piwik no script img

Staatsschauspiel DresdenZumindest das Theater kann die Welt noch retten

Volker Lösch führt in Dresden Voltaires einfältigen „Candide“ als Anwalt der Apokalypsebewussten vor.

Haben sie diesen Optimismus gefunden? Nahuel Häfliger, Philipp Grimm, Nihan Kirmanoğlu und Gerriet Schwen in Löschs „Candide“ Foto: Sebastian Hoppe

Aus der SPD austreten und den Mitgliedsbeitrag an Klimaretter und Hilfsorganisationen spenden: Diesen Entschluss habe er gefasst, gesteht ein Genosse auf der Premierenfeier. Eine beabsichtigte Sofortwirkung der „Candide“-Inszenierung von Volker Lösch am Dresdner Schauspielhaus?

Denn in seiner stets unvermeidlichen Schlusspredigt findet der Regisseur zu jenem Optimismus, nach dem der einfältige Candide in der brutalen Welt vergeblich sucht, in die er wider Willen geworfen wird: nicht die Weltrettung von oben erwarten, sondern selbst „einfach machen“. Das meint auch Unterstützung einer ganzen Liste konkret genannter Initiativen, Vereine und Häuser.

Die Hartnäckigkeit, mit der der 62-jährige Lösch seit 30 Jahren leidenschaftlich die Weltübel anprangert, ist nur zu bewundern. Im Dresdner Premierenpublikum applaudierte auch eine Gruppe junger Zu­schaue­r*in­nen auffallend intensiv. Doch Löschs Ausdruck von Empathie schrammt regelmäßig am Missionarischen, an der Agitation entlang.

Das Staatsschauspiel und der Regisseur greifen treffend einen Voltaire von 1759 auf, der sich wiederum auf das Universalgenie Leibniz und dessen Theodizee bezieht. Also die Frage nach Qualität und Gerechtigkeit eines imaginierten Gottes angesichts der Erbärmlichkeit der Welt. In „Candide oder der Optimismus“ macht der naive „Held“ diese Erfahrung, als er aus seinem wohlbehüteten adligen Paradies vertrieben wird.

Auch die Idee von Texter Soeren Voima, diesen Candide im Wendejahr 1990 ausgerechnet aus dem meist zuerst mit Karl May assoziierten Radebeul in Sachsen aufbrechen zu lassen, hat noch Witz, wenn auch nicht immer Logik. Die geradezu militant nach Beitritt zum westdeutschen Paradies rufenden Ossis schwelgten ebenfalls in naivem Optimismus. 1990 erschien der Zusammenbruch des Ostblocks als ein Endsieg von Demokratie und Marktwirtschaft. Francis Fukuyama verstieg sich zur These vom „Ende der Geschichte“.

Zerbröckeltes Fundament

Aber schon der Prolog springt sofort in die deprimierende Gegenwart. Da wird der „kollektive Optimismus“ vermisst und festgestellt, dass „unser gemeinsames Fundament zerbröckelt“. Das Bühnenbild, einmal mehr von Gary Gayler entworfen, führt das augenfällig vor. Ein mehrteiliger Felsblock, TÜV-gerecht mit Treppen und Geländern gesichert, verliert nach und nach immer mehr seine Elemente und damit den Boden des Handelns.

Der Lösch-typische Bürgerchor ist auf die neun Dar­stel­le­r*in­nen geschrumpft. Alternierend mit langen Monologen, Deklamationen, Berichten Einzelner, denen jeweils alle acht anderen andächtig zuhören. Als sollte dieses permanente Wortdiktat vorab gerechtfertigt werden, ermuntern die Akteure sich und ihre Gäste gleich anfangs mit dem bekundeten „Glauben an die Kraft des Theaters“.

Die nachfolgende Jagd durch verschiedene Erdteile muss in der Tat aufrütteln. Klimafolgen, Kriege, Despotismus in Diktaturen, die halbe Menschheit auf der Flucht, dramatische Seenotrettung von Migranten, Afghanistan, die Perversionen des amerikanischen Brutalkapitalismus, ein „Boss“ mit einem roten Basecap. Das weiß man aber eigentlich längst. Was erschreckt uns noch?

Das Stück

„Candide oder der Optimismus“, Schauspielhaus Dresden. Nächste Vorstellungen: 30. 1., 7. und 23. 2., jeweils 19.30 Uhr

Mittel, die das Theater böte, werden allein schon durch die geradezu protestantische Wortlastigkeit verschenkt. Durchweg forciert, imperativ vorgetragen. „Lecture Performance“ träfe diese Inszenierung besser. Sinnlich passiert nicht viel. Die persönliche Wegsuche dieses Candide, an die gleichfalls irritierte Zuschauer andocken könnten, wird nicht nachvollziehbar gezeichnet. Erschwert noch dadurch, dass er ständig von anderen und nur an einer Bubikopfperücke erkennbar gespielt wird.

Drei mitspielende Ak­ti­vis­t*in­nen zeigen sich hand- und mundwerklich beachtlich fit. Den Eindruck, diesmal einen un-schlüssigen Lösch gesehen zu haben, können sie nicht verhindern.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare