Theaterregisseur über Gorki-Theater: „Ich verliere mein künstlerisches Zuhause“
Nurkan Erpulats letzte Inszenierung am Gorki Theater feiert Samstag Premiere. Sein postmigrantisches Theater prägte Shermin Langhoffs Intendanz.
taz: Nurkan Erpulat, mit welchen Emotionen gehen Sie in die Proben für Ihre letzte Inszenierung an diesem Haus?
Nurkan Erpulat: Mit gemischten Gefühlen. Ich verliere mein künstlerisches Zuhause. Das tut weh. Dass etwas Neues kommt, empfinde ich andererseits nicht als schlecht. Es ist vielleicht sogar nötig. Ich bin aber auch skeptisch, ob das Neue wirklich besser wird.
taz: Vor 13 Jahren war Ihre erste Inszenierung hier auch die Eröffnungsinszenierung der Intendanz von Shermin Langhoff. Tschechows „Kirschgarten“ war eine Familiengeschichte aus der russischen Provinz. Jetzt geht Ihre letzte große Inszenierung in der letzten Spielzeit von Langhoff mit Katerina Poladjans „Zukunftsmusik“ wieder in die russische Provinz. Schließt sich ein Kreis?
Nurkan Erpulat kam 2013 gemeinsam mit Intendantin Shermin Langhoff als Hausregisseur ans Berliner Gorki Theater. Aktuell erarbeitet er seine letzte Inszenierung am Haus, die Uraufführung „Zukunftsmusik“ nach dem Roman von Katerina Poladjan. Das Stück feiert am 24. 1., 19.30 Uhr, Premiere.
Erpulat: Auf eine Art ja. „Der Kirschgarten“ erzählt von Umbruchzeiten, davon, wie das Alte nicht mehr funktioniert, das Neue sich aber auch noch nicht durchgesetzt hat. Was das Neue ist, weiß man auch noch nicht so genau. Es gibt nur das Gefühl, dass es kommen wird und kommen muss. In „Zukunftsmusik“ reden wir von dem Tag, an dem Tschernenko starb …
taz: … das damalige Staatsoberhaupt der Sowjetunion und unmittelbarer Vorgänger vom Reformer Gorbatschow …
Erpulat: Im Fernsehen lief „Schwanensee“, wie immer, wenn ein großer Parteiführer starb. An dem Tag wurde klar, es wird eine Änderung geben. Es gab auch ein großes Bedürfnis danach. Diese Parallele des Umbruchs sehen nicht nur wir. Auch Katerina Poladjan zitiert in ihrem Roman immer wieder den „Kirschgarten“.
taz: Auch wir befinden uns aktuell in einer geopolitischen Umbruchsituation. Spielt das eine Rolle in der Inszenierung?
Erpulat: Das schwingt immer mit, ja, im Roman wie in der Inszenierung. Aber wir beziehen uns nicht explizit darauf. „Zukunftsmusik“ beginnt mit einem Trauermarsch. Und es soll mit einem Konzert enden. In diesem musikalischen Bogen bewegen wir uns. Allerdings findet im Roman diese Art Zukunftsmusik nicht statt, und auch in der Inszenierung nicht. Denn wie mag eine Zukunftsmusik klingen in einem Land wie Russland, in dem eine 18-Jährige im Gefängnis landet, nur weil sie auf der Straße ein Lied gesungen hat?
taz: Sie meinen sicher die Sängerin Naoko. Die sang im Song „Kooperative Schwanensee“ die Schwäne herbei, die beim Tod von Moskauer Machthabern im Fernsehen auftauchen und nahm auch ironisch Bezug auf Wladimir Putins berüchtigte Datschenanlage namens „Osero“ (See). Dafür wurde sie verhaftet.
Erpulat: Und weil wir das nicht so stehen lassen wollen im Gorki, wird es nach der Inszenierung noch ein Extra geben, das ich jetzt aber noch nicht verraten möchte.
taz: Was hat sich zwischen diesen beiden russischen Polen, dem „Kirschgarten“ 2013 und „Zukunftsmusik“ 2026, durch das postmigrantische Theater am Gorki in der deutschen Stadtheaterszene, aber auch im Land generell verändert?
Erpulat: Die Narrative und die Perspektiven haben sich geändert. Und darum geht es ja. Theater ist eine Identifikationsmaschine. Und die war, obwohl sie sich selbst als fortschrittlich begriffen hat, auf diesem Auge, also dem für die Wahrnehmung einer postmigrantischen Wirklichkeit, blind. Es braucht andere Protagonisten, um diese bis dahin nicht erzählten Geschichten zu erzählen, Protagonisten auf der Bühne und hinter der Bühne. Die gab es damals nicht. Vor 400 Jahren hat Shakespeare schon gesagt, dass wir die Gesellschaft widerspiegeln müssen auf der Bühne. Dieser Spiegel war in Deutschland ziemlich krumm. Das hat sich geändert. Da war das Gorki ein Vorreiter.
Nurkan Erpulat, Regisseur
taz: Als ein Kriterium für eine Öffnung des Theaterbetriebs für migrantische Künstler und migrantische Perspektiven nannten Sie früher mal, wie oft nicht nur die Rolle des Franz Moor, also des bösen Helden aus Schillers „Die Räuber“, sondern auch die des Bruders Karl, des zwar zerrissenen, aber doch als positiv wahrgenommenen Helden, von Spielern mit Migrationshintergrund verkörpert wird. Haben Sie verfolgt, wie in den letzten Jahren der Franz und der Karl Moor besetzt wurden?
Erpulat: Leider nicht. Aber vielleicht sollte ich diese Statistik machen. Es hat sich aber definitiv einiges getan. Eine halbe Stunde vor unserem Gespräch bin ich mit meinen Studenten von der Akademie für Darstellende Kunst Bayern durchs Haus gelaufen und wir sind an der Galerie der Spielenden, die fest im Ensemble sind oder auch oft als Gäste hier waren, vorbeigekommen. Und ich habe ihnen gesagt, dass das, was jetzt selbstverständlich erscheinen mag, was sich in dieser Galerie widerspiegelt, vor 13 Jahren eine kleine Revolution darstellte.
taz: Sind Sie auch mit diesem Geist, wir machen jetzt eine Revolution, 2013 ans Gorki gekommen? Oder war da auch Angst dabei und Respekt?
Erpulat: Ja, all das. Respekt bei mir. Shermin hatte Mut, einen Mut, den ich nicht hatte. Ich hatte ihr sogar abgeraten.
taz: Im Ernst? Warum?
Erpulat: Ich habe gesagt, es ist noch nicht so weit. 99 Plätze im Ballhaus in Kreuzberg – das geht. Aber das hier, auf gar keinen Fall. Mach das nicht. Meine erste Begegnung im Gorki war auch eher speziell.
taz: Inwiefern?
Erpulat: Ich weiß jetzt nicht, ob ich das erzählen soll. Aber gut: Ich wollte in den Hintereingang. Und da gab es noch eine Tür, die führte zu den Bühnenbildern. Ich wurde gleich angeschnauzt von einem Techniker. Ich habe mich sofort entschuldigt, habe gesagt, ich arbeite hier. „Wer sind Sie denn?“, fragte er. „Nurkan Erpulat“, sagte ich. Und er darauf: „Kein Mensch kann das aussprechen.“
taz: Inzwischen dürfte man Ihren Namen aussprechen können, im Haus und darüber hinaus. Wie haben Sie den Umbruch jetzt erlebt, die Ablösung von Shermin Langhoff? Von außen sah es nach schnödem Abservieren aus. Wie haben Sie es wahrgenommen?
Erpulat: Das geht mir auch so! Es war natürlich in den vergangenen 13 Jahren nicht alles perfekt. Gleichzeitig finde ich die Arbeit revolutionär. Wir haben ein tolles Programm gemacht und das Gorki nicht nur deutschlandweit, sondern weltweit ins Spiel gebracht. Im letzten Jahr hatten wir 95 Prozent Gesamtauslastung. Und da empfinde ich es als Schnellschuss, dass diese Arbeit jetzt vorbei ist, und dass auch sehr viele aus dem Haus in ihren Verträgen nicht verlängert werden.
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