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Sprachwissenschaftler über Fußball„Die Fußballsprache ist genauso alt wie der Fußball selbst“

Der Linguist Simon Meier-Vieracker analysiert Fußballsprache und -phrasen. Ein Gespräch über Militärmetaphern, Traditionspflege und Veränderungen.

Interview von

Marvin Pögelt

taz: Herr Meier-Vieracker, ein Sprachwissenschaftler, der sich mit Fußball beschäftigt. Wie passt das zusammen?

Simon Meier-Vieracker: Nun ja, über Fußball wird ja auch gesprochen und geschrieben, und zwar ausgesprochen ausdauernd und ausführlich. Wenn man schaut, wie viel Prozent der Pressetexte im deutschsprachigen Raum von Fußball handeln, kommt man auf erstaunliche acht bis zehn Prozent. Allein die schiere Menge, die der Fußball zum Gegenwartsdeutschen beiträgt, macht es in meinen Augen erforderlich, dass die Wissenschaft das auch in den Blick nimmt. Außerdem ist die Fußballsprache auch als Fachsprache, emotionaler Jargon oder als Metaphernspender und -empfänger ein hochinteressantes Phänomen.

taz: Fußball schaut oder spielt man doch. Warum sollte man sich unbedingt die Sprache anschauen?

Meier-Vieracker: Natürlich ist die reine Bewegung, die den Fußball als Sport ausmacht, etwas, was ohne Sprache funktioniert. Aber schon die Organisation des Sports braucht ein Regelwerk und das besteht aus Sprache. Coaching im Training, im Spiel oder in der Halbzeitpause funktioniert im Wesentlichen über Sprache. Und auch die Berichterstattung, ohne die der Fußball als Geschäft nicht funktionieren könnte, bedient sich der Sprache. Ohne Sprache würde dieser riesige Markt mit Milliardenumsätzen, den der Fußball ja bedeutet, nicht funktionieren.

Im Interview: Simon Meier-Vieracker

Jahrgang 1980, ist seit 2020 Inhaber der Professur für Angewandte Linguistik an der TU Dresden. Er forscht unter anderem zur Wissenschaftskommunikation, zu Sprache und Medizin und zur Sprache des Fußballs. Für seinen Social-Media-Kanal „fussballinguist“ wurde er 2023 zum „Goldenen Blogger“ in der Kategorie „TikTok“ ausgezeichnet. 2024 veröffentlichte er das Buch „Reingegrätscht: Eine kleine Linguistik des Fußballs“.

taz: Was macht ein Sprachwissenschaftler überhaupt?

Meier-Vieracker: Es geht um die wissenschaftliche Erforschung von Sprache in all ihren Facetten. Es geht nicht nur darum, die deutschen Grammatikregeln oder ihre Entstehung zu erforschen, auch nicht allein um das Erforschen anderer Sprachen. Wir Sprachwissenschaftler schauen uns an, in welchen Kontexten Sprache wie und wofür gebraucht wird und wie sie funktioniert. Dafür arbeiten wir mit Experimenten, aber auch mit computergestützten Analysetools, mit denen wir versuchen, unter anderem große Textmengen untersuchbar zu machen.

taz: Wie kam es eigentlich zu der Fußballsprache, die wir heute sprechen?

Meier-Vieracker: Die Fußballsprache ist genauso alt wie der Fußball selbst. Als der Fußball erfunden wurde, mussten zumindest rudimentär Regeln formuliert werden und dazu musste man sich erst einmal auf ein paar Begriffe einigen, wie „Tor“ beispielsweise. Da der Fußball in England erfunden wurde, waren das natürlich zunächst englische Begriffe.

taz: Und wie entstanden dann die deutschen Begriffe?

Meier-Vieracker: Auf das europäische Festland kam der Sport durch englische Studierende, die in der Schweiz, in der Nähe von Genf, einen Auslandsaufenthalt hatten. Von dort aus hat sich der Sport dann zunächst in Gemeinschaften etabliert, die dem Englischen zugewandt waren. In Dresden gründete sich 1873 beispielsweise der Dresden English Football Club. Gerade weil er ein englisches Kulturgut war, wurde er im nationalistisch gestimmten Kaiserreich gar nicht so gern gesehen. Er wurde immer wieder als „englische Fußkrankheit“ abgelehnt. Für den deutschen Fußball und seine Sprache war schließlich Konrad Koch, ein Gymnasiallehrer aus Braunschweig, von entscheidender Bedeutung. Er wollte den Fußball populär machen und versuchte, seinen Kritikern zumindest sprachlich den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er ganz gezielt zur Image-Aufbesserung die Fußballsprache eindeutschte.

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

taz: Wie genau?

Meier-Vieracker: Er überlegte damals systematisch: Wie können wir „offside“, „kickoff“ oder „corner kick“ auf Deutsch am besten nennen? Von ihm kommen die Vorschläge, von „Abseits“, „Anstoß“ oder „Eckstoß“ zu sprechen. Neben der Fachsprache war auch die Militärmetaphorik von Anfang an sehr prägend. Wir sprechen vom „Angriff“, „Sturm“, von „Flanken“, wir „schießen“. Das liegt nahe: Fußball ist ein Wettkampf von zwei Teams, die sich auf einem „Schlachtfeld“ gegenüberstehen, es geht um „Raumgewinne“. Der Fußball wurde im Kaiserreich, und damit in einer hoch militarisierten Gesellschaft, schließlich doch noch populär. Das Militär genoss allerhöchstes Ansehen und deswegen waren diese Metaphern auch besonders anschlussfähig.

taz: Ist das immer noch so?

Meier-Vieracker: Unsere heutige Sprache über Fußball ist im Vergleich zu früher wesentlich weniger militärisch und martialisch. Noch in den 1950er Jahren finden wir regelmäßig in den Berichten, dass die „Abwehr mit schweren Geschützen zusammengeschossen“ wurde und der „Gegner niedergemetzelt“ wird und „dauernd Bomben und Granaten fliegen“. Mit neuen Entwicklungen sind dafür andere Metaphern wichtiger geworden: Heute sprechen wir beispielsweise vom „Sieger-Gen“ oder der „Schaltzentrale“. Solche technischen Metaphern setzen sich immer mehr durch. In Deutschland gibt es außerdem einen gewissen Trend zu Anglizismen. Es ist unter Kommentatoren populär geworden, nicht mehr vom „Strafraum“, sondern von der „Box“ zu sprechen. In der Schweiz war das Englische nie verschwunden: Wie erwähnt kam der Fußball in Europa zuerst in die Schweiz, aber seit jeher spricht man dort von „corner“, „offside“, „match“ und „penalty“. Das klingt dann für uns Deutsche manchmal so, als würden sie neumodische Anglizismen verwenden, aber eigentlich sind sie die Konservativen.

taz: Gibt es heute neue Phrasen und Vokabeln?

Meier-Vieracker: Ich finde die Fußballsprache erstaunlich stabil. Es gibt natürlich immer wieder einmal technische und taktische Innovationen, die dafür sorgen, dass Begriffe wie „Gegenpressing“ bekannt werden. Um 2010 wurde dieser Stil mit Jürgen Klopp populär. An sich ist die Fußballsprache aber sehr auf Traditionspflege ausgerichtet.

taz: In den vergangenen Jahrzehnten ist der Fußball immer monetarisierter und machtpolitischer geworden. Spiegelt sich das auch in der Sprache wider?

Meier-Vieracker: Eher nicht. Ich stimme natürlich völlig zu, mit jeder WM wird die Schraube noch einmal ein paar Umdrehungen weitergedreht. Der neue „Hydration Break“ ist offiziell als Maßnahme zum Schutz der Gesundheit der Spieler eingeführt worden. Sie ist aber eben auch eine Gelegenheit, noch mehr Werbung auszuspielen. Für die Fußballsprache ist aber das Relevante, was die Reporter aus den Bildern machen. Diesbezüglich sehe ich keine großen Veränderungen. Im Gegenteil: Die Traditionspflege wird dazu genutzt, sich eine Insel der Glückseligen zu schaffen.

taz: Sagt die Fußballsprache auch etwas über die Gesellschaft, die sie spricht, aus?

Meier-Vieracker: Ich wäre da sehr vorsichtig. Man kann sich natürlich Fußballphrasen im Sprachvergleich zwischen verschiedenen Gesellschaften anschauen. In katholisch geprägten Ländern sind oftmals Metaphern religiösen Ursprungs wesentlich populärer. Es gibt im Französischen das „pain béni“, das „gesegnete Brot“, wofür wir im Deutschen einfach nur „Geschenk“ sagen würden. Oder wenn wir „alle Register ziehen“, sagen die Spanier sinngemäß, „das ganze Fleisch auf den Grill legen“. Bei solch kulturellen Prägungen, die sehr allgemein sind, geht es jedoch auch leicht in die Richtung, dass man kulturelle Stereotype bedient. Um aber vielleicht noch einmal ein neueres Phänomen zu nennen: Es gibt zumindest seitens der Medienberichterstattung ein größeres Bewusstsein für potenziell diskriminierende Sprache. Ausdrücke wie „Eier haben“, ich erinnere an das Interview mit Oliver Kahn, oder die Redewendung „Das war mal richtiger Männerfußball!“ sind in die Kritik geraten.

taz: In den sozialen Netzwerken betreiben Sie Ihren Kanal „fussballinguist“. Wie entstand die Idee?

Meier-Vieracker: Als ich angefangen habe, mich mit der Fußballsprache zu beschäftigen, waren meine ersten Ergebnisse zu klein für eine echte Publikation, aber doch zu schön, um sie in der Schublade verschwinden zu lassen, und deshalb begann ich meinen Blog. Um den zu bewerben, meldete ich mich bei Twitter an. Dort konnten Nutzernamen nur maximal 15 Zeichen lang sein, deswegen musste ich aus „fussballlinguistik“ „fussballinguist“ machen – mit zwei „l“. Ich habe später auch mit Tiktok und Instagram angefangen, habe aber dort dem Fußballthema nie besonderen Raum gegeben. Dort greife ich eher andere Videos auf, um den ein oder anderen Sprachmythos zu entkräften. Da das Zielpublikum insgesamt jünger ist und die Videos in seiner Freizeit konsumiert, ist der Ton natürlich insgesamt ein bisschen lockerer. Gleichwohl verzichte ich nicht auf Fachbegriffe, schließlich bin ich primär immer noch Wissenschaftler.

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