Transformation statt Neubau: Die bestmögliche Stadt

„Architektur passiert, wenn Menschen darin leben“, so Jean-Philippe Vassal. Gemeinsam mit Anne Lacaton hat er nun den Pritzker-Preis erhalten.

Ansicht des „Latapie House“ (1993) in Floirac von Lacaton und Vassal

Zuhause für ein kleines Budget: das „Latapie House“ (1993) in Floirac Foto: Philippe Ruault

Eine endlose Linie am Horizont. Ein kreisrundes Dach aus Stroh, das den Regen ableitet, ein „Gehege“ darum. Daneben ein überdachtes Quadrat mit 9 Stützen, aus dem man in die Landschaft blickt. Eine einfache Hütte auf einer Düne in der Sahara in Niger, einem der ärmsten Länder Welt, in dem die Menschen „fast alles aus nichts herstellen“, so Jean-Philippe Vassal.

Man könnte es als „Projekt 0“ bezeichnen, was das französische Architektur-Duo Lacaton & Vassal 1984 dort aufgestellt hat. „Die Suche nach dem Ort dauerte sechs Monate, der Aufbau zwei Tage, der Wind brauchte zwei Jahre, um es wieder zu zerstören.“

Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal, der von 1980–85 in Niger als Stadtplaner gearbeitet hatte, beschreiben die gemeinsame Zeit in Westafrika als eine, in der sie alles Wesentliche für ihre Arbeit gelernt haben. Improvisation, einfache Konstruktionen und die Erkenntnis, dass Architektur mehr ist als ein Programm auf einem Baugrund.

Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal

Anne Lacaton, geboren 1955 in Saint Pardoux la Rivière in der Dordogne, und Jean-Philippe Vassal, 1954 in Casablanca/Marokko geboren, lernten sich im Architekturstudium an der Ecole d’Architecture de Bordeaux kennen. Gemeinsam lebten und arbeiteten sie bis 1985 in Westafrika. 1987 gründeten sie ihr gemeinsames Büro Lacaton & Vassal in Paris. Ihre Bauten erhielten zahlreiche Preise. Zuletzt gewannen sie den Pritzker-Preis, die höchste Auszeichnung für Architektur. Anne Lacaton lehrt an verschiedenen Universitäten. Jean-Philippe Vassal unterrichtet seit 2012 an der Berliner Universität der Künste (UdK) Entwerfen und Stadterneuerung am Institut für Architektur und Städtebau.

Vassal, der seit 2012 an der Berliner Universität der Künste (UdK) Entwerfen und Stadterneuerung lehrt, bezeichnet das Strohhaus als eines der schönsten Projekte in ihrem gemeinsamen Werk, für das sie gerade mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet wurden. Einem Preis, der eine Architektur würdigt, die „einen bedeutenden Beitrag für die Menschheit und die gebaute Umwelt darstellt“.

In letzter Zeit hatten sie vor allem durch Sanierungen und Umbau von sich reden gemacht. In Bordeaux etwa gestalteten sie 2017 drei große Blocks mit 530 Sozialwohnungen aus den 1960er Jahren neu und wurden dafür 2019 mit dem Mies van der Rohe Award ausgezeichnet.

Der Wohnraum in den drei Riegeln, 10 bis 15 Geschosse hoch und von insgesamt 360 Metern Länge und knapp 10 Metern Tiefe, sollte größer und heller werden und für die Gebäude eine weitere Lebenszeit von mindestens 50 Jahren gesichert werden. Dafür ersetzten sie die Lochfassade durch eine Glasfront, der eine simple Konstruktion nach dem Prinzip Wintergarten vorgestellt wurde.

Eine klimatische Pufferzone, die im Sommer die Wohnfläche vergrößert und im Winter Heizkosten spart. Damit reagierten sie programmatisch auf einen Plan der französischen Regierung, die 2004 beschloss, 200.000 Wohngebäude aus den 1960er und 70er Jahren abzureißen und durch Neubau zu ersetzen. Ihr Wettbewerbsbeitrag setzte als einziger auf Erhalt – und gewann.

Ein Holzhaus im Glashaus

Zu dem Konzept der einfachen Konstruktion und der klimatischen Pufferzone kamen sie schon mit ihrem ersten Auftrag. Für eine vierköpfige Familie mit kleinem Budget entwarfen sie 1993 nach dem Vorbild üblicher Gewächshäuser ein einfaches Glashaus, das um ein Holzhaus herum gebaut wurde, die „Maison Latapie“ in Floirac – mit Material, das in jedem Baumarkt erhältlich ist.

Mit dem Klima spielen, es nicht bekämpfen und mit weniger mehr erreichen: weniger Dämmung, weniger Beton und verschwendete Ressourcen. Dafür mehr Verbindung nach außen. Sonnenlicht im Winter, Schatten im Sommer. Lacaton & Vassal haben in ihrer gemeinsame Laufbahn kein einziges Haus abreißen lassen. Abriss begreifen sie als Akt der Gewalt. Genauso wie das Fällen von Bäumen und unnötige Eingriffe in die Umwelt.

Damit würdigt der Pritzker-Preis auch eine Haltung, die sich der Abriss- und Neubauwut entgegenstellt, wie ihn etwa ein in Deutschland gerade diskutierter „Energieeffizienz-Erlass“ für Bauten in öffentlicher Hand zur Folge haben könnte, weil er nicht den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes in den Blick nimmt, sondern lediglich die Verbrauchskosten im Betrieb.

„Wir glauben, wenn es um Energieeffizienz geht oder soziale Probleme, muss man andere Antworten finden als Abriss. Für die Idee der Nachhaltigkeit ist der Erhalt bestehender Bausubstanz zentral“, so Vassal im Interview. „Transformation ermöglicht, auf Bedürfnisse wirtschaftlicher und besser einzugehen. Auch, wenn die Wohnbedingungen in Hochhaussiedlungen manchmal unbefriedigend sind, liegen in ihnen Qualitäten und ihr räumliches Potential ist wertvoller Ausgangspunkt für eine radikale Verbesserung unserer Wohnbedingungen.“

Eine politische Frage

Partizipation ist auch ein entscheidendes Element seiner Lehre. Ob sich auch Menschen mit geringeren Einkommen in Zukunft noch leisten können, in Innenstädten zu wohnen – mit einer Lebensqualität, die ihnen Intimität und Ruhe gibt –, ist für Vassal eine politische Frage.

„Das Material ist nicht entscheidend. Architektur muss sich der Situation anpassen. Das eigentliche Material ist Raum, Luft, Licht und Bewegung. Architektur passiert, wenn Menschen darin leben.“ Seinen Studenten vermittelt er: „Kümmern Sie sich um Menschen, Gebäude, Bäume, Tiere, mit Präzision, Freundlichkeit und Großzügigkeit. Es gibt keine Tabula rasa, wir beginnen mit der ganzen Komplexität, dem Reichtum den Störungen und Qualitäten der Stadt.“ Aus diesen Details entsteht eine Stadtentwicklung von unten nach oben. „Denn all das zusammen bildet die Stadt.“

Ansicht der Pufferzone nach Umbau eines Hochhausriegels in Bordeaux (2017)

Sonnenlicht im Winter, Schatten im Sommer: Transformation von 530 Wohneinheiten in Bordeaux (2017) Foto: Philippe Ruault

Coronabedingt findet der Unterricht in Berlin seit über einem Jahr nur online statt. Dabei ist der Austausch von Ideen und Erkenntnissen zentral. Und der Appell, absolut neugierig zu sein, sich Zeit zu nehmen. Was ist da? Welche Leben werden dort gelebt? Welche Erinnerungen stecken bereits im Bestehenden? Was wird gebraucht? Was könnte man tun? Sollte man Land verschwenden? Für wen arbeite ich?

Aus vermeintlichen Notwendigkeiten befreien

Berlin war ein Wunschziel Vassals und beeinflusste seine Entscheidung, noch einmal einen Lehrauftrag anzunehmen. Die Stadt sei etwas Besonderes, „wegen ihrer Geschichte, der Architektur der Moderne und der Fragen, die sich im Hinblick auf Stadtentwicklung stellen“. Auch partizipative Prozesse haben sich hier eingespielt.

„Und die Arbeiten der Studentinnen* sind unglaublich gut! Wir müssen darauf vertrauen, dass eine junge Generation etwas an den eingefahrenen Wegen ändert, sich aus rigiden Rahmen vermeintlicher Notwendigkeiten befreit. Architekten können neue Möglichkeiten eröffnen, die sich an Wünschen, Träumen und Erfahrungen orientieren.“

Beispielhaft für Berlin sei das „Ökohaus“, das Frei Otto im Rahmen der IBA 1987 von Architektinnen* in Zusammenarbeit mit zukünftigen Bewohnerinnen* entwerfen lies – orientiert an den Preisen für den sozialen Wohnungsbau. Mehr als 30 Familien fanden ein Zuhause in einem Neubau, für den kein einziger Baum gefallen ist. Eine Strategie, die gerade im hoch verdichteten Raum Großstadt Antworten auf die Frage bereithält, wie wir heute zusammenleben können.

Verpasste Chancen

„Wir reden oft von Partizipation, hier fand sie vom ersten Moment an statt. Für mich war es das einzige Projekt der IBA, das nicht nur an die Geschichte Berlins anknüpfte, sondern offen war für die Zukunft. Auch wenn man es als etwas bourgeois kritisieren könnte.“ Ottos „Ökohaus“ inspirierte Lacaton und Vassal zu weiteren partizipativen Projekten. Einen Sozialwohnungskomplex in Mulhouse und den Bau der Fakultät für Architektur in Nantes. Dafür übersetzten sie diese Prozesse in die heutige Zeit.

Über die Entwicklungen in Berlin zeigt sich Jean-Philippe Vassal enttäuscht und verweist auf den Neubaukomplex nördlich des Hauptbahnhofs: „Die Europacity ist ein Beispiel dafür, dass man 30 Jahre alten Masterplänen folgt, obwohl Prognosen nicht eingetroffen sind. Eine verpasste Chance, guten Wohnraum zu schaffen.

Die Menschen kamen einmal in diese Stadt, weil sie weltweit einzigartig war, mit all dem Raum, dem Grün, seinem ‚urban jungle‘ – und nun sieht sie immer mehr aus wie irgendeine Standardstadt. Die Europacity ist gebaute Leere. Ohne Leben, ohne Identität. Man darf Stadtentwicklung nicht den In­ves­to­r*in­nen überlassen.“ Eine große Chance sieht er in der Zusammenarbeit mit den Kommunen. „Damit ein Leben innerhalb der Stadt bezahlbar bleibt und wir gemeinsam Stück für Stück die bestmögliche Stadt gestalten.“

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