Statistik für 2025: Nur noch halb so viele Erstanträge auf Asyl
Bundesinnenminister Dobrindt verkauft den dramatischen Rückgang der Flüchtlingszahlen als seinen Erfolg. Dabei liegt der Grund eher im Nahen Osten.
Im vergangenen Jahr kamen nur rund halb so viele Geflüchtete nach Deutschland wie noch 2024. Das Bundesinnenministerium präsentierte am Sonntag eine neue Statistik, wonach die Zahl der Erstanträge auf Asyl von rund 230.000 auf etwa 110.000 gefallen ist. Betrachtet man auch die Folgeanträge, bleibt ein Rückgang von 250.945 auf 168.543 – und damit um rund ein Drittel. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte: „Wir ordnen mit Klarheit und Konsequenz das Migrationsgeschehen.“
Dobrindt hat in den bisherigen acht Monaten seiner Amtszeit einen Kurs der massiven Abschottung eingeschlagen. Mit der höchstwahrscheinlich illegalen Zurückweisung von Asylsuchenden an den deutschen Grenzen, den damit einhergehenden verstärkten Grenzkontrollen und dem ausgesetztem Familiennachzug für subsidiär Geschützte sollen Geflüchtete davon abgehalten werden, nach Deutschland zu kommen. Gleichzeitig forciert die Bundesregierung Abschiebungen und zwang 2025 erstmals seit vielen Jahren auch wieder Menschen zurück nach Afghanistan und Syrien, wo die Menschenrechtslage schlecht ist.
Dobrindt präsentierte diese Politik der Härte nun als Grund für die zurückgegangenen Antragszahlen: „Das klare Signal aus Deutschland heraus, dass sich die Migrationspolitik in Europa geändert hat, ist in der Welt angekommen.“ Und weiter: „Kontrolle, Kurs und klare Kante wirken.“
Genau daran gibt es aber erhebliche Zweifel. Denn der massive Rückgang der Antragszahlen begann schon vor Dobrindts Amtsantritt im Mai. Auch im ersten Quartal 2025 lag die Zahl der Anträge schon um 45 Prozent niedriger als im gleichen Zeitraum 2024. Der Hauptgrund für den Rückgang ist wohl nicht die deutsche Innenpolitik, sondern vielmehr die sicherheitspolitische Lage im Nahen Osten. Ende 2024 stürzten syrische Rebellen den Langzeitdiktator Baschar Al-Assad und sein brutales Regime. Zwar gibt es weiterhin gravierende menschenrechtliche, politische und wirtschaftliche Probleme in dem Land, allerdings haben sich die Verhältnisse dort soweit stabilisiert, dass deutlich weniger Syrer*innen das Land Richtung Europa verlassen.
Alexander Dobrindt, CSU
Rückgang auch in anderen europäischen Ländern
Gegen Dobrindts Behauptung, seine Politik habe die Flüchtlingszahlen gesenkt, spricht außerdem, dass die Antragszahlen auch in vielen anderen europäischen Ländern deutlich gesunken sind. EU-weit sank die Zahl der Erstanträge im ersten Halbjahr 2025 um 23 Prozent. Neuere Zahlen gibt es noch nicht für alle Länder.
Deutlich zu erkennen war aber bereits, dass der Rückgang der Erstanträge in jenen Ländern besonders deutlich war, die zuvor Hauptziel für syrische Geflüchtete waren, unter anderem weil es dort bereits große syrische Communities gibt. Deutschland steht hier an erster Stelle, aber auch Österreich verzeichnete einen Rückgang um über 30 Prozent. Schwächer war der Rückgang dagegen in Ländern, in die vor allem Menschen aus afrikanischen Staaten flüchten, etwa Italien und Spanien. Letzteres wurde im Verlauf des vergangenen Jahres auch zunehmend zum Ziel für spanischsprachige Menschen aus Venezuela, die vor der dort seit Jahren grassierenden Wirtschaftskrise flohen. Welche Auswirkungen die jüngste Militärintervention der USA dort nun hat, ist noch nicht auszumachen.
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