Synodaler Weg: Reformen ohne Rechenschaft
Sechs Jahre Synodaler Weg tun der Macht der Bischöfe keinen Abbruch. Mitreden ist erlaubt, Mitentscheiden nicht.
D er Synodale Weg sollte aus der Missbrauchskrise Konsequenzen ziehen. Doch bei Kontrolle, Rechenschaft und Machtteilung stößt der Reformprozess an seine Grenzen. Die Mitglieder der Versammlung beraten über das Monitoring der Reformen – wer setzt sie um und wer nicht. Sich in den eigenen Bistümern kontrollieren zu lassen, stößt indes auf breiten Unwillen. Das wird zum Ende der sechsten Synodalversammlung, des Reformprozesses der katholischen Kirche, sehr deutlich.
Doch was haben die letzten Jahre des Reformprozesses gebracht, wenn keine Rechenschaft bei den Mächtigen eingefordert werden kann. Seit 2019 beraten rund 230 Delegierte in der Synodalversammlung. Ausgelöst wurde der Prozess nicht aus Erneuerungseifer, sondern durch sexualisierte Gewalt und jahrzehntelange Vertuschung. Die von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragte Studie zeigte, was Missbrauch in der Kirche begünstigt: asymmetrische Machtverhältnisse, hierarchische Abschottung, Intransparenz, Klerikalismus sowie der Umgang mit Zölibat und Sexualmoral. Das war der Ausgangspunkt.
Drei Jahre lang wurde diskutiert und beschlossen. Als die fünfte Synodalversammlung 2023 endete, lagen Texte vor, die kleine Veränderungen ermöglichen. Frauen können in einigen Bistümern die Taufe spenden, und das kirchliche Arbeitsrecht hat sich verbessert. Kleine Kompromissvorschläge, die vielen nicht weit genug gehen, aber vor Ort zumindest manche Dinge möglich machen. Nun kam die Versammlung noch einmal zusammen, um zu prüfen, ob die Beschlüsse umgesetzt wurden.
Grundlage dieser Überprüfung ist ein Monitoring der einzelnen Bistümer. Doch es bleibt anonym. Nicht sichtbar wird, welches Bistum Beschlüsse umsetzt und welches sie liegen lässt. Damit fehlt etwas Zentrales: Rechenschaft. Ohne Namen gibt es weder Verantwortung noch Anerkennung. Fortschritte lassen sich nicht benennen, Blockaden nicht adressieren. Verantwortung zu übernehmen hieße, sich prüfen zu lassen – durch die eigenen Gläubigen. Es hieße, voneinander zu lernen und Macht zu teilen.
Gelächter über Diskriminierung
Genau daran entzündet sich unter den Klerikern Widerstand. Niemand möchte von Macht reden, Sie nennen sich lieber Diener Gottes. Es ist leicht, von Dienst zu sprechen, wenn man über anderen steht. Während der Debatte über Quoten – über die Frage, wie Frauen und junge Menschen im künftigen Folgegremium vertreten sein sollen – wird gescherzt. „Dann bin ich für eine Quote von über Siebzigjährigen, die keine Bischöfe sind.“ Gelächter. „Und die nächste Quote dann für Pfälzer.“
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Fünf Männer sitzen nebeneinander: Priester, Professor, Weihbischof, Bischof, Priester. Schwarz gekleidet, weißer Kragen. Sie lachen. Die Frauen und jungen Menschen in den umliegenden Reihen nicht. Am Ende wird eine Quote beschlossen. Doch von der oft beschworenen Haltungsänderung bei Männern in Machtpositionen in dieser Kirche ist in solchen Momenten wenig zu spüren. Wenn über Diskriminierung gelacht wird, ist nicht viel angekommen. Ohne Quote bleiben die Mächtigen unverändert mächtig.
Mehr Freude brauche es in der Kirche, sagt ein Bischof. Wie soll Freude entstehen in Strukturen, die Menschen systematisch ausschließen? Wie soll Vertrauen wachsen, wenn Betroffene von sexualisierter Gewalt hören, man habe nun „auch genug über Missbrauch gesprochen“? Als Johannes Norpoth ans Mikrofon tritt, wird im Saal noch gesprochen. Er beginnt trotzdem. Norpoth ist Mitglied des Betroffenenbeirats der Deutschen Bischofskonferenz.
Er spricht über den Grund dieses Prozesses, fragt, ob die Bereitschaft bestünde, mutig zu sein. Mutig genug, die eigenen Strukturen infrage zu stellen. Er benennt, was sich verändert hat: Dass heute offen über Macht, Gewaltenteilung, Geschlechtergerechtigkeit, Sexuallehre und klerikale Lebensformen gesprochen wird, ist keine Selbstverständlichkeit.
Ernüchternde Bilanz
Diese Offenheit ist der größte Ertrag des Synodalen Weges. Zugleich weist Norpoth den Vorwurf zurück, der Synodale Weg instrumentalisiere den Missbrauch für kirchenpolitische Agenden. Wer den Prozess als Missbrauch des Missbrauchs bezeichne, versuche damit, die Auseinandersetzung mit systemischen Ursachen zu diskreditieren und relativiere sowohl die Ergebnisse der Missbrauchsstudien als auch die Erfahrungen der Betroffenen.
Gemessen an der Beseitigung der systemischen Ursachen von Missbrauch bleibt die Bilanz des Synodalen Weges ernüchternd. Ja, der Synodale Weg hat Ehrlichkeit ermöglicht. Ja, er hat Themen öffentlich gemacht, die lange ausgeblendet waren. Nein, die Machtverhältnisse haben sich nicht verschoben. Beschlüsse bleiben unverbindlich. Beteiligung endet dort, wo Entscheidung beginnt.
Das ist kein Versehen, sondern Teil der Konstruktion. Synodalität ist möglich als Beratung, nicht als Mitentscheidung. Die Macht bleibt bei den Bischöfen. Damit bleibt auch das zentrale Versprechen unerfüllt, aus der Missbrauchskrise strukturelle Konsequenzen zu ziehen. Wie begrenzt der Spielraum ist, zeigt sich auch im Umgang mit Rom. Die Beschlüsse der Synodalversammlung wurden per Brief 2023 an den Papst geschickt, denn für die Umsetzung einiger Beschlüsse bräuchte es seine Zustimmung.
Eine Antwort steht aus. Seit drei Jahren. Bei der Versammlung schlug eine Teilnehmerin vor, das Schweigen aus Rom doch einfach als Zustimmung zu werten. Das ginge schließlich auch bei jeder Strompreiserhöhung. Ob dieses Schweigen des Papstes nun Respektlosigkeit, ein Politikum oder eben tatsächlich stille Zustimmung ist, bleibt erst mal offen. Entscheidend ist die Konsequenz: Ein Reformprozess, der aus einer Gewaltgeschichte heraus entstanden ist, bleibt ohne Rückmeldung der Instanz, die über verbindliche Veränderungen entscheidet.
Mit der Synodalkonferenz soll der Reformprozess weitergehen. Voraussetzung ist allerdings, dass Rom zustimmt. Dort sollen Lai*innen und Bischöfe gemeinsam beraten. Das ist ein Fortschritt. Doch die entscheidende Frage ist: Bleibt es beim Gespräch, oder entsteht echte Mitentscheidung und Rechenschaftspflicht?
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