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Stadtplanung mit jungen Menschen„Kinder sollen ein Gefühl für den gebauten Raum entwickeln“

Eine Schau im Urbaneo widmet sich dem Bauen im – und mit Bestand: Auch das wird nur durch Beteiligung erst richtig zukunftsträchtig.

Kinder müssen sich meist in ohne sie geplanten Städten zurechtfinden. Dabei hätten sie doch eigene Gestaltungsideen einzubringen Foto: Hartwig Lohmeyer/Joker/imago

Interview von

Linn Bertelsmeier

taz: Frau Rädlein, warum ist es so wichtig, junge Menschen an der Stadtplanung zu beteiligen?

Judith Rädlein: Mitmachen – das ist doch eine Grundlage unserer Demokratie. Wenn Menschen sich bei Entscheidungen mitgemeint fühlen und mitgenommen werden, dann stärkt das unser gesellschaftliches Miteinander. Und davon abgesehen ist das doch absurd: Menschen, die kurz vorm Abnippeln sind, planen etwas für Menschen, die viel länger damit zu tun haben werden.

taz: Schauen wir auf Hamburg. Wer hat die Stadt für wen gebaut?

Judith Rädlein: Noch immer denken sich ältere, meist männliche Menschen die Architektur am Schreibtisch aus. Und für wen? Sie selbst würden wohl sagen: für die Menschen.

Manche verstehen das auch total falsch und sehen in unserer Arbeit nur ein bisschen Kinderbespaßung. Die dürfen mal was aus Pappe bauen, das sieht dann schön aus und fliegt sofort in die Tonne. Aber das wäre eine Verhohnepipelung der jungen Menschen

taz: Sie klingen nicht so überzeugt.

Judith Rädlein: Nee, weil junge Menschen da überhaupt nicht vorkommen. Dabei schreibt in Hamburg das Bezirksverwaltungsgesetz die Teilhabe sogar vor. Darin steht, dass Kinder und Jugendliche an sie betreffenden Belangen beteiligt werden müssen. Den Paragrafen gibt es schon ziemlich lange, er ist aber wirkungslos.

Bild: Foto: Kindermuseum HH
Im Interview: Judith Rädlein

39, ist Sozialwissenschaftlerin und Ethnologin. Sie ist Geschäftsführerin des Vereins Kindermuseum, der das junge Architekturzentrum Urbaneo in der HafenCity trägt.

taz: Woran liegt das?

Judith Rädlein: Es ist eine schöne Idee, die nicht zu Ende gedacht wurde. Wir hören immer wieder von den Behörden, die sich damit beschäftigen, dass sowohl das Wissen als auch die Zeit fehlen. Doch das Schöne ist, dass es hier in Hamburg an entscheidenden Stellen ein Interesse gibt, sich für die Teilhabe junger Menschen zu öffnen. Auch wenn bei konkreten Projekten häufig auf die sehr strengen Wettbewerbsverfahren und Ausschreibungen verwiesen wird.

taz: Welche Projekte sind das?

Judith Rädlein: Der Opernbau zum Beispiel. Erst gab es einen Wettbewerb und nun wurde ein Endergebnis gekürt. Das ist dann beschlossene Sache. Und wenn dann ein Kind bei uns sagt, dass ein Pool auf dem Dach doch toll wäre, geht das leider nicht mehr. Für die Beteiligung wurden wir auf die umliegenden Freiflächen verwiesen. Doch auch die dürfen nicht zu sehr verändert werden, weil sie ja Teil des „künstlerischen Geniestreichs“ sind. Rutschen dahin zu stellen geht also auch nicht. Und auch, wenn das jetzt zwei spaßige Ideen von Kindern sind, zeigen sie doch, dass die Bedürfnisse von Kindern am besten bereits im Planungsbüro mitgedacht werden müssten.

Die Ausstellung

„Nichts Neues – Besser Bauen mit Bestand“, Vernissage am 8.5., Urbaneo, Am Strandkai 7, Hamburg, montags und freitags 14-18 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen 11-18 Uhr. Bis 24.8.

taz: Und trotzdem ermutigen Sie im Urbaneo Kinder und Jugendliche, losgelöst von diesen ganzen Vorgaben zu denken.

Judith Rädlein: Manche verstehen das auch total falsch und sehen in unserer Arbeit nur eine spielerische Komponente. Nach dem Motto: Das ist so ein bisschen Kinderbespaßung. Die dürfen mal was aus Pappe bauen, das sieht dann schön aus und fliegt sofort in die Tonne. Aber das ist überhaupt nicht unsere Idee von Partizipation, das wäre eine Verhohnepipelung der jungen Menschen. Ganz konkret haben wir zum Beispiel mit Schulklassen ihren neuen Schulhof geplant. Dafür haben wir Ideen erst besprochen und sie dann mit Knete und Bausteinen modelliert, so können neue Impulse schnell eingebracht werden. Kinder sollen bei diesen Überlegungen ein Gefühl für sich selbst und den gebauten Raum um sie herum entwickeln, darum geht es uns. Das ist die Grundlage für eine Mitsprache bei der Stadtplanung.

taz: Wie funktioniert das, ein Gefühl für sich selbst und die Welt drumherum zu bekommen?

Judith Rädlein: Es geht alles über die Wahrnehmung. Wer sich in der Stadt bewegt, kann sich zwischendurch einfach mal fragen: Was macht das mit mir? Je­de:r weiß, wie es sich anfühlt, auf dem Weg zur Arbeit oder im Park zu sein. Also sind wir alle Ex­per­t:in­nen für Baukultur.

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