Sprachprobleme im Landkreis Rotenburg : Mit dem N*-Wort ist kein Necken möglich
In Kirchwalsede nutzt der Bürgermeister das N*-Wort, aus Spaß, wie er sagt. Der Gemeinte zeigt ihn an – und die Dorfgemeinschaft kann das gut verstehen.
I m niedersächsischen Kirchwalsede, einem Dorf mit 1.250 Einwohnern, hängen bunte Banner gegen Rassismus. Aufgehängt von Menschen aus dem Ort, die offenbar fanden, dass etwas gesagt werden müsse. Auf einem steht: „Worte sind nicht harmlos.“ Dass sie hier zu solchen Mitteln greifen, ist keine Randnotiz, denn wäre alles halb so wild, hingen diese Banner nicht.
Halb so wild – so soll der Fall aber wirken: Der dortige Bürgermeister hat zu einem Schwarzen Mitbürger öffentlich das N-Wort gesagt, hinterher soll es „Necken“ gewesen sein. Nur ist das N-Wort eine rassistische Beleidigung, aufgeladen mit der Geschichte von Kolonialismus, Entmenschlichung und Gewalt. Wer dieses Wort benutzt, ruft diese Geschichte mit auf – ganz gleich, wie jovial er sich dabei selbst vorkommen mag.
Der beleidigte Mann ist Daniel Osei-Kwaku, 46, ehrenamtlicher Fußballtrainer und Schiedsrichter im örtlichen Sportverein. Er arbeitet als pädagogischer Sozialassistent in der Kita Lummerland – in der Jim-Knopf-Gruppe. Das gibt der Sache ein extra Geschmäckle, denn das N-Wort fiel zuletzt bei einer öffentlichen Veranstaltung eben dieser Kita. Also an einem Ort, der für Schutz, Bildung und Respekt stehen müsste.
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Solche Sprüche habe er von Kindesbeinen an ertragen, erzählt Osei-Kwaku, der mit seinem Bruder in einem Kinderheim aufwuchs. Das habe im Dorf quasi zum Umgangston gehört. Früher habe er „nicht so eine Welle machen“ wollen. Aber es habe ihn seelisch zermürbt. Irgendwann war für ihn eine Grenze erreicht. „Die Strafanzeige im März war meine eigene Entscheidung, ich stehe dazu“, sagt er. Dieser Satz ist gleich die Antwort auf jene, die Osei-Kwaku zur „Marionette“ anderer erklären.
Denn das ist die nächste Volte von Bürgermeister Friedrich Lüning (FDP): Nicht der Vorwurf soll zählen, sondern demjenigen, der ihn erhebt, wird die Eigenständigkeit abgesprochen. Als sei es nicht an Osei-Kwaku selbst zu entscheiden, wann das Ertragbare überschritten ist. Dass Lüning nun ausrichten ließ, es habe den Versuch eines klärenden Dreiergesprächs gegeben, das Osei-Kwaku abgelehnt habe, ändert daran nichts. Niemand muss eine Beleidigung erst im Stuhlkreis mit dem Bürgermeister verhandeln, damit sie ernst genommen wird.
Nähe ist kein Freifahrtschein für Herabwürdigung
Was Lüning zu seiner Verteidigung nachschiebt, macht es ohnehin nicht besser. Da wird eine 25-jährige Freundschaft angeführt, als sei Nähe ein Freifahrtschein für Herabwürdigung. Da wird von einer Gegenbeleidigung als „Kartoffelbauer“ gesprochen, als ließe sich das mit einem Wort vergleichen, das Schwarze Menschen seit Jahrhunderten markiert, erniedrigt und ausgrenzt. Wer diesen Unterschied nicht erkennt, verharmlost nicht nur Sprache, sondern Geschichte.
Passend dazu wurden Kita-Interna und Personalstreitigkeiten öffentlich verhandelt. Aus einer Anzeige wegen einer rassistischen Beleidigung wurde eine Nebelkerze, in der nicht mehr die Beleidigung im Zentrum stand, sondern das Gerücht einer Intrige. Ein durchschaubares Manöver.
Dabei liegt die politische Dimension offen zutage. Ein Bürgermeister ist keine Privatfigur mit Amtskette. Er verkörpert Autorität – und damit die Frage, welche Sprache in einem Gemeinwesen geduldet wird. Umso weniger glaubhaft wirkt es, wenn Lüning im Februar noch eine erneute Bürgermeisterkandidatur ankündigt und jetzt erklärt, sein plötzlicher Rückzug habe mit der Affäre nichts zu tun.
Dass das Verfahren wegen einer versäumten Dreimonatsfrist eingestellt wurde, ändert daran nichts und ist kein moralischer Freispruch. Osei-Kwaku hat nun gegen die Einstellung Beschwerde bei der Generalstaatsanwaltschaft Celle eingelegt, wegen „Volksverhetzung“, und will die Sache durchziehen. Angst habe er nicht mehr.
Die Banner, die in Kirchwalsede hängen, stammen aus seinem Umfeld, von Freunden. Die zivilcouragierte Botschaft sitzt: „Worte sind nicht harmlos.“ Nicht, wenn sie einen Menschen herabsetzen. Schon gar nicht, wenn sie aus dem Mund eines Amtsträgers kommen. Und vor allem nicht, wenn bis heute noch nicht mal eine Entschuldigung gefolgt ist.
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