas, wie Geo Schkurupij in Kyjiw geboren, hat sich diesen Satz ausgesucht als Einstieg in den Band „Der Schaffner wollte die Kerzen nicht anzünden – Ukrainische Meistererzählungen des frühen 20. Jahrhunderts“ an diesem warmen Sommerabend im Literarischen Colloquium Berlin.

Das glitzernde Wasser als Hintergrund

Hinter ihr glitzert der Wannsee. Neben ihr sitzt Katja Petrowskaja, ebenfalls in Kyjiw geboren. Zwölf Erzählungen, ausgewählt von der Schriftstellerin, das erste Mal ins Deutsche übersetzt von Irina Bondas, sind jetzt Teil der ukrainischen Bibliothek. Claudia Dathe, selbst Übersetzerin, gibt die Reihe zusammen mit der Schriftstellerin Tanja Maljartschuk im Göttinger Wallstein-Verlag heraus.

Vergangenen Herbst erschienen die ersten beiden Bände, Erzählungen von Lesja Ukrajinka und Gedichte von Taras Schewtschenko. Auf einer Lesetour durch Deutschland und die Schweiz mit Endpunkt LCB am Wannsee werden nun die nächsten beiden Bände vorgestellt.

Und so sitzt neben Katja Petrowskaja der Charkiwer Schriftsteller Serhij Zhadan. Er hat über die ukrainischen Futuristen promoviert. Für die ukrainische Bibliothek wählte er Gedichte und futuristische Skizzen von Mychajl Semenko aus, die das erste Mal von Claudia Dathe ins Deutsche übersetzt wurden.

Quälende Fragen

Für Zhadan, der als Erster Brechts Lyrik ins Ukrainische übersetzt hat, schließt sich ein Kreis: „Mich quälte die Frage: Wie schaffen es die deutschen Le­se­r:in­nen zu überleben, ohne Semenkos Texte in ihren Bibliotheken zu haben? Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass es keine Übersetzungen der ukrainischen Klassiker, der Moderne und der Avantgarde gibt. Ich habe mich als Waise gefühlt. Ihr könnt mir eure Eltern vorstellen, ich meine euch nicht. Weil es die Übersetzung nicht gibt.“

Zhadan ist seit 2024 Soldat. Er hat den Radiosender Chartia mit aufgebaut, als Kommunikationsscharnier zwischen Armee und ukrainischer Zivilgesellschaft. Er ist überzeugt: „Wenn man die Lyrik der heutigen Dich­te­r:in­nen nicht übersetzt, wird man nicht verstehen, was in der Ukraine passiert. Dadurch, dass vor hundert Jahren die Texte der ukrainischen Au­to­r:in­nen auch nicht ins Polnische, Deutsche, Französische und Englische übersetzt wurden, hat man nicht verstanden, was es in der Ukraine für Bestrebungen waren in den 1920er Jahren. Deshalb rufe ich dazu auf, Lyrik zu übersetzen, denn ich finde, die Dich­te­r:in­nen von heute erklären den Krieg viel besser als Historiker.“

Mychajl Semenko wurde nur 45 Jahre alt. Wie Geo Schkurupij wurde er im Zuge der stalinistischen Säuberungen ermordet. Irina Bondas spricht von „verhinderten Autor:innen, einem Erbe, das untergehen sollte“. Ende der 1920er Jahre war Semenko auch in Berlin. Serhij Zhadan rezitiert aus einem Gedicht: „Das schwarze Berlin wärmte mich, den Fremden.“

Gelesen hatte ihn vor hundert Jahren fast keiner, aber er war überzeugt davon, dass seine Zeit erst noch kommt.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare