Sprengstoff in der Ostsee: Ringen um die Weltkriegsmunition
In Kiel läuft seit Jahren die Vorbereitung für die Bergung militärischer Altlasten aus der Ostsee. Aber der Bund hat sich für Rostock entschieden.
Am Eingang des Kieler Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung steht eine verrostete Seemine, ein Teppich auf dem Boden zeigt Aufnahmen von Munitionshülsen, die auf dem sandigen Meeresgrund liegen wie Kippen in einem Riesenaschenbecher. 1,6 Millionen Tonnen solcher Hinterlassenschaften der Weltkriege finden sich allein in den deutschen Meeren – buchstäblich Zeitbomben, denn aus ihnen treten Schadstoffe aus, die sich bereits in Fischen und Muscheln nachweisen lassen.
Seit Jahren befassen sich Expert:innen mit der Frage, wie die Alt-Munition geborgen werden kann. Doch bis die Räumung im größeren Stil beginnt, sind noch rechtliche und finanzielle Hindernisse zu bewältigen.
Das schleswig-holsteinische Kompetenzzentrum für den Umgang mit Munition in der marinen Umwelt, kurz Munimar, soll dabei helfen. Daran beteiligt sind Fachleute aus Firmen, Verwaltung und Forschung. Bei einem Treffen berieten sie die nächsten Schritte. Die Veranstaltung in Kiel soll ein Zeichen senden: Der Norden legt los, egal was anderswo passiert.
„Anderswo“ meint Berlin, wo im Bundeshaushalt Geld für die Munitionsbergung locker gemacht werden muss, und es meint Mecklenburg-Vorpommern. Dort soll das neue „Bundeszentrum zur Munitionsbergung“ seinen Sitz bekommen. Deren Gründung hatten CDU/CSU und die SPD in ihrem Koalitionsvertrag beschlossen und dort einen Standort in einem östlichen Bundesland festgelegt. Im vergangenen Sommer fiel die Entscheidung für Rostock als Standort.
Ärger über Standortwahl
Bei der Konferenz in Kiel gab es kaum Verständnis dafür. „In Schleswig-Holstein sitzt die Expertise“, sagt Andreas Burmester, der seit 2022 als maritimer Koordinator die Landesregierung berät. Der ehemalige Technik-Vorstand der Kieler Werft Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) befürchtet, dass in diesem Jahr in Mecklenburg-Vorpommern – dort wird im Herbst ein neuer Landtag gewählt – wenig vorangeht.
Zudem sei in Schleswig-Holstein die Bevölkerung bereits für das Thema sensibilisiert, sagt ein anderer Teilnehmer: „Wenn von Munitionsbergung die Rede ist oder entsprechende Schiffe vom Strand aus zu sehen sind, sorgt das erst mal für Ängste.“ Jens Greinert, Meeresgeologe am Geomar und seit Jahren in verschiedenen Forschungsprojekten mit der Munitionsbergung befasst, sieht die Entscheidung pragmatisch: „Egal, wir machen hier weiter.“
Denn in Kiel sind die Vorbereitungen nach mehr als zehn Jahren Vorlauf so gut wie abgeschlossen, erste Tests verliefen erfolgreich. Zurzeit lagert ein Großteil der bereits geräumten Munition in sogenannten Nasslagern am Meeresgrund, denn für die endgültige Bergung und Zerlegung müssen noch rechtliche Fragen geklärt werden.
„Wir müssen jetzt in die Umsetzung kommen“, sagt Sabine Schulze von der Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein. Für die Wirtschaft bietet die Munitionsräumung ein neues Betätigungsfeld – und die in der Ostsee getesteten Methoden können weltweit exportiert werden. Denn Munition liegt in fast allen Meeren, durch aktuelle Konflikte wachsen die Berge täglich weiter.
Mehrere Konsortien bewerben sich um öffentliche Mittel, um damit unter anderem Förderplattformen zu bauen, auf denen die Munition noch auf See zerlegt werden kann. Beteiligt sind Waffenproduzenten wie TKMS und Rheinmetall, aber auch Spezialfirmen für Robotik und Arbeiten unter Wasser.
2030 soll es losgehen
Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Möglicherweise könnten sogar mehrere Konsortien einen Zuschlag erhalten, glaubt Andreas Burmester: „Je nach Art der Munition und ihrer Lage auf dem Meeresgrund braucht man unterschiedliche Verfahren.“ Die Entscheidung soll im Juni fallen.
100 Millionen Euro hatte der Bund für die Entwicklung der neuen Technik bewilligt. Für die eigentliche Arbeit, die 2030 beginnen könnte, müsste es weitere Mittel geben – wieder geht es um Millionenbeträge. Dann sollte es möglich sein, die Lübecker Bucht bis 2040 weitgehend frei von Munition zu machen, sagt Jens Greinert. Insgesamt sei die Räumung eine „Generationenaufgabe“, sagt Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne).
Aus Sicht Schleswig-Holsteins müssten sich der Bund und alle Bundesländer an den Kosten beteiligen. „Das ist kein Problem allein der Küstenländer, sondern aller“, sagt Andreas Burmester. Ein Großteil der Munition landete kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Meer, als die Alliierten dem besiegten Deutschland aufgaben, in kurzer Zeit alle Waffen zu vernichten.
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