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Über Mietenexplosion und Gegenmittel„Preistreiberei breitet sich wie eine Welle aus“

In Berlin ist ein Fall von Mietwucher rechtskräftig entschieden worden. Das muss wegweisend werden, sagt Stadtplanerin Franziska Eichstädt-Bohlig.

In der Thermometersiedlung in Lichterfelde Süd, Berlin, brennt noch Licht Foto: Sabine Gudath/imago

Interview von

Annette Jensen

taz: Frau Eichstädt-Bohlig, die Bundesregierung will das Mietenproblem durch einen Bau-Turbo lösen. Kann das klappen?

Franziska Eichstädt-Bohlig: Nein, denn das ignoriert die Ursachen. Die finanzmarktorientierte Wohnungswirtschaft forciert Mieten- und Kaufpreissteigerungen. Da muss man ansetzen.

Bild: Franziska Eichstädt-Bohlig
Im Interview: Franziska Eichstädt-Bohlig

1941 in Dresden geboren, lebt in Berlin, ist Stadtplanerin und Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) mit vielen Jahren Erfahrung in Stadtentwicklung, Wohnungs- und Bodenpolitik. Mitgründerin und 1983–88 Geschäftsführerin des alternativen Sanierungsträgers Stattbau GmbH zur Erneuerung von vormals besetzten Häusern in Berlin-Kreuzberg. 1989/90 Baustadträtin in Berlin-Kreuzberg. 1994–2005 Mitglied des Bundestags, 2006–11 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses.

taz: Früher galt Berlin als Eldorado für Kreative mit wenig Geld. Wodurch hat sich die Lage so sehr verändert?

Eichstädt-Bohlig: Berlin war lange ein Sonderfall. Der Westteil war lange subventioniert worden, im Osten waren die Mieten extrem niedrig gewesen – und der erwartete Bevölkerungsanstieg nach dem Hauptstadtbeschluss blieb aus. Ab 2010 wurden die Mieten und Bodenpreise dann stark erhöht, weil viel Kapital nach der Finanzkrise Anlagemöglichkeiten suchte. So stiegen die Bodenpreise und in Folge auch die Bodenrichtwerte rasant. Ich hab das mal für ein Grundstück in der Knobelsdorffstraße recherchiert. 2012 wurde ein Quadratmeter Boden mit 550 Euro bewertet, zehn Jahre später mit 6.000 Euro. Und in der Folge sind auch die Mieten extrem gestiegen.

taz: Wie konnte es dazu kommen?

Eichstädt-Bohlig: Die Grundlage der heutigen Situation sind politische Entscheidungen. 1990 wurde die Wohnungsgemeinnützigkeit abgeschafft. In den Nullerjahren hat Berlin, genau wie andere Länder und der Bund, viele Wohnungen an Private-Equity-Investoren und private Wohnungsunternehmen verkauft. Vonovia ist heute mit etwa 550.000 Wohnungen das größte in Deutschland.

taz: Solche Unternehmen verwenden die Mieteinnahmen vor allem, um die Konten der Aktionäre zu füllen. Der Verein Finanzwende hat Beispiele recherchiert, bei denen 40 Prozent der Einnahmen an die Anteilseigner gehen, nur ein Viertel fließt in die Bewirtschaftung der Häuser. Ist das legal?

Eichstädt-Bohlig: Das ist nicht nur legal. Finanzmarktorientierte Unternehmen sind verpflichtet, möglichst hohe Renditen zu erwirtschaften. Wenn nicht, werden sie von den Aktionären abgestraft. Preissteigerung und Wertabschöpfung ist ihr Wirtschaftsprinzip. Und es gibt einen fatalen Mechanismus: Aktiengesellschaften, Fonds und Schattenbanken müssen den Boden nach Marktwert bilanzieren.

taz: Was ist das Problem dabei?

Eichstädt-Bohlig: Steigen die Bodenpreise, steigt die Bilanzsumme und damit auch die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens. So können sie weitere Wohnungen kaufen. Mit realwirtschaftlich verträglichen Werten hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Als 2022 die Null-Zins-Politik endete, sanken die Bodenpreise etwas. Und weil die Investoren seither mehr Geld fürs Abzahlen der Kredite brauchen, ist der Druck auf die Mieten sogar noch einmal drastisch gestiegen.

Baukasten für bezahlbares Wohnen

Baukasten für bezahlbares Wohnen: Die Autorin kennt sich bestens aus bei allem, was mit Mieten und Stadtentwicklung zu tun hat. Und so ist das Buch „Grundeigentum verpflichtet – Warum wir eine gemeinwohlorientierte Bodenpolitik brauchen“ (330 Seiten, im Oekom-Verlag erschienen) von Franziska Eichstädt-Bohlig eine ertragreiche Lektüre für alle, die sich auf dem Feld politisch und zivilgesellschaftlich engagieren wollen.

Die Architektin, ehemalige Baustadträtin in Kreuzberg und grüne Bundestagsabgeordnete erklärt nicht nur, wie die für viele Menschen katastrophale Lage auf dem Wohnungsmarkt entstanden ist und schont dabei auch ihre eigene Partei nicht. Vor allem aber liefert sie konkrete Vorschläge, was jetzt auf gesetzlicher und kommunaler Ebene geändert werden müsste und könnte. Dabei geht es ihr sowohl um bezahlbares Wohnen als auch um Klima- und Naturschutz in den Städten.

Gedreht werden müsste an vielen Schrauben. Das reicht vom Steuer-, Unternehmens- und Planungsrecht bis hin zu den Berechnungsgrundlagen für Mietenspiegel und Bodenrichtwerten. Dass manche Sachverhalte im Buch mehrfach Erwähnung finden, macht durchaus Sinn, weil sich Le­se­r*in­nen so gezielt bestimmte Aspekte heraussuchen können, die für sie besonders relevant sind. Jedes Kapitel endet außerdem mit einer Zusammenfassung: Was ist zu tun? Ein Buch mit hohem Informationsgehalt und Nutzwert. Annette Jensen

taz: Wie entstehen denn Bodenrichtwerte?

Eichstädt-Bohlig: Ein Bundesgesetz schreibt vor, dass ein Gutachterausschuss die Kaufpreise für Grundstücke in einem Gebiet zusammenträgt. Dann werden die jeweils oberen und unteren 30 Prozent weggestrichen. Daraus ergibt sich der Bodenrichtwert – und an dem orientieren sich die Verkäufer. Die finanzmarktorientierten Unternehmen besitzen laut Mikrozensus zwar nur 15 Prozent der Mietwohnungen. Aber ihre Preistreiberei breitet sich wie eine Welle auf den gesamten Markt aus, weil auch andere Verkäufer sich daran orientieren.

taz: Die Initiative Deutsche Wohnen enteignen will eine zweite Volksabstimmung, nachdem der Senat auf die erste nicht reagiert hat. Was bedeutet es, wenn sie erfolgreich ist?

Eichstädt-Bohlig: Ich habe den Volksentscheid damals auch aus Wut über die falsche Wohnungspolitik unterschrieben, obwohl ich von Anfang an wusste, dass eine Enteignung praktisch nie funktionieren wird.

taz: Aber warum nicht?

Eichstädt-Bohlig: Wer mit dem Enteignungsrecht beruflich schon mal zu tun hatte, hält das Vorhaben für eine Illusion. Der Gesetzentwurf der Initiative will die Finanzierung mit über 100 Jahren Schuldentilgung leisten, was äußerst unrealistisch ist. Organisatorisch soll die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Wohnen und Bauen zuständig sein. Die müsste herausfinden, wo sie die Wohnungen findet, denn diese Unternehmen verwalten ja keine Wohnungen, sondern sie verwalten Subunternehmen, in denen Wohnungen stecken. Vonovia listet in ihrem Geschäftsbericht 2024 rund 500 Subunternehmen in Deutschland auf – aber in welchem Subunternehmen wie viele und welche Wohnungen stecken: nobody knows.

taz: Was schlagen Sie vor?

Eichstädt-Bohlig: Neben der höheren Besteuerung von Vermögen und dem Schließen zahlreicher Steuerschlupflöcher für Reiche sind aus meiner Sicht drei Punkte vordringlich: das harte und klare Regulieren des Mietrechts und der Wucherparagrafen, die Begrenzung und Senkung der Bodenpreise durch eine andere Ermittlung der Bodenrichtwerte und eine veränderte Bilanzierung von Wohnungsunternehmen.

taz: Der Reihe nach: Was müsste sich beim Bilanzrecht ändern?

Eichstädt-Bohlig: Der Rechtsprofessor Stefan Klinski hat vorgeschlagen, dass Berlin finanzmarktbasierte und unseriöse Unternehmen vom Wohnungsmarkt ausschließt. Weil Berlin formal für Wohnungen zuständig ist, könnte das Land vorgeben, dass Wohnungsunternehmen nach dem traditionellen deutschen Handelsrecht bilanzieren müssen. Bezahlbares Wohnen braucht einen anderen Rhythmus der Hausbewirtschaftung als Finanzmärkte, es braucht die dauerhafte Bestandshaltung und die Verbindung von sozialer Verantwortung und solider Wirtschaftlichkeit.

taz: Wie sähe ein neues Mietrecht aus?

Eichstädt-Bohlig: Man muss das Mietrecht nicht generell ändern, aber stringente Zahlen für die Mietpreisbremse vorgeben und die Berechnungsgrundlagen für den Mietenspiegel ändern. 20 Prozent Mietsteigerung sind zu viel, wenn der Quadratmeter schon 10 bis 15 Euro kostet. Auch die absurden Befristungsklauseln für angespannte Wohnungsmärkte müssen weg. Außerdem sind verbindliche Beratungsangebote und Kontrollen in den Kommunen notwendig, weil die Menschen es nicht alleine schaffen, sich gegen zu hohe Ansprüche der Vermieter zu wehren.

taz: Und was ist mit dem Wucherparagrafen?

Eichstädt-Bohlig: Wer bei Neuvermietungen 20 Prozent mehr als die ortsübliche Vergleichsmiete verlangt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Bislang muss der Mieter selber dagegen vorgehen. Strafrechtlich relevant sind 50 Prozent Mietüberschreitung. Frankfurt am Main war die erste Stadt, die das angewandt hat. Und in Friedrichshain-Kreuzberg musste eine Vermieterin wegen überhöhter Miete 26.000 Euro Bußgeld bezahlen und der Mieterin zusätzlich 22.000 Euro zurückerstatten. Damit ist erstmals in Berlin ein Fall von Mietwucher rechtskräftig entschieden worden. Das muss jetzt wegweisend werden.

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8 Kommentare

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  • Aurego sagt, die Renditen müssten stimmen. Dann klappe es auch mit dem Kaufen, Bauen und Mieten (von mir leicht geändert...).

    Alles Quatsch. Wenn es um Renditen geht, leben in Zukunft noch mehr Menschen unter Brücken.

    Lasst uns lieber Erbschafts- und Vermögenssteuer auf einen sinnvollen Stand bringen, damit Brücken (damit die darunter wohnenden nicht irgendwann erschlagen werden), Häuser, Schulen etc. sanieren und neue Wohnhäuser auf ein Mindestmaß reduzieren (nicht noch mehr graues CO2 produzieren). Und, mit das Wichtigste: die Mieter-Vermieter-Beziehung durch ein wie auch immer gearteten System auf Augenhöhe bringen. Mieter, die sich trauen, ihrem Vermieter ans Bein zu pinkeln? Dass ich nicht lache.



    Nur, wenn von vorn herein geklärt ist, dass die Miete OK ist, dass der Zustand der Miete entspricht (und auch, dass der Zustand der Wohnung nach Auszug immer noch OK ist, Thema: Mietnomaden), kann es funktionieren. Und, ehrlich, Vonovia und Deutsche Wohnen und wie sie alle heißen, gehören nichts desto trotz enteignet. Und zwar ohne jede Entschädigung. Die haben sie im Laufe der Jahre durch die - mir kommen die Tränen - viel zu "niedrigen" Renditen längst erhalten.

  • MieterInnen sind Freiwild. Aber auch die Diskussionen in den Medien werden oft falsch geführt. Oft wird von gestiegenen Baukosten und "überzogenen" Umweltforderungen geredet. Dabei wäre das, wenn überhaupt, nur ein Thema beim Neubau. Aber dass JournalistInnen hier immer wieder reinfallen und nicht klarmachen, dass es bei Wohnungsbestand natürlich NULL beiträgt, sit schlimm.

    Vermieter können weitestgehend verlangen, was sie wollen. So wäre es auch, wenn man die Luft privatisieren würde. Wohnen ist kein Luxus, sondern muss Teil der öffentlichen Daseinensvorsorgen sein.



    Der Mietspiegel ist ein absurder Witz, denn er steigt durch die Mieterhöhungen ja permanent mit. Mieterhöhungen im Bestand müssten wenigstens als Obergrenze durch die Inflation begrenzt sein. Alles oberhalb 2%/Jahr ist Wucher.

    Von den ganzen Gesetzeslücken wie ungerechtfertigt hohen "Leistungen" bei den Nebenkosten und angeblichen Renovierungen, die dann umgelegt werden, ganz abgesehen.

    Dieser ganze Sumpf gehört ausgetrocknet und ein angemessener Anteil des Wohnraums muss zurück in öffentliche Hand überführt werden. Genossenschaften sind ebenfalls eine gute Alternative.

    Unser Grundgesetz gebietet es!

  • "... aber in welchem Subunternehmen wie viele und welche Wohnungen stecken: nobody knows. ..." Dies und auch die Tatsache, das irgendwelche "unbekannten" Investoren oder Offshore Gesellschaften hier direkt oder über Strohfirmen Firmenanteile und Grundstücke erwerben können muss grundsätzlich unterbunden werden. Neben Unternehmen wie Vonovia profitieren davon doch nur Steuerhinterzieher und die OK einschliesslich Verbrechern aus Regimen wie Russland und Iran, die ihre Gelder damit waschen.

  • Der Wohnungsmarkt wird sich genau dann entspannen, wenn die Mieten so weit gestiegen sind, dass wir wieder Nettomietrenditen von 3,5 bis 4% sehen - auch in Berlin. So einfach ist das, denn um einen Immobilienkauf mit 6% Annuität zu finanzieren, benötigt man so hohe Nettomietrenditen. Im Jahr 2012 hatten wir solche Mietrenditen noch - bei ähnlichen Baufinanzierungszinsen.

    Dieselben Probleme wie in Berlin haben wir übrigens auch in New York.

    • @Aurego:

      Ja, weil sich renditeorientierte Finanzmarktunternehmen, welche reichen Anteilseignern hörig sind, dann zufrieden geben und nicht versuchen den Gewinn noch weiter zu maximieren, eh? 🙃

  • Die Stadtplanerin Frau Eichstädt-Bohlig meint das der von Hern Merz angedache Bauturbo nichts bring. Liegt das daran das sie Politikerin der Grünen ist. der Bauturbo ist einer von mehren Massnahmen, komt aber nicht von den Grünen.

    Der OB von Köln Torsten Burmester SPD

    www.stadt-koeln.de...n/28149/index.html

    Mit dem Bau-Turbo haben wir ein weiteres Instrument, einer der wesentlichen Herausforderungen unserer Gegenwart zu begegnen – der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Wir werden dieses neue Instrument des Baugesetzbuches umfassend nutzen, um schneller Planungsrecht zu schaffen und dadurch den Bau von bezahlbaren Wohnungen zu ermöglichen.

    • @Martin Sauer:

      Nein. Es liegt daran, dass es stimmt. Es geht nicht um die Schaffung von weiteren Luxuswohnungen, sondern um die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Und den bekommt man mit einem Mietendeckel, aber nicht, indem man die Bauwirtschaft und die Wuchervermieter weiter pempert.

  • Endlich mal jemand, welchen man nicht unbedingt der Vermieter-Lobby zurechnen darf, der klar sagt, das diese Enteignungsphantasien nicht funktionieren. Was den meisten eigentlich schon immer klar war. Denn wenn ich mal den eigenen Standpunkt betrachte, so möchte ich im Falle einer Enteignung z.B. wegen Straßen- oder Radwegebau nicht in 20, 50 oder 100 Jahren eine Entschädigung sehen, sondern sofort und in einer Summe. Und ein Wohnungsbaukonzern wird wohl auch eher zu diesem Standpunkt tendieren, sollte es jemals so weit kommen.