Tote bei Angriff auf Kleinstadt: Russlands neue Drohungen
Einen Angriff im russisch besetzten Luhansk nutzt Kremlchef Putin, um die russische Militärstärke zu loben. Doch die Realität zeichnet ein anderes Bild.
Foto: Alexey Nikolskiy/imago
In der vergangenen Woche seien 50 russische Zivilist*innen getötet und 200 verletzt worden. Diese Zahl nannte am Dienstag früh Rodion Miroschnik. Er ist der Sonderbeauftragter des russischen Außenministeriums für die Verbrechen des Kyjiewer Regimes, so seine offizielle Amtsbezeichnung. Für Verbrechen des russischen Regimes hingegen gibt es weder in seinem noch in einem der anderen Ministerien zuständige Personen. Verantwortliche und Schuldige findet man auf der anderen Seite dagegen schon.
In der Nacht auf den 22. Mai war die Kleinstadt Starobilsk im von Russland besetzten Luhansker Gebiet Ziel eines ukrainischen Angriffs. Ein Wohnheim und das Lehrgebäude des örtlichen Berufsbildungszentrums, einer Filiale der pädagogischen Universität Luhansk, hatte es schwer getroffen. Unter den Trümmern starben 21 Studierende, größtenteils junge Frauen zwischen 18 und 21 Jahren. Sie gehörten zum ersten Abschlussjahrgang seit Beginn des vollumfänglichen russischen Angriffskriegs.
Am selben Tag trat Präsident Wladimir Putin vor Absolventen des ersten Durchgangs von „Zeit der Helden“ auf. So nennt sich ein Bildungsprogramm, das Frontkämpfer zu systemtreuen Anhängern des Regimes umbilden soll. Nach zwei Jahren haben es 70 der ausgebildeten 82 Kriegshelden geschafft.
In seiner Rede nahm er Bezug auf Starobilsk und wandte sich direkt an Soldat*innen der ukrainischen Streitkräfte: „Befolgt keine verbrecherischen Befehle der illegitimen, korrupten Junta, sonst macht ihr euch selbst zu Komplizen dieser Verbrechen.“
Details zu Angriff auf Staroblisk fehlen
Tatsächlich ist bislang ungeklärt, wie es zu den Einschlägen in dem Gebäudekomplex kommen konnte. Der ukrainische Generalstab teilte auf seinem Telegram-Kanal lediglich mit, dass das Ziel eines der Hauptquartiere der russischen militärischen Spezialeinheit „Rubikon“ gewesen sei. Dieses Quartier liegt in der Nähe von Starobilsk und von hier aus würden regelmäßig zivile Objekte auf ukrainischem Gebiet angegriffen.
Russland erlaubte westlichen Nachrichtenagenturen wie Reuters und AFP, den Angriffsort zu besuchen. Unklar bleibt trotzdem, ob es ein Versehen von ukrainischer Seite gewesen war.
Putin glaubt indes, wie er in seiner Rede verlauten ließ, die Gründe für den Vorfall zu kennen. Er spricht von „ständigen Rückschlägen an der Front“, die Lage für die ukrainischen Streitkräfte habe sich allmählich „von einer schwierigen und kritischen in eine katastrophale“ gewandelt.Nur verweist die Faktenlage auf das exakte Gegenteil. Russlands minimaler Gebietsgewinn entlang Teilen der Frontlinie geht einher mit Kontrollverlust an anderer Stelle. Jetzt schwenkt die russische Führung voll auf Eskalationskurs. Der massive Angriff auf Kyjiw vom Wochenende könnte nur der Vorgeschmack gewesen sein.
Vorwarnung für US-Personal
Russlands Geduld sei „überstrapaziert“, teilte das Außenministerium am Montag in einer Erklärung mit. „Unter den gegebenen Umständen beginnen die Streitkräfte der Russischen Föderation mit der konsequenten Durchführung gezielter Schläge gegen Unternehmen des ukrainischen Rüstungskomplexes in Kyjiw.“
Außenminister Sergej Lawrow hatte daraufhin in einem Telefongespräch seinen US-Amtskollegen Marco Rubio von der Erklärung in Kenntnis gesetzt und ihn aufgefordert, das Botschaftspersonal aus der ukrainischen Hauptstadt abzuziehen.
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