Tagebuch aus Georgien: Das Kreuz und die Queeren
In Tbilisi gibt es weiterhin eine LGBTQ+-Community. Staat und orthodoxe Kirche machen ihr das Leben schwer und doch gibt es auch andere Signale.
N achts steht ein georgisch-orthodoxer Priester mitten auf einer der bei Queers beliebtesten Straßen Tbilisis. Lange schwarze Soutane, grauer Bart. Um ihn herum trinken und rauchen junge Menschen vor den Bars, tanzen, flirten und lachen. Hier, in der Waschlowani-Straße, befindet sich auch die Success Bar, die älteste Schwulenbar Georgiens. Seit 26 Jahren eine Institution.
Der Priester beobachtet das Treiben gelassen. Menschen, die ihn hier häufiger sehen, erzählen, dass er manchmal selbst in eine der Bars geht, um etwas zu trinken.
Für LGBTQ+-Menschen war Tbilisi nie ein Ort, der ihnen viel Sicherheit bot. Doch nachts wurde diese Straße zu einem der wenigen Orte, an denen queere Menschen zumindest für einige Stunden sie selbst sein konnten.
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Nur wenige Schritte entfernt, in der Achwlediani-Straße, befand sich das Büro von Tbilisi Pride. Am 5. Juli 2021 ereignete sich dort einer der symbolträchtigsten Momente in der Geschichte der georgischen Queer-Community.
Marsch der Würde
An diesem Tag sollte in Tbilisi der „Marsch der Würde“ stattfinden, die Abschlussveranstaltung der Tbilisi Pride Week. Doch rechtsradikale Gruppen stürmten das Büro von Tbilisi Pride, rissen die Regenbogenflagge herunter und verwüsteten die Räume. Unter den Teilnehmern der homophoben Proteste befanden sich auch Vertreter des Klerus.
Am selben Tag wurde vor dem Parlamentsgebäude in der Rustaweli-Allee ein Metallkreuz aufgestellt. Es steht dort bis heute – wie ein im Zentrum der Stadt erstarrtes Zeichen dafür, wer und was hier seinen Platz haben soll.
Zwei Jahre später, im Juli 2023, stürmten Gegner von LGBTQ+ eine nicht öffentliche Veranstaltung von Tbilisi Pride und brachten das Festival zum Abbruch. Danach wurde das öffentliche Leben der queeren Community noch zurückhaltender. 2024 verzichtete Tbilisi Pride wegen drohender Gewalt ganz auf öffentliche Veranstaltungen.
Dann wurden die Einschränkungen auch gesetzlich verankert. Im September 2024 verabschiedete das Parlament das Gesetz „Über Familienwerte und den Schutz Minderjähriger“. Es schränkte die Rechte von LGBTQ+-Menschen in zahlreichen Bereichen ein: von öffentlichen Versammlungen und Bildung bis hin zu medizinischen Maßnahmen im Zusammenhang mit einer Geschlechtsangleichung. Auch die Berichterstattung in Medien fiel unter die Beschränkungen.
Orthodoxie und Identität
Besonders wichtig in dieser Geschichte ist die orthodoxe Kirche. Für viele Georgier ist die Orthodoxie nicht nur eine Religion, sondern auch Teil ihrer nationalen Identität. Deshalb hat die kirchliche Rhetorik gegen LGBTQ+-Menschen hier ein deutlich größeres Gewicht als gewöhnliche politische Äußerungen.
Und doch begegnet man nachts in der Waschlowani-Straße einem Priester in schwarzer Soutane. Er steht mitten unter jenen Menschen, die von der öffentlichen Rhetorik der Kirche seit Langem als „Fremde“ – im Unterschied zu den „Eigenen“ – markiert werden. Und darin liegt etwas sehr Georgisches.
Denn die georgische Gesellschaft ist komplexer als die Parolen, mit denen man sie zu beschreiben versucht. Man kann von „traditionellen Werten“ sprechen – und sich zugleich nachts auf einer Straße wiederfinden, die gerade deshalb existiert, weil Menschen hier einen Raum für Freiheit gefunden haben.
Doch heute wirkt diese Ambivalenz nicht mehr harmlos. Der Staat versucht zunehmend, für die Gesellschaft zu entscheiden, wer sichtbar sein darf, wen man lieben darf, wo Menschen zusammenkommen dürfen – und was als normal zu gelten hat.Mit dem neuen Gesetz sind queere Menschen nicht verschwunden. Auch die Bars sind nicht verschwunden, ebenso wenig Liebe, Freundschaft oder Sex. Verschwunden ist etwas anderes: das Gefühl, ein Recht auf all das zu haben.
Und der Widerstand dagegen sieht manchmal alles andere als heroisch aus. Wie eine Bar, die einfach weiter geöffnet bleibt. Wie ein Mensch, der nachts trotzdem in die Waschlowani-Straße kommt. Oder wie ein Priester, der hier in eine Bar geht, um etwas zu trinken.
Khatia Khasaia ist Journalistin beim georgischen Dienst von Radio Liberty in Tbilisi. Zuvor arbeitete sie für die unabhängige Medienplattform Sova. Sie nahm am Workshop für Journalistinnen aus Osteuropa der taz panterstiftung teil.
Aus dem Russischen Tigran Petrosyan.
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