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Transfeindlichkeit im AmateurfußballZum Zuschauen verdammt

Ein Trainer drängt einen trans* Spieler aus der Berlin-Frauenliga. Das Urteil des Verbandsgerichts sorgt für breiten Widerstand am Spielfeld.

Eine Spielerin bedankt sich bei den solidarischen Fans Foto: Piotr Pietrus

Am Fußballplatz in Berlin-Neukölln stehen am Mittwochabend etwa 150 Menschen. In ihren Händen halten sie Regenbogen- und Pride-Flaggen. Bei Nieselregen laufen die 14 Fußballerinnen der Frauenteams von DJK FFC Britz und FC Nordost Berlin auf das Spielfeld. Der Schiedsrichter zählt noch einmal durch und pfeift an.

Doch jemand fehlt im Team. Im Hinspiel stand J. noch auf dem Platz, heute sitzt er das gesamte Spiel auf der Bank, zum Zuschauen verdammt.

Der Redaktion liegen die echten Namen der unfreiwilligen Protagonisten vor. Um sie zu schützen, wird die Geschichte unter veränderten Buchstaben erzählt. Nicht einmal Fußballschuhe trägt er. Ihm wurde schlicht das Recht entzogen, das zu tun, was er seit 2009 beim FC Nordost Berlin tut: kicken.

Zehn Meter weiter steht der Trainer des Gegnerteams, dessen Klage eine juristische Lawine ins Rollen brachte, an deren Ende J. als trans* Mann vom Spielbetrieb der Frauen ausgeschlossen wurde.

„Diese Begegnung wird nicht schön sein. Wir sind alle ganz schön angespannt“, sagt Trainerin Patricia Pokorny vor dem Anpfiff der taz. Das Spiel ist der zwischenzeitliche Höhepunkt einer Geschichte über die juristische Sezierung von Intimsphäre am grünen Tisch, das existenzielle Risiko von trans* Sichtbarkeit im Amateursport und ein gespaltener Berliner Fußballverband (BFV) zwischen progressiven Ansätzen und einer repressiven Realität.

Die Fans bekennen Farbe mit Pride-Flagge und Banner Foto: Piotr Pietrus

Jede Person sollte selbst entscheiden

2019 hatte der BFV als deutschlandweiter Pionier ein sogenanntes tin* Spielrecht für trans-, inter- und non-binäre Personen im Amateurfußball eingeführt. Im Mittelpunkt sollte die Teilhabe und Selbstbestimmung der Einzelperson stehen. Da eine Transition ein höchst individueller Prozess sei, sollte jede Person selbst entscheiden, ob sie lieber in einem Frauen- oder in einem Männerteam spielen möchte.

J. entschied sich als trans* Mann für die Spielberechtigung im Frauenteam des FC Nordost. Die Freude am Fußball stand an erster Stelle. Gerade auch, weil der Verein und das Team J. einen Schutzraum boten: „Für uns ist egal, wie ein Mensch aussieht. J. wurde bei uns nie irgendwie anders gesehen“, sagt Trainerin Pokorny.

In den Verbandsstatuten steht, dass Beginn und Abschluss der Transitionsphase allein die Person in Abstimmung mit einer Vertrauensperson des BFV bestimmt. Auf der Internetseite heißt es in fettgedruckten Lettern: „Deshalb ist es nicht möglich, die Transition von außen als beendet einzuschätzen.“

Die Realität auf dem Spielfeld sollte anders aussehen. „Uns begleitet das fast bei jedem Punktspiel, dass da irgendwelche blöden Äußerungen über meine Spieler kommen“, sagt die Trainerin. So auch im November 2025. Nordost gewann das Hinspiel gegen Britz mit 4:1, doch die Partie wurde schnell zur Nebensache. „Da fing der Trainer schon an mit: Da spielen ja Männer. Die haben ja gar kein Spielrecht“, gibt Pokorny die Anfeindungen wieder. „Also da hat er schon sehr transfeindlich gegenüber meinen Spielern gesprochen.“

Nach dem Spiel Einspruch eingelegt

Karsten Kube, der Trainer der Britzer Mannschaft, sah sein Team und sich durch die trans* Gegenspieler unfair behandelt. Er legte nach dem Spiel Einspruch gegen die Spielwertung ein und forderte, dass man J. sein Spielrecht für die Frauenliga entziehen müsse.

Was folgte, gleicht einer Materialschlacht, die J. vor Gericht zerrte und jeden erklärbaren Rahmen sprengt. Auf der einen Seite Kube, der sich als Verteidiger des „fairen Wettbewerbs“ und als Schutzpatron der „biologischen Frauen“ inszeniert. Während er J. zu einer vermeintlichen körperlichen Übermacht degradiert und dessen Identität als einer rein juristischen Angelegenheit begegnet.

Weil J. in Interviews 2022 offen sagte: „Ich fühle mich als Mann“, strickt Kube daraus eine „konkludente Willenserklärung“ nach Bürgerlichem Gesetzbuch: Wer sich öffentlich bekennt, habe seine Transition als beendet erklärt und damit sein Spielrecht bei den Frauen verwirkt.

Auf der anderen Seite stehen Nordost, die Vielfaltsbeauftragten sowie Vertrauenspersonen des BFV und Vertreter des LSVD+ Verbandes Queere Vielfalt. Ihre Verteidigungslinie ist so simpel wie essenziell: die Würde des Menschen und das Recht auf Selbstbestimmung. Alle argumentieren, dass eine soziale Transition, wie die Namens- oder Pronomenwahl, rein gar nichts über den medizinischen Status aussagt. Sie verteidigen das tin* Spielrecht als einen Raum, in dem der Mensch zudem selbst entscheidet, wer er ist, und nicht ein gegnerischer Verein. Die Identität sei ein grundrechtlich geschützter Kernbereich.

Die Argumente, selbst die der Verbandskollegen, fanden beim Verbandsgericht keinen Anklang. Stattdessen wurde den ehrenamtlichen Vertrauenspersonen des BFV eklatante Pflichtverletzungen vorgeworfen, weil sie J.s Status nicht strenger dokumentiert haben. In einem 26-seitigen Urteil verbeißen sich die Richter in einer neuen Auslegung der Meldeordnung und übernehmen die Logik der Kläger. Folglich wertete das Gericht das Hinspiel als Niederlage und erklärte J.s Spielrecht rückwirkend für erloschen.

Nicht einmal ein ärztliches Gutachten

Patricia Pokorny kritisiert die Entscheidungsfindung scharf: „Die haben ihn angeschaut und gesagt: Deine Transition ist beendet und du bist jetzt ein Mann. Die hatten nicht einmal ein ärztliches Gutachten vorliegen.“

Zudem offenbart das Urteil eine ungemütliche Outing-Logik: Wer öffentlich sichtbar lebt, Interviews gibt und seine Identität nicht versteckt, macht sich strukturell angreifbar und verliert im Zweifel sein Spielrecht, da mediale Sichtbarkeit vom Gericht kurzerhand zur juristischen Waffe umfunktioniert wird.

Hinter dem Urteil steht ein gespaltener Verband, der um Schadensbegrenzung bemüht ist. In einer Mail, die der Redaktion vorliegt, versuchte eine BFV-Abteilungsleiterin jüngst die juristische Wucht der eigenen Justiz wieder einzufangen. Sie schreibt Britz und Kube, dass das Urteil ausdrücklich „kein Grundsatzurteil“ darstelle.

Denn wie Pokorny berichtet, nutze Kube seinen juristischen Erfolg nun, um gezielt Stimmung bei anderen Vereinen gegen trans* Spieler von Nordost zu machen. Mit Erfolg: Im März erhob auch der Verein SFC Stern 1900 Einspruch nach einem Spiel gegen einen weiteren Nordost-Spieler. K. reichte aktuelle medizinische Nachweise sowie eine kürzlich erfolgte Namensänderung ein und behielt sein Spielrecht. Hier lässt sich unscharf die neue Linie der Verbandsjustiz erkennen. Doch wovor der BFV schützen wollte – eine Bewertung der Transition von Dritten in einer vulnerablen Lebensphase – scheint längst überholt zu sein.

Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen

Am 22. Juni soll in einer Beiratssitzung ein erster Antrag zur Meldeordnung bearbeitet werden. Der BFV tut gut daran, das regulatorische Vakuum in der Meldeordnung spätestens dann zu füllen. Denn die Verfahren haben längst hässliche Spuren hinterlassen.

Im Austausch mit den Nordost-Verantwortlichen ist neben dem Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen, auch eine große Unsicherheit spürbar. Mit allen Mitteln versucht man, einen zerstörten Schutzraum wieder aufzubauen. Selbst zu Wort kommen wollen die beiden nicht. Unterdessen prüft Nordost die Einleitung weiterer rechtlicher Schritte.

Zurück auf dem Spielfeld am Mittwochabend: Frenetischer Beifall ertönt bei jeder Spielaktion von Nordost. „Eigentlich wollte ich hinfahren und mich einfach nur auf den Rasen setzen“, sagt Pokorny leise. „Dass wir spielen, liegt daran, dass wir jetzt sehr viel Support haben.“ In den Fangesängen mischen sich fußballtypische Schlachtrufe mit Parolen gegen Transfeindlichkeit.

Als Reaktion auf die Verfahren und die drohende Diskriminierungswelle anderer Personen mit tin* Spielrecht hat sich ein solidarisches Netzwerk zusammengefunden. An einem Zaun hängt ein Banner, auf dem steht: „Was ist denn mit Karsten los? Cis-Männer raus aus unserer Liga!“ Hier wird nicht nur die Logik von Karsten Kube umgekehrt, sondern auch an ein altbekanntes Internetmeme erinnert. An einen Karsten, der sich im wahrsten Sinne des Wortes verrannt hat. Das Banner wirft darüber hinaus eine berechtigte Frage auf: Wofür kämpft Kube so unerbittlich?

Weitere Fragen ergaben sich in der Recherche: Geht es ihm wirklich um Gesundheitsschutz, wenn er selbst schon eine schwangere Spielerin auf den Platz schickte? Wie rechtfertigt er sein aggressives Verhalten, das sogar die eigene Tochter laut Nordost „bescheuert“ nannte? Und wie bewertet er eigentlich die massiven Vorwürfe der Transfeindlichkeit?

Wer auf Antworten hofft, läuft allerdings ins Leere, denn Kube weicht der direkten Konfrontation konsequent aus. Interviewanfragen der taz lehnt er ab, für Presseakkreditierungen verweist er formaljuristisch an das Bezirksamt Neukölln und für das Aktionsspiel bestellte er kurzerhand die Polizei als personifizierten Objektschutz. Kurzum, der Trainer beweist wiederholt ein meisterhaftes Gespür dafür, hinter welchen behördlichen Schutzschilden und Paragrafen man sich am sichersten verstecken kann.

Nordost schießt das 1:0. K. feiert mit seinen Mitspielerinnen auf dem Platz. J. jubelt von der Bank. Ab nächster Saison wird er offiziell als Co-Trainer auftreten.

Britz gewinnt das Spiel am Ende mit 5:1. Eine Zuschauerin fasst treffend zusammen: „Ich glaube, es ist heute scheißegal, wer gewinnt.“ In einem Moment jubelt Kube demonstrativ Richtung Gegnerbank. Dann verharrt sein Blick im Fahnenmeer.

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