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Teilzeit-DebatteDer Verlust, wenn Arbeit (nicht) verweigert wird

Schon vor 120 Jahren wünschten sich die Menschen, weniger zu arbeiten. Von jenen, die diesem Wunsch nachgehen konnten, profitiert unsere Kultur bis heute.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Begriff „Lifestyle“ in der deutschen Sprache noch gänzlich unbekannt. Wohl aber existierte schon damals das heutzutage von der Mittelstands- und Wirtschaftsunion gebrandmarkte Phänomen, die eigene Arbeitszeit so verringern zu wollen, dass sich der Anteil der freien Zeit erhöhe, wobei der Begriff „Teilzeit“ offenbar ungebräuchlich war. Typisch dafür ist eine Episode aus dem Jahr 1908.

In einem dazu erschienenen Bericht über die Teilzeitarbeitsaufnahme zweier Freunde ist nicht die Rede davon, dass dies der Aus-, Fort- und Weiterbildung, der Pflege von Angehörigen oder der Kindererziehung dienlich sein sollte, wie es der CDU-Wirtschaftsflügel ausdrücklich billigt. Nein, die beiden Betroffenen gedachten ganz offen, ihre Arbeitsleistung zu verringern, um ihren privaten Interessen nachzugehen.

Dazu schreibt der eine der beiden Freunde: „Was wir beide mit heißer Inbrunst anstrebten, war ein Posten mit ‚einfacher Frequenz‘ – also Dienst von früh bis 2 oder 3 Uhr mittags und nachmittags frei. Posten im Privatdienst, die Vormittag und Nachmittag Dienststunden hatten, ließen vom Tag nichts Zusammenhängendes mehr für literarische Arbeit, Spaziergänge, Lektüre, Theater usw. übrig.“

Kultur als Lifestyle

Ein klassischer Fall von Lifestyle-Teilzeit also, ein ungerechtfertigter Anspruch, der die Wirtschaft gefährdet, das Land dem Untergang zutreibt und der Verlotterung der Arbeitswelt Vorschub leistet. Der eine Freund arbeitete bald wie gewünscht in Teilzeit als Postbeamter und frönte am Nachmittag seiner Leidenschaft, dem Schreiben.

Der andere Freund, auch er ein Jurist, der 1906 zum Doktor der Rechte promoviert worden war, verdingte sich in Teilzeit bei einer Arbeiterunfallversicherungsanstalt. Ihm gelang seine Freizeitbeschäftigung nur mäßig, denn „dazu bedurfte es einer Folge von vielen Stunden, um den großen Schwung, in den ihn seine schaffende Kraft brachte, sich gehörig steigern und dann wieder abklingen zu lassen“, wie dessen Freund schreibt. Dies aber sei „in dem kurzen Nachmittag“ unmöglich gewesen.

Dem Versicherungsmitarbeiter gelang es infolgedessen nur in seltenen Fällen, seine Romane zu einem Abschluss zu bringen. Als er 1924 in einem Pflegeheim nahe Wien verstarb, hinterließ er eine Reihe unvollständiger Werke. Sein Freund bemühte sich, diese dennoch zu publizieren, doch die Wirkung blieb zunächst auf einen kleinen Kreis beschränkt.

Es wäre geradezu kafkaesk

Der eine Freund, der diese Episode von 1908 knapp 30 Jahre später beschrieb, trug den Namen Max Brod, heute ein nahezu in Vergessenheit geratener Schriftsteller aus Prag, der seine Bücher auf Deutsch verfasste. Brod ist 1939 den Nazis nach Palästina entkommen und 1968 in Tel Aviv verstorben. Sein Freund von der Versicherungsanstalt hieß Franz Kafka.

Würde es nach dem CDU-Wirtschaftsflügel gehen, könnten wir bei der Lektüre der „Verwandlung“ nicht erschauern, den „Process“ nicht atemlos verfolgen und uns im „Schloss“ nicht verlaufen. Ja, den Begriff „kafkaesk“ gäbe es gar nicht. Das aber wäre wirklich kafkaesk.

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